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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 261 (sequence 11)
Language
German
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261 Es tut mir leid, dieses schöne Pathos für gänzliche leere Rhetorik erklären zu müssen. Trotzdem Mose die steinernen Tafeln zerbrochen hat, wissen wir ganz genau, was aus ihnen gestanden hat und „wenn wir uns eine Weile auf den Standpunkt des Wortlautes der Thora stellen," haben es die damaligen Israeliten nicht nur gewußt, nachdem Mose die Tafeln zertrümmert hatte, sondern bevor sie überhaupt geschriebenwaren. Denn was stand auf ihnen? Die zehn Gebote. Diese waren ja aber vorher dem ganzen Volke laut verkündet worden, all die Hunderttausende hatten sie vernommen und sich, wie es sich von selbst versteht, immer wieder eingeprägt. (Ex. 19, 20.) Erst nachher steigt Mose auf den Gipfel des Berges zu Gott, wird dort über den Bau des Heiligtums der Stistshütte belehrt und erhält schließlich nach Verlauf von vierzig Tagen die steinernen Tafeln. (Ex. 31, 18.) Ist es nicht ein starkes Stück, daß jemand einer Versammlung, in der sich die ersten Theologen des Reiches befanden, derartiges bieten durste, was jeder gewöhnliche Jude, der nur ein wenig in seinein Pentateuch Bescheid >veiß, auf der Stelle widerlegen kann? Es kommt aber noch besser. Ueber den Zweck der Tafeln hat Delitzsch gleichfalls eine ganz verkehrte Meinung. Sie sollten nicht etwas Neues bekannt machen und wie der Gesetzesblock Hammnrabis öffentlich ansgestellt werden, im Gegenteil, sie sollten nie gelesen und nie von jemandem auch nur angesehen werden. Sie wurden ja in die Bundeslade gelegt und mit dem Deckel, mit den Cherubim zugedeckt. Die Bundeslade aber wurde nie geöffnet, ja, sie auch nur anzurühren, war aus das strengste verboten! Israel sollte Gott ein Heiligtum bauen, damit er in ihrer Mitte wohne, d. h. es sollte sich einen gottgeweihten Mittelpunkt schaffen, an dem sich alle Beziehungen der Heiligkeit orientieren und konkret-symbolisch darstellen konnten. Im Hintergründe, dem Allerheiligsten, geradeswegs den Altären und dem Eingang gegenüber, stand die Bundeslade, in der die steinernen Tafeln lagen. Sie waren die symbolische Gegenwart Gottes, und ihr Standort bedeutete, daß das ganze Leben des Volkes, zumal das religiöse, sich angesichts Gottes und seines Gesetzes, dessen Fundament die zehn Gebote sind, abspielen sollte. Als nun Mose vom Berge herabkommt, das herrliche Gottesgeschenk, das künftige Unterpfand der göttlichen Gegenwart und Symbol des Berufes Israels, all sein Tun unter de»» Willen Gottes zu stellen, auf seinen Armen, selber das Antlitz strahlend in überirdischem Glanze heiliger Freude nud das Volk im wüsten Taumel einen Götzen anbeten sieht, da schleudert er in gerechtem Zorn die Tafeln zu Boden, daß sie in Stücken gehen. Denn was sollten sie einem Volke, das von Gott nichts wissen wollte? Das Volk hatte die Tafeln zerbrochen, ehe Mose es tat. — Aber als es seine Verirrung erkennt und tief bereut, verzeiht ihm der Allgnädige uud erneuert den Bund und die Tafeln. Weiter soll Mose sich schwer vergangen haben, daß er bei der Wiederholung des Gesetzes im fünften Buche die zehn Gebote nicht genau zitiert hat. Aber im fünften Buch zitiert Mose überhaupt nichts, sondern er wiederholt vieles, um es zu erklären und zu erläutern, also natürlich ohne genau dieselben Worte zu gebrauchen. Was hätte denn eine solche wörtliche Wiederholung und ihre Niederschrift überhaupt für einen Sinn gehabt? Daß für das Sabbatgebot im zweiten Buch ein anderer Grund angegeben werde als im fünften (2. M. 20, 11; 5. M. 5, 14 ff.'), wird zwar von der Kritik, die keine Exegese versteht, unentwegt behauptet, ist aber trotzdem falsch. Es heißt nämlich im zweiten Buche nach dem Gebote, am Sabbat zu ruhen: „Denn in sechs Tagen