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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 255

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 255 (sequence 5)
Language
German
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Wohl gab in Kischinew sowohl durch den zufälligen Anlaß als auch wegen der vorhin angeführten Gründe die Judenhetze dem losbrechenden Strome die erste Richtung; aber es blieb nicht dabei. Folgende Tatsachen, die in Deutschland kamn bekannt sind, bestätigen das Gesagte: Im Gouvernementspalais wurden die Fenster eingeschlagen, das Haus des Adelsmarschalls wurde ganz demolirt, eine Kirche lourde ausgeraubt; unter den Todten und Schwerwundeten befinden sich auch einzelne Christen. Daß diese Tatsachen in Rußland bekannt werden, ist der Regierung nicht erwünscht, eben weil sie die Grundstimmung ausdecken, aus denen die Unruhen erwuchsen. Lieber läßt sie die Judenhetze allein als das Grundmotiv des Aufstandes gelten. In diesem Sinne hat auch der russische Botschafter in Amerika, Graf Cassini, eine Erklärung erlassen, über die Lage der Juden in Rußland, worin es heißt: „Bei den Ausschreitungen trete nicht der Russe dem Juden, sondern der Bauer dem Geldverleiher gegenüber." Graf Cassini versicherte weiter der amerikanischen Oeffentlichkeit, die russische Regierung werde prompte Maßregel!! treffen, um die an den Vorgängen in Kischinew Schuldigen zu bestrafen. Der Botschafter hat sich mit jener Erklärung in Widerspruch gesetzt zu sämtlichen Berichten und Schilderungen über die Vorfälle von Kischinew. Man wird wohl die Absicht, die ihn dabei leitete, unschwer verstanden und die Unhaltbarkeit seiner Aeußerung entsprechend gewürdigt haben. Dies ist — neueren Berichten zufolge — namentlich in Amerika bereits geschehen, nachdem es bekannt wurde, daß der russische Botschafter es ablehne, die für die Juden von Kischinew gesammelten Gelder nach Rußland zu übermitteln. Er erklärte, die russische Regierung werde einer Verteilung der Gelder durch Privatpersonen kein Hinderniß in den Weg legen. — Die amerikanischen Juden sind aber laut einer Washingtoner Meldung des „Daily Expreß" mit Recht empört über die Erklärung des russischen Botschafters Grafen Cassini. An den Staatssekretär Hay wurden zahlreiche Briefe gerichtet, in welchen die Negierung aufgefordert wird, dem Grafen Cassini seine Pässe zuzustellen. Die Sammlungen zu dem Hilfsfonds für die Geplünderten in Kischinew haben bis jetzt fast eine halbe Million Dollars ergeben. Staatssekretär Hay selbst zeichnete 200 Dollars. Wir stellen nun die letzten Nachrichten über die Schlacht von Kischinew in Folgendem zusammen. Die Meldung, daß Generalleutnant v. Raaben von den Juden Geld gefordert habe, wird als unzutreffend bezeichnet. Der Hauptgrund für seine Verabschiedung war der, daß er sich von den Vorgängen überraschen ließ, daß er, anstatt Truppen zu seiner Verfügung zu fordern, den Kopf verlor und die Verwaltung und Verantwortlichkeit entgegen den gesetzlichen Bestimmungen dem rangältesten Truppenführer überließ. Im Uebrigen dürste er sich, wie jetzt bekannt wird, bei seiner Untätigkeit einfach auf den Befehl von Oben stützen. Denn die „Times" bringt folgenden Geheimerlaß des Ministers Plehwe an den Gouverneur von Bessarabien, datiert vom 25. März: „Ich habe erfahren, daß in der Ihnen anvertrauten Gegend ausgedehnte Unruhen gegen die Inden, die hauptsächlich die lokale Bevölkerung ausbeuten, vorbereitet werden. Mit Hinblick auf die allgemeine Aufgeregtheit, die sich zu betätigen sucht, und auch mit Hinblick darauf, daß es zweifellos nicht wünschenswert ist, durch strenge Maßnahmen regierungsfeindliche Gesinnungen einer Bevölkerung einzuflößen, die bisher von der revolutionären Propaganda noch nicht berührt worden ist, wird Eure Exzellenz nicht verfehlen, zur Verhütung etwaiger Unruhen beizutragen durch Ermahnungen der Bevölkerung, ohne