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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-29 · Heft 22 (29.5.1903) · p. Seite 254

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 22 (29.5.1903)
Date
1903-05-29
Page
Seite 254 (sequence 4)
Language
German
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254 Kenntnis gab. Sie haben hierbei geradezu das Wort geprägt: „Wer da jedem sein geistiges Eigentum beläßt, so daß er auch beim Aussprechen eines Gedankens dessen Autor nennt, fördert die Erlösung, das Heil aus Erden." Die Ungunst der Verhältnisse hat es leider lange den Bekennern des Judentums unmöglich gemacht, den ihnen anerzogenen Sinn für echte Menschenliebe in wirklich rationeller Weise zu bewähren. All die Darlehensvereine, die Wohlfahrtseinrichtungen im modernen Stile, die Arbeitsnachweise und dergleichen in unserer Mitte haben ihr Vorbild bereits bei unfern Altvordern. Diese haben mit schärfstem Nachdruck verlangt, daß dem Hilfsbedürftigen nicht bloß und nicht immer mit Darreichung von Almosen geholfen werde. Weit höher steht dem Talmud das Bestreben, den Armen durch Darbietung der erforderlichen Hilfsmittel auf der Bahn der redlichen, gewinnbringenden Lebensarbeit zu erhalten. Nur wer so hilft, kommt in Wort und Geist dem biblischen Gebote nach: „Wenn dein Bruder verarmt und herabkommt, dann unterstütze ihn" (das heißt: erhalte ihn in erwerbstätiger Selbständigkeit). Die hier angeführten Beispiele erhellen wohl zur Genüge, wie unsere Rabbinen sich vor zweitausend Jahren bereits mit Fragen beschäftigt und sie gelöst haben, die in unfern Tagen erst von neuem behandelt und erledigt wurden. Zunl Schlüsse sei auch hier erwähnt, daß ganz der Anschauung moderner Pädagogen entsprechend denselben Nabbinen es unzulässig erscheint, mit Schreckuub Einschüchterungsmitteln auf das Gemüt des Kindes einwirken zu wollen. Auch das beweist den kräftigen, gesunden Sinn unserer alten Lehrer, die sich in allen großen und entscheidenden Fragen an das Wesen und den Geist der Ossenbarungslehre angeschlossen und diesen fortentwickelt haben. Der innige Zusammenhang der schriftlichen und mündlichen Lehre wird uns gerade im Lichte dieses Festes erst recht klar. Und darin liegt die besondere Bedeutung des schöllen Schabuotsestes. Möge dies Bewußtsein in uns imlner mehr erstarken, daß wir frohgemut, von allen Angriffen unbeirrt, diesen Tag der Gesetzgebung feiern und ulls in der Freude und Weihe au ihm immer mehr rüsten, daß das Wort durch uns zur Tat werde. „Denn von Sinai kommt der Ewige, in feiner Rechten Feuer des Gesetzes!" Die Woche. Berlin, 26. Mai. ie Beziehungen zwischen dem Bund der Landwirte und den Antisemiten, lvelche wir bereits mehrfach erörtert haben, werden in charakteristischer Weise durch eine Erklärung des Manrres illustriert, der die Vereinigung zu stände gebracht hat, nämlich durch Herrn Liebermann v. Sonnenberg, der anläßlich seines Eingreifells für den Bündler und gegen der: Antiserniten Böckler iu Schlochau-Flatow von den Berliner Antisemiten heftig allgegriffen wurde. Bei dieser Debatte erfuhr man folgende iuteressallte Details: „Der Bund der Landwirte kämpft bei den gegenwärtigen Wahlen nicht nur mit der „deutsch-sozialen Partei", sondern auch mit der „Reformpartei" und dem „Antisemitischen Volksbunde" Schulter an Schulter; z. B. lverden folgende Kandidaten der Reformpartei vom Bunde unterstützt: Im Königreich Sachsen die Herren Zimmermann, Lotze, Gräfe und Gäbet; in Hessen die Herren Bindewald, Köhler und welln ich nicht irre, auch noch andere. In Halberstadt wird der Kandidat des antisemitischen Volksbundes, Herr Professor Förster, hoffentlich mit Bnndeshilfe den Sieg erringen und im Kreise Erfurt- Ziegenrück unterstützt der Bulld den Führer des antisemitischen Volksbnndes Herrn v. Mosch." Der letztgenannte war früher der heftigste Gegner des Bundes. Man darf nun gespannt darauf