hat Gott den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was darin ist, und ruhte am siebenten Tage, darum hat Gott den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt". Im fünften Buche aber: „und du sollst gedenken, daß du Knecht warst im Lande Aegypten und dich der Ewige, dein Gott, von dort heransgeführt hat mit starker Hand und ausgestrecktem Arm. Darum hat dir der Ewige, dein Gott, geboten, den Sabbattag zu halten." Es gehört nur ein wenig Aufmerksamkeit dazu, um folgendes zu bemerken. Im zweiteil Buche wird der Grund angegeben, warum gerade der siebente Tag Sabbat fein solle. Im fünften Buche wird dies bereits als bekannt vorausgesetzt und dafür gezeigt, welche Veranlassung gerade Israel habe, diesen Tag zu feiern. Es heißt nicht: Du sollst den Sabbat feiern, denn du warst Knecht (statt: denn in sechs Tagen hat Gott die Welt geschaffen, im zweiten Buche), sondern: und gedenke dabei, daß Du Knecht warst. Mit andern Worteil: dort wird gesagt, warum der siebente Tag Gott heilig ist, hier, warum er es Israel sein soll. Dies aber ist in dem Zwecke des fünften Buches begründet. Indem der greise Führer seines Volkes Abschied nimmt und ihnen noch einmal das göttliche Gesetz ans Herz legt, wendet er sich mit Gründen an Verstand und Gemüt (12. 31; 13,6,11; 14,2,21,29; 15, 11, 15, 18; 16, 1, 19, 22 n. o.). Der Israelit soll sich zur Befolgung der göttlichen Gebote nicht durch Furcht, sondern durch die Dankbarkeit gegen Gott, dessen Wohltaten nie vergessen werden sollen (6, 12; 7. 18; 8, 11, 14, 18; 9, 4. 7; 11. 18, 20; 15, 3; 24, 9; 25, 1), insbesondere durch die deinütige und doch erhebende und veredelnde Erinnerung an die Knechtschaft in Aegypten (5, 15; 6, 21-24; 10, 15; 16, 12; 23, 8; 24, 18, 22) getrieben fühlen. Wo aber konnte dieser Appell schicklicher sein als bei dem Sabbatgebot und zwar erst jetzt nach vierzig Jahren, nachdem Israel den Segen des Sabbats und der Freiheit recht erfahren hatte? Dieser Allklage mangelnder Gewissenhaftigkeit im Zitieren hatte Delitzsch eine besondere Schwere gegeben, indem er ihr die peinliche Treue von „uns Gelehrten" gegenüberstellt. „Wir Gelehrte machen es jedenl von uns zu schwerem Vorivurs, wenn er die Inschrift eines beliebigen Menschen, etwa eures Hirteir, der an einem Felsen der Sinaihalbinsel seinen Namen verewigt hat, auch nur in einem Schriftzeichcir ungenau oder gar falsch wiedergibt, und Moses rc." Und dabei hat unser Gelehrter in diesem Vortrag falsch zitiert! Und zwar was? Nun, nicht etwa bloß die Inschrift eines beliebigen Menschen, sondern des „heiligen Gottes ureigenste Offenbarung", nämlich eins von eben diesen zehn Geboten, die verfälscht zu haben, er soeben Mose fälschlich beschuldigt hat! Denn so lesen wir wörtlich auf Seite 26: „Oder sollte jemand wagen zu behaupten, daß der dreimal heilige Gott, der mit seinen eigenen Fingern lö ticstvl „Du sollst nicht töten" in die Steintafeln gegraben rc." Ich traute meinen Augen nicht, als ich das las und so ist es hoffentlich allen jüdischen Lesern gegangen. Was ist das, „Dn sollst nicht töten" lö tiqtol?? So etwas gibt es ja gar nicht, weder im zweiten oder im fünften Buche Mose, noch sonst in der ganzen Bibel. Nachzuschlagen würde ich mich schämen, denn jeder jüdische Knabe von spätestens zwölf Jahren muß ohne Besinnen aus die Frage, wie dies Gebot hebräisch lautet, antworten können: lö tirzach! Ja, wer auch nur ein bißchen hebräisches Sprachgefühl im Leibe hat, muß fühlen, daß es so etwas in gewöhnlicher Rede gar nicht geben kann. Denn das Zeitwort katal töten ist eigentlich kaum hebräisch und kommt nur dreimal in hochpoetischer Rede in stark aramäisch gefärbten Stellen vor (zweimal im Buch Hiob, einmal Psalm 139). Vielleicht ist eine Vermutung am Platze, wie Herr Pros. Delitzsch dazu gekommen

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