Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 260

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 260 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228550--59817-3296361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bibelhandschriften, die er selbst gesehen hatte. Er regte auch an, die Bibelhandschriften der Juden in China und in Abessynien zu untersuchen und nahm mit Aufmerksamkeit Mitteilungen über den Stand dieser Studien und über massoretische Forschungen entgegen. Auch über jüdische Geschichte zeigte der König sich gut unterrichtet und erzählte seinen Besuchern von einer sabbatianischen Gemeinde, die er in Montenegro kennen gelernt hatte. Die Erwähnung Sabbatai Zewis brachte das Gespräch auf Messiashoffnungen, und der König wies auf die Beinerkung des Rabbiners, daß wir mit dem Messias eine Zeit des allgemeinen Friedens erwarten, auf die Fortschritte hin, die die Idee des Völkerfriedens in den letzten Jahren gemacht hat. Auch über Anzahl und Lage der Juden in bm verschiedenen Ländern sprach der König. Im Verlauf des Gespräches fielen auch freimütige Worte über die jüngsten Zeitereignisse. Im Zusammenhangs damit besprach der König mit sichtlicher Befriedigung die günstige Lage der Juden im Königreich Italien wie auch die Verdienste einzelner Glaubensgenossen in hervorragender Stellung um den Staat; besonders gedachte er rühmend des Kriegsministers Ottolenghi, des Generaldirektors im Ministerium des Auswärtigen Sen. Malvano und des verstorbenen Gesandten Polacco. Nach halbstündiger angeregter und leutseligster Unterhaltung entließ der König die Herren mit wiederholtem Händedruck und dem Ausdruck der Freude über ihr Erscheinen. Als er am Abend bei seiner Abreise den Dr. Margulies am Bahnhof erblickte, reichte er ihm noch einmal die Hand, ihm mit freundlichem Lächeln einen Gruß zurufend. Eine solche Anerkennung eines jüdisch - wissenschaftlichen Instituts von seiten eines gekrönten Hauptes muß um so freudiger begrüßt werden, da sie noch seltener uns zu teil wird, als Anerkennung auf anderen Gebieten. Italien ist das Land, in dem am längsten das Ghetto und die Knechtung der Juden bestand, in dem man aber zuerst mit der Durchführung der vollen Gleichberechtigung Ernst machte. Italien war auch das Land der Inquisition und der Scheiterhaufen für die jüdische Literatur. Möge dieser erste Schritt zur Anerkennung derselben und ihres wissenschaftlichen Studiums zu weiteren segensreichen Erfolgen führen. Sie angebahnt zu haben, bleibt ein neuer Ruhmestitel in dem großen Verdienstkranz, den Dr. Margulies mit die Hebung der italienischen Juden sich erworben hat. Krok. Delitzsch' zweiter Vortrag über „Labe! und Lide!". Besprochen von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttin gen. V. ach diesen Kleinigkeiten dürfen wir uns erheblicheren Dingen zuwenden: es sind die im Anschluß an die bereits besprochene Aeußerung über Offenbarung und Verbalinspiration erfolgenden Auslassungen über die zehn Gebote und die steinernen Tafeln. „Geradezu frivol hat die Menschheit des heiligen Gottes ureigenste Offenbarung, die zehn Worte auf den Gesetzestafeln vom Sinai bis auf diesen Tag ^behandelt." Es ist gut, daß ein Christ es war, der dies gesagt hat. Aber ich bin erstaunt, daß er Luther nur die verhältnismäßig geringfügigen Aenderungen in der Zählung und Reihenfolge der Gebote zum Vorwurf macht, und die Anklage, wider ihren Geist zu verstoßen, nur gegen den katholischen Katechismus richtet, welcher entgegen dem ausdrücklichen Verbot Gottes, des Herrn, die Bilderverehrung gestattet. Kennt denn Delitzsch etwa nicht den evangelischen