jedoch irgendwie zu Wassengewalt Zuflucht zu nehmen." Offiziös wird dieser Erlaß allerdings abgeleugnet. Interessante Details meldet man uns über den geistigen Urheber der Hetze. Der jetzt zur traurigen Berühmtheit gelangte „Vater des Antisemitismus in Bessarabien", der Herausgeber des antisemitischen „Bessarabetz", Krusche w an. ist ein dunkler Ehrenmann, der mehrfach öffentlich gebrandmarkt wurde. Obwohl er stets im Namen des russischen Volkes spricht und alle Tage das Wort „wir Russen" mißbraucht. ist der Manu dennoch kein Nüsse, sondern ein in Rußland eingewanderter Rumäne. Ebensowenig wie Kruschewan haben alle übrigen Antisemitenhäuptlinge, die bei der Katastrophe von Kischinew eine hervorragende Rolle gespielt haben, das Recht, sich als Russen zu gebärden. Herr v. Raaben ist ein Balte, der Notar Schtschebran ein Zigeuner, der Stadtverordnete Sinadino ein Grieche und der Advokat Pissarjewski ein Pole. Und diese internationale Antisemitenbande hat sich aus aller Herren Ländern in Kischinew zusammengefunden, um im Namen des russischen Volkes gegen die seit vielen Jahrhunderten in Bessarabien wohnenden Juden zu hetzen! Bezeichnend für die den Juden in Rußland gezollte Mißachtung ist es ferner, daß der talentlose Rumäne Kruschewan in Rußland die Erlaubnis zur Herausgabe zweier Tageszeitungen erhalten hat, von denen die „Snamja" in Petersburg erscheint, in dieser Woche allerdings durch Entziehung des Einzelverkaufs gestraft wurde. Ferner meldet die „Nowoje Wremja" aus Kischinew, daß dort eine Anzahl bekannter Advokaten eintras, um Schadenersatzprozesse seitens der bei der letzten Judenhetze Geschädigten gegen den Fiskus einzuleiten. Insgesamt dürfte der Fiskus aus 21}2 Millionen Rubel verklagt werden. Wie wir hören, hat sich diese Gesellschaft in Odessa aus hervorragenden Advokaten gebildet. Im Uebrigen herrschten in den letzten Tagen dort so gut wie in Kischinew nach wie vor die ärgsten Befürchtungen wegen weiterer Ausschreitungen. Eins ist zweifellos: Kommt es zu neuen Emeuten, so ist mit der Verantwortung für die Ereignisse der russische Minister des Innern, Herr v. Plehwe, belastet. Tolltm und Gorki über Mchmew. ist ohne Zweifel von großem Interesse zu hören, wie sich die geistigen Führer des russischen Volkes über die Greuel von Kischinew aussprechen. In einem Schreiben an den Pianisten D. Schorr in Petersburg drückte Graf Tolstoi sein tiefstes Mitgefühl für die Opfer der Pöbelexzeffe aus. Um dieselbe Zeit jedoch regte ein hervorragender Gelehrter, Professor Nikolai Jljitsch Staraschenko in Petersburg, die Absendung einer Adresse an das Komitee zur Unterstützung der Inden in Kischinew an. Auch Tolstoi wurde aufgefordert, seine Unterschrift für diese Kundgebung, die bereits von etwa 350 Gelehrten, Schriftstellern, Künstlern und sonstigen, im öffentlichen Leben stehenden Personen unterzeichnet war, zu geben. Darauf erhielt Professor Staraschenko einen Brief, in dem es heißt: „Von ganzem Herzen stimme ich Ihren Ausführungen bei. Nur die Worte: „Es ist eine brennende Schmach für die ganze Christenheit" erregen bei mir Bedenken. Sie können vielleicht wegbleiben oder durch folgende ersetzt werden: Durch die in den letzten Tagen in Kischinew verübten Gräuel auss tiefste erschüttert, drücken wir unter großem Schmerz den schuldlosen Opfern, die durch die in den unteren Volksmassen erregte Bestie gefallen sind, unsere Teilnahme aus und nicht minder unsere Bestürzung über die von Russen verübten Bestialitäten. Unauslöschliche Schmach und Schande über jene, die solches verursacht, indem sie das Volk gegen die Juden aufgehetzt haben, über alle, die daran mitschuldig sind. Jedenfalls, wenn nur jene Worte weggelassen werden, unterschreibe ich alles recht gern, und ich fühle mich Ihnen dafür zu Dank verpflichtet, daß Sie sich an mich in dieser Angelegenheit gewandt haben...."

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