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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 258

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 258 (sequence 8)
Language
German
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258 möge, in immer weitere Kreise die Kenntnis der jüdischen Geschichte und Literatur zu tragen, dadurch das Selbstbewußtsein und die Selbstschätzung der Glaubensgenossen zu heben und dadurch mitzuwirken an dem idealsten Ziele, daß die künftige Generation stolz und tapfer gegen die Angriffe aus ihren Glauben sich zu wehren wisse, daß sie sich dessen erinnere, daß auch die Juden eine große Geschichte und eine glorreiche Vergangenheit haben und über ein herrliches Schrifttum verfügen, das der Born sei, der nie versiege. Er gab unter lebhaftem Beifall der Hoffnung Ausdruck, daß die Führer der Vereine für ihre unermüdliche und selbstlose Tätigkeit den Lohn darin finden mögen, die ausgestreute Saat bald zu üppiger Blütenpracht und zu reifer Frucht sich entwickeln zu sehen. Dr. Karpeles dankte für die herzlichen Worte und wies darauf hin. daß die Berliner Gemeinde, die größte in der deutschen Judenheit, auch insofern tonangebend gewesen sei, als sie zuerst die Bedeutung der Literaturvereine erkannt und dem hier befindlichen Verein die größte Subvention zuerkannt habe, welche bisher zu diesem Zwecke gegeben worden sei. Dr. Karpeles gibt alsdann in Verbindung mit dem ersten Punkt der Tagesordnung: „Was bietet der Verband den Vereinen?" in längerer Ausführung den Bericht des geschästsführenden Ausschusses. Hiernach bestehen jetzt 173 Literaturvereine in Deutschland von Memel bis Metz, unter ihnen Vereine, welche mehr als 600 Mitglieder zählen, Berlin sogar 740 Mitglieder. Das Hauptaugenmerk sei auf die kleinen Vereine zu richten, die häufig der einzige Sammelpunkt für die Gemeindemitglieder seien. Mehr als 15 000 Mitglieder zählen alle Literaturvereine, die größte Organisation unter den deutschen Juden. Mehr als die Hälfte der Vereine habe der Verband mitbegründet, fast kein einziger Verein sei entstanden, bei welchem nicht mindestens der Verband Pate gestanden hätte. Tief bedauerlich sei es. daß trotz eifrigster zehnjähriger Arbeit es noch nicht gelungen sei, in Posen, Dresden, Krefeld und anderen Orten einen Verein zu begründen. Die positiven Leistungen des Verbandes seien die Gründung neuer Vereine, die Verteilung von Schriften, die Erteilung von Auskünften. Redner erinnert an das Luzzatto-Gedenkbuch, ferner an die Schriften von Berliner, Strack u. a., welche namentlich den ärmeren Vereinen zugewendet werden konnten; mit besonderer Genugtuung weist er auf das Jahrbuch mit seinen vielen für die Wissenschaft des Judentums grundlegenden Aufsätzen hin, das in diesem Jahre in 5300 Exemplaren gedruckt und völlig vergriffen ist; die Auflage des nächsten Jahres soll 6000 betragen, eine Höhe der Auflage, welche noch keine einzige jüdische Schrist in neuerer Zeit erlebt habe. In allen Fällen sei ferner den kleinen Vereinen auf Anfrage das erforderliche Material zu Vorträgen in oft sehr schwerer und mühseliger Arbeit zusammengestellt worden. Die Verleihung von Büchern habe bedauerlicherweise eine Einschränkung erfahren müssen, da häufig nur nach wiederholten energischen Mahnungen die Bücher zurückgegeben worden seien. Mit Hilfe des Wanderrednersonds sei in einem Jahre die Provinz Brandenburg in Angriff genommen worden; dort seien ^Vorträge gehalten worden. In diesem Winter sei ein Redner in die Provinz Posen, ein Redner nach Westdeutschland geschickt worden. Ueberall habe man das größte Entgegenkommen gesunden. Die Mängel des Verbandes kenne niemand besser als die Verbandsleitung selbst, doch wie sollten die Leistungen bessere sein, wenn dem Verbände keine Mittel zur Verfügung stehen? Speziell nach der Richtung der Provinzialverbände könnte der Verband vieles leisten; noch fehlen zu den bereits gegründeten (2 westfälische, 2 in Posen, 1 in Thüringen, 1 in Birkenfeldj ein Verband in Schlesien, in der Rheinprovinz, in Ost- und Westpreußen. Erst diese Provinzialverbände könnten die Vorträge in zweckmäßigster Weise veranstalten, während alsdann der Zentralverband sein Augenmerk aus das Ganze richten könne. Von einem Erkalten des Interesses für die Bestrebungen der Literaturvereine sei weder in Berlin noch auch auswärts etwas bemerkt worden. Nehme die Teilnahme ab, so sei es in vielen Fällen Schuld der Leiter der Vereine oder es liege an lokalen und provinziellen Gründen. Das Interesse werde aber erkalten, wenn nicht Mittel gefunden würden, den Mitgliedern Neues und Dauerndes zu bieten. Dazu gehöre, daß den Mitgliedern auch im Sommer Gelegenheit gegeben werde, an den Vereinen Anteil zu nehmen, z. B. durch Lektüre, deshalb sei die Veranstaltung von Diskussionsabenden und vor allem die Einrichtung von Fortbildungskursen durchaus notwendig. Hierdurch sei es