Katechismus? Nämlich in dem kleinen Katechismus Dr. Martin Luthers der maßgebenden Glaubensschrift der evangelischen Kirche, heißt es bei Erklärung der zehn Gebote wörtlich: „Das dritte Gebot. Du sollst den Feiertug heiligen. Was ist das? Wir sollen Gott fürchten und lieben, daß wir die Predigt und sein Wort nicht verachten, sondern dasselbige heilig halten, gerne hören und lernen." Man kann nun und nimmer behaupten, daß obiges eines der zehn Gebote Gottes sei. In diesen steht klar und deutlich: „Gedenke des Sabbats, ihn zu heiligen", »ud keine Sophistik kann darüber hinweghelfen, daß mit diesem Sabbat einzig und allein der siebente Tag der Woche, unser Sonnabend, gemeint ist. Worin null die „Heiligung" dieses Tages bestehe, ist sofort mit derselben Deutlichkeit erklärt. „Sechs Tage magst du arbeiten und all dein Arbeit verrichten. Aber der Sabbat ist ein Ruhetag, für den Elvigen deinen Gott; da sollst du keinerlei Arbeit verrichten, weder du noch dein Sohn, noch deine Tochter, noch dein Knecht, noch deine Magd, noch dein Vieh, noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist" u. s. w. Alles dieses hat Luther vollständig unterdrückt und dafür nach seinem Ermessen und seiner antikatholischen Hochschätzung der Predigt bestimmt: den Sabbat heiligen — heißt die Predigt gerne hören! Wie gesagt, wenn die Christen den Sonntag feiern und das Wesen desselben im Kirchengottesdienst sehen, so steht uns kein Urteil darüber zu. Wenn aber Luther behauptet, daß dies in der heiligen Schrift der Juden, in ihren zehn Geboten stehe, dann dürfen und müssen wir das entschieden verneinen. Wir dürfen auch behaupten, daß es im Reuen Testament nicht steht und daß es unserem Stammes- und Glaubensgenossen Jesus nicht entfernt in den Sinir gekommen ist, den Sabbat aufzuheben, auch wenn er mit den Talmudisteli gesagt hat: der Sabbat ist des Menschen wegen da und nicht der Mensch des Sabbats wegen. Aber da ist der Sabbat und soll er sein. Für den, der in den zehn Geboten mit Delitzsch „des heiligen Gottes ureigentlichsteOffenbarung" sieht, muß es unerschüttlich feststehen, daß es des heiligen Gottes Wille ist, daß wir den Sabbat heiligen sollen, und die Heiligung in der Enthaltung voll Arbeit besteht. Streiten kann man nur über den Begriff Arbeit und nur trauern kann man darüber, wenn die Sklaverei des inodernen Lebens dem Juden den Sabbat raubt, dessen tiefen Segen kein Jude, des bin ich fest überzeugt, von sich werfen würde, wenn er nicht glaubte, ihn nicht festhalten zu können. Anstatt nun seine Anklage wegen „frivoler Behandlnng der ureigentlichste« Offenbarullg des heiligen Gottes" nach dieser Seite hin zu richten, erhebt er sie — man höre und staune — gegen niemand anders als - Mose! „Aber in noch weit schwererer Weise, wenn wir uns eine Weile auf den Standpunkt des Wortlautes der Thora stellen, trifft jener Vorwurf Moses selbst, ein einstimmiger gellender Vorwurf aller Völker der Erde, die nach Gott fragen und nach Gott suchen." Aber um Gottes willen, was hat er denn verbrochen? — Er hat — die steinernen Tafeln zerbrochen!! „Man bedenke, der allmächtige Gott, „der Allumfasser, der Allerhalter", der Unschaubare, Unnahbare, er verkündet unter Donner und Blitz, aus Gewölk und Feuer heraus seinen heiligsten Willen, Gott, „der Fels, dessen Tun vollkommen," behaut mit den eigenen Fingern, die die Welt iiu Gleichgewicht halten, die zehn Gebote — da wirft Mose im Zorn die ewigen Tafeln des ewigen Gottes von sich und zerbricht sie in tausend Stücke." Also weiß mail noch heutigen Tages nicht, was auf den' steinerrren Tafeln stand.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.