Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 22 (29.5.1903)
- Date
- 1903-05-29
- Page
- Seite 256 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Außerdem schrieb Tolstoi einen Brief an einen Herrn in Petersburg, der folgendermaßen lautet: . »Lieber I. N.! Ihren Brief habe ich erhalten. Ich habe schon einige ähnliche Briefe zugeschickt bekommen. Alle Korrespondenten, ebenso wie Sie, verlangten von mir, daß ich meine Meinung über die Kischinewer Vorgänge äußern soll. Mir scheint, daß in diesen Aust sorderungen ein Mißverständnis enthalten ist. Es ist wird vorausgesetzt, daßlmeine Stimme Gewicht besitzt, und deshalb wird voll mir verlangt, ich möge meine Meinung über einen solchen wichtigen und nach seinen Ursachen so komplizierten Vorfall, wie die Kischinewer Greueltat es ist. abgeben. Das Mißverständnis besteht darin, daß von mir die Tätigkeit eines Publizisten verlangt wird, während ich ein Mensch bin, der sich mit einer ganz bestimmten Frage, die nichts Gemeinsames mit den gegenwärtigen Vorfällen hat. beschäftigt: nämlich mit der religiösen Frage und ihrer Anwendung auf das Leben. Von mir eine öffentliche Aeußerung meiner Meinung über gegenwärtige Geschehnisse zu verlangen, ist ebenso grundlos, wie wenn man dies von irgeild einem Spezialisten verlangen wollte, der ein gegenwärtiges Ereignis zur Illustration des von mir unterstützten Gedankens gebraucht; aber über alle gegenwärtigen, wenn auch sehr wichtigen Vorkommnisse ein Urteil abzugeben, wie dies die Publizisten tun, ist mir durchaus unmöglich, wenn ich es auch für noch so notwendig hielte. Wenn ich so handeln würde, hätte ich längst von anderen Gesagtes wiederholen müssen, und danil würde wahrscheinlich auch jene „Bedeutung" meiner Meillung nicht existieren, aus Grund deren man von mir ihren Ausdruck verlangt. Was mein Verhältnis zu den Juden und zu den schrecklichen Vorfällen in Kischinew betrifft, so müßte es, glaube ich, für alle klar sein, die sich für meine Weltanschauung interessiert haben. Mein Verhältnis zu den Juden kann kein anderes als das zu Brüdern sein, die ich liebe, und zwar nicht deshalb, weil sie Juden sind, sondern weil wir und sie, wie alle Menschen, Söhne eines Vaters und Gottes sind, und diese Liebe fordert keine Anstrengungen meinerseits, weil ich vorzüglichen Judenmenschen begegnet bin und sie kenne/ Mein Verhältnis zu dem Kischinewer Verbrechen wird auch durch meine religiöse Weltanschauung von selbst bestimmt. Noch bevor ich alle Einzelheiten, die nachher publiziert wurden, kannte, bald nach dem ersten Zeitungsbericht, begriff ich all das Entsetzen des Geschehenen und empfand ein schweres und gemischtes Gefühl des Mitleids gegenüber den schuldlosen Opfern der Bestialität der Masse, der Verwunderung über die Vertiertheit dieser Leute, dieser Scheinchristen, ein Gefühl des Abscheus und des tiefsten Ekels vor denjenigen, den sogenannten „gebildeten" Leuten, die die Masse aufhetzten und sie in ihren Gewalttaten unterstützten, und hauptsächlich ein Entsetzen vor dem eigentlichen Anstifter des Blutbades, vor unserer Regierung mit ihrer die Leute betörenden und fanatifierenden Geistlichkeit und ihrer raubsüchtigen Bande der Tschinowniki. D i e Kisch inewer G e w a lttat ist eine direkte Folge derLüge und Vergewaltigung, die mit solcher Spannkraft und Beharrlichkeit von der russischen Negierung geübt wird. Das Verhältnis der Regierung zu diesem Ereignis ist nur ein neuer Beweis ihres groben Egoismus, der vor keiner Grausamkeit zurückschrickt, wenn es sich um die Unterdrückung einer ihr gefährlich scheinenden Bewegung handelt und ihrer völligen Gleichgültigkeit (ähnlich der Gleichgültigkeit der türkischen Regierung gegenüber den armenischen Metzeleien) gegenüber den schrecklichsten Greueltaten, falls diese ihre Interessen nicht berühren. Das ist alles, was ich anläßlich des Kischinewer Massakres sagen könnte, aber all dies habe ich schon längst gesagt! Ihr Jassanaja Poljana, 27. April 1903." Leo Tolstoi. Maxim Gorkis Erklärung hat nachstehenden Wortlaut: „In den letzten Jahren ereignen sich immer häufiger in unserem Lande Dinge, die es mit Schmach überdecken, das Schmachvollste aber, das unser Entsetzen, unsere Scham und Empörung hervorruft, das ist das schreckliche Judenmassakre zu Kischinew. Leute, die sich für Christen halten, Leute, die vorgeben, an den Gott der Barmherzigkeit und des Mitleids zu