sein, ob die Hilfe des Burrdes ben Antisemiten etwas nützen wird. & Gerade zur rechten Zeit, wie ein Epilog zu den Exzessen voll Kischinew, konllllt ein Aufsatz des Herrn Eduard v. Hartmann im „unparteiischen" „Tag", der den Titel führt: „Wer ist der gefährlichere Gegner?", und der weder bei uns, noch bei den Gegnern die erhoffte Zustinlmullg finden wird: „In dem jüdischen Geiste liegt eine gewisse Gefahr für die deutsche Kultur, die jedoch nur mit geistigen Mitteln zu überwinden ist; aber in der deutschen Judenschaft eine Gefahr für das Deutsche Reich sehen wollen, kann nur ein Gespensterseher. Wenn nicht die Sozialdemokratie noch eine Anzahl Juden in den Reichstag einsührte, so wären diese dort nahezu ausgestorben. Keine der anderen Parteien wagt mehr einen jüdischen Kandidaten aufzustellen, aus Furcht, dadurch eine Anzahl wertvoller Stimmen abzuschrecken; da scheint es kaum nötig, für den Wahlkampf gegen das Judentum mobil zu machen. Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich ist von 1871 bis 1895 von 1,25 auf 1,19 v. H. herabgesunken. Die deutsche Judenschaft strömt mehr und mehr vom Lande und den kleinen Städten in wenige größere Städte zusammen, steigt dort zu Wohlstand und Bildung auf und verliert damit die konfessionelle Beschränktheit, die das größte Hindernis der deutschen Nationalisierung bildet. Die Zahl der Geburten nimmt mit dem Aufstieg zu Wohlstand und Bildung auch bei den Juden ab; die Zahl der Uebertritte und der Mischehen, insbesondere die statistisch nicht nachweisbare Zahl jüdischer Kindertaufen nimmt zu. Bald dürfte der Punkt erreicht sein, wo die Zahl der Juden im Deutschen Reiche nicht nur relativ, sondern auch absolut abnimmt. Dies alles spricht gegen die Fortdauer des politischen Antisemitismus, der sich bereits mehr und mehr umgewandelt hat, bei uns in Antikapitalismus und Alldeutschtum, in Oesterreich in einen Ultramontanismus mit christlich-sozialer Färbung. Der Antisemitismus trägt Mitschuld an dem Vorrücken des Polentums, weil er die Juden in den polnischen Landesteilen, die die besten Bundesgenossen der Germanisierung waren, teils zur Abwanderung teils zum Uebergang ins polnische Lager gezwungen hat. Die Judenaustreibungen haben den westeuropäischen Ländern ebensowenig zum Vorteil gereicht, wie die übermäßige Judeneinwanderung den osteuropäischen Ländern. Deutschland und die Vereinigten Staaten scheinen gerade einen solchen Prozentsatz zu haben, wie er als Sauerteig dienlich und doch ohne Indigestion zu verdauen ist." Gott schütze uns vor unfern Freunden! Mit unfern Feinden werden wir scholl eher fertig werden. * Je mehr die russische Regierung sich bemüht, durch ihre publizistischen Organe die Wahrheit zu verschleiern, desto mehr wächst die Pflicht der liberalen Presse in Europa, biefei Wahrheit über das Blutbad in Kischinew zum Siege zu ver helfen. Wir dürfen heute fonftiUierm, daß die Presse sich fast überall dieser Pflicht bewußt ist. Ihre Proteste und die edler Christen in Paris, London, Nelvhork, Brüssel ulld an anderer; Orten werden schon den rechten Weg finden. Es ist zweifellos der russischen Regierung sehr unangenehnr, daß die Verhält lliffe im Zarerrreiche jetzt überall besprochen werden, aber sie hat das selbst verschuldet. Und es wäre dringend zu wünschen daß dieses Thema sobald nicht von der Tagesordnmrg der öffent lichen Diskussion verschwinden möchte. Denn interesfallter als der zufällige Anlaß der Explosion ist die Frage nach der Anhäufurrg des Zündstoffes. Di.' „Nationätzeitullg" beantwortet diese Frage dahin, daß derselbe in einer tiefen latenten Unzusriedenheit nicht nur der oberen Klaffen, sondern auch der bäuerlichen Volksschichten in ganz Rußland liege, deren Hauptgründe fiub; Zuspitzung der Mißstände der Agrarverfassüllg, schlechte Steuerpolitik und zunehmendes Mißtrauen gegen die Verwaltungsorgane. 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