nur möglich, das Interesse zu beleben und zu erhöhen. In unmittelbarem Anschluß daran spricht Rabbiner Dr. Samuel- Essen in übersichtlicher Darstellung über die Einrichtung von Fortbildungskursen, über die Notwendigkeit ihrer Begründung, über deren zweckmäßige Ausgestaltung und über die Erfahrungen, die Redner bei der bereits in Essen bestehenden Einrichtung gemacht hat. Der Referent hob besonders hervor, daß die Vorträge in den Vereinen kein geschlossenes Ganzes bieten können; die Fortbildungskurse seien berufen, die Lücken, die der Religionsunterricht gelassen, auszusüllen. besonders bei den Schülern der Volks- und Mittelschulen. Daneben dürfe die allgemeine Ausbildung der jungen Leute nicht vernachlässigt werden, jüdisches Geistesleben müsse in weitestem Sinne gepflegt werden. Auch der Zeitströmung könne in den Fortbildungskursen Rechnung getragen werden. Zweckmäßig sei die Einteilung des Unterrichts in: Referat, Zeitungsschau, gesellige Unterhaltung, Fragebeantwortung. Mit Diskussionen im Anschluß an das Referat seien in Essen im allgemeinen schlechte Erfahrungen gemacht worden. Die Mitglieder müssen zur Selbstarbeit herangezogen und veranlaßt werden, ein Subkomitee des Literaturvereins zu bilden. Die mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Ausführungen verdichteten sich zu folgenden Anträgen, deren Annahme einstimmig zum Beschluß erhoben wird: 1. Der Verband jüdischer Literaturvereine legt den Vereinen nahe, ihre Tätigkeit in der Richtung der Fortbildung junger Leute (Damen und Herren) durch besondere Veranstaltungen (Fortbildungskurse) auszudehnen. 2. Diese Kurse sollen die gesamte jüdische Geschichte und Literatur sowie Religionsentwicklung nach abgeschlossenen Zeitepochen bezw. unter sonstigen Gesichtspunkten umfassen und in fortlaufenden Vorträgen, Referaten rc. behandeln. Sie sollen vornehmlich der Erweiterung und Vertiefung jüdischen Wissens dienen, können aber ihre Ergänzung zugleich in der Pflege jüdischen Geisteslebens und allgemeiner Bildung überhaupt durch Behandlung jüdischer Zeitfragen und durch künstlerisch gehobene Unterhaltung und edle Geselligkeit finden. 3. Die nähere Einrichtung und Ausgestaltung wird den örtlichen Verhältnissen angepaßt. Es kann an bestehende Organisationen auch außerhalb der Literaturvereine angeknüpft werden; doch sollen, wo irgend angängig, die letzteren die Kurse als besonderen Zweig ihrer Tätigkeit betrachten unb deren Leitung (unter entsprechender Mithilfe der jungen Leute selbst) in intellektueller und materieller Beziehung übernehmen. In kurzer, präciser Form spricht daraus Redakteur Kl a u s n er - Berlin zur Frage des W and e rrednerfonds. Der Redner geht von den geringen Beitragsleistungen der Vereine zum Verband aus und verurteilt den Standpunkt der Vereine, welche vom Verband etwas geboten haben wollten, während man ü limine annehmen sollte, daß die Vereine dem Verband etwas bieten sollten. Der Verband könne aber den Vereinen nichts bieten, solange die Vereine dem Verbände nichts böten. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, sei der Wanderrednersonds geschaffen worden, der mit seinem mäßigen Zinsertrag jedoch nur Unzureichendes zu leisten im stände sei. Wolle man warten, bis der Fonds — er beträgt jetzt 8500 Mark — eine Höhe erreicht habe, um auch nur Nennenswertes zu leisten, so werde man gut tun, ein Statut ausarbeiten zu lassen, das nach der Majorennität unserer Urenkel in Kraft trete. Es bleibe somit nur übrig, auch das Kapital des Fonds und nicht nur dessen Zinsen zu verwenden. Es gebe keine größere Verschwendung als die der Kapitalisierung für gemeinnützige Zwecke. Je nützlicher das Geld verwendet werde, um so leichter werde sich wieder jemand finden, welcher ein Kapital zu dem gleichen Zwecke zur Verfügung stelle. Um der außerordentlichen, von dem Vorredner dargestellten Ausdehnung des Ausgabenkreises der Vereine zu genügen, müsse man darauf bedacht sein, den Literaturvereinen andere Hilfsmittel noch zu erschließen und diese seien, da die Mitglieder nicht in höherem Maße herangezogen werden können, nur in den vorhandenen Organisationen zu suchen. Die Gemeinde Berlin müßte, an dem Beispiele Ratibors gemessen, welches bei 800 Seelen dem Literatnrvereine 50 Mark Subvention gebe, bei ihrer großen Seelenzahl dem Berliner Verein mehr als 5000 Mark jährlich bewilligen. Damit würde mehr als die Hälfte des Wanderrednersonds flüssig werden und Außerordentliches könnte geleistet werden zum Heil für die Vereine und Gemeinden, welch letztere dann nicht nur Verwaltuugskörperschaften, sondern in Wahrheit jüdische Organisationsverwaltungen wären. Herr Oskar Berlin verweist darauf, daß au den Bestimmungen des Wanderrednersonds nichts geändert werden dürfe. Herr Fränkel-Berlin schlägtvor, sich mit den Kuratoren des Vermächtnisses der Baronin von Oppenheim

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