glauben, — diese Leute beschäftigten sich an den Tagen, die von ihnen der Feier der Auferstehung ihres Gottes von den Toten geweiht sind, damit — Kinder und Greise zu ermorden, Frauen zu vergewaltigen, Menschen von jenem Stamme zu martern und zu berauben, der ihnen Christus geschenkt hat. Wer trägt an diesem gemeinen Verbrechen, das sich auf uns alle wie ein blutiger Fleck legt, die Schuld? — die Schuld an dieser Befleckung. die auch Jahrhunderte von der traurigen Geschichte unseres finsteren Landes nicht wegwischen werden? Es wäre ungerecht und allzu einfach, die „Masse", die die Juden mordete, zu verurteilen; die Masse — ist eine Hand: schuld daran ist das verdorbene Bewußtsein, daß sie zu diesem Raub und Mord lenkte. Wie bekannt, wurde die Masse in Kischinew durch Leute von der intelligenten Gesellschaft angeführt, aber was ist eigentlich die „russische intelligente Gesellschaft"? Das ist auch eine Masse, dazu noch eine viel schlimmere als die des „Volkes", weil unser Volk durch sein schweres Leben aufgestachelt ist und blind gemacht und in Ketten geschmiedet durch die ringsum künstlich geschaffene Finsternis . . . Die intelligente Masse aber — das ist ein Haufen feiger Sklaven, die, des Gefühls der Selbstachtung und des Bewußtseins ihrer Rechte beraubt, bereit ist, vor jeder Macht ihre Knie zu beugen, die bereit ist, eine jede Lüge anzunehmen, bloß damit sie ihre Ruhe nicht störe, eine kraftlose, rechtlose und graue Masse, ganz ohne Bewußtsein, und eine schamlose, ungeachtet ihres anständigen Aeußeren. An der schmachvollen und schaudererregenden Tat, die in Kischinew vollbracht wurde, ist unsere intelligente Gesellschaft nicht minder Schuld als die aktiven Mörder und Vergewaltiger. Sie ist nicht bloß schuld daran, weil sie die Ermordeten nicht nur nicht in Schutz nahm, sondern weil sie sich sogar daran ergötzte — ihre Schuld besteht hauptsächlich darin, daß sie während langer Jahre sich von Menschenhassern verderben ließ, von Leuten, die schon seit langem den abscheulichen Ruhm genießen, Lakaien der Macht und Verherrlicher der Lüge zu sein, wie Alexei Suworin. Viktor Burenin, Wassilij Welitschko. Sergeh Charapow,Wissarion Komarow.Kruschewan, Pjatkowski und andere, die ihresgleichen sind. Das sind die wahren Anstifter des für uns schmachvollen und schaudererregenden Verbrechens in Kischinew! All den abscheulichen Benennungen, die von jeher diesen widerlichen Leuten gehören, — müssen wir heute noch eine von ihnen wohlverdiente Bezeichnung hinzufügen: sie sind Aufhetzer zu Raub und Mord!" Diese Heuchler mit dem Gottesnamen auf ihren Lippen, die der russischen Gesellschaft den Haß gegen die Juden, die Armenier und Finen predigen und sie dadurch verderben — heute überschütten sie die Leichen der durch ihre Einwirkung Getöteten mit feigen und gemeinen Infamien und setzen schamlos ihr häßliches Werk fort: die Verderbung des Gefühls und des Gedankens der ganz willenlosen russischen Gesellschaft. Schmach aus ihre bösen Häupter, und möge das Feuer des Gewissens in ihren verfaulten Herzen brennen, die voll von Eitelkeit und Kriecherei vor jeder Macht sind! Und auch der russischen Gesellschaft, die schmachvoll der Aufhetzerei dieser Sklaven folgt, liegt jetzt die Pflicht ob, zu beweisen, daß sie noch nicht ganz durch diese Banditen verdorben ist, daß sie nicht identisch ist mit den Anfhetzern zu Raub und Mord, daß sie noch ein Kernlein echten menschlichen Gefühls in sich birgt. Die russische Gesellschaft muß, um einen Teil der Schmach und Scham von ihrem Gewissen zu nehmen, den beraubten und verwaisten Juden zu Hilfe kommen, diesen Angehörigen einer Nation, die der Welt so viele wahrhaft große Männer gab und die — trotz des Entsetzens und des Drucks ihrer Lage in der Welt — noch immer Lehrer der Wahrheit und Schönheit hervorzubringen fortsetzt. Nun also — ein jeder, der sich nicht als Lakai zu Lakaien gehöricbetrachtet, alle, in denen das Gefühl der Selbstachtung noch rächt erstorben ist — Ihr alle auf. den Juden zur Hilfe!" Verbsndstag der Literaturoerrme. S. Berlin, 21. Mai in Cassels Hotel fand heute unter zahlreicher Beteiligung de a. ) Delegierten der Vereine aus allen Teilen des Reiches de dritte Verbandstag des Verbandes der Verein? für jüdische Geschichte und Literatur in Deutschland statt. Nach einer warmen Begrüßungsansprache des Verbandsvorsitzenden Dr. Karpeles namens des Ausschusses des Verbandes ent-