Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 3 (sequence 17)
- Language
- German
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3 Aufenthalt bei Regeuwetter gewährt und als Spielsaul mitbenutzt werden soll. An der einen Seite der Diele liegt der grobe Speisesaal, der an der dem Meere zugekehrten Front geräumige, nach drei Seiten gerichtete, geschlossene Veranden hat. An der anderen Seite der Diele liegen 4 Einzelzimmer und die geräumige Synagoge. In den beiden Obergeschossen sind 4 Schlafsäle für je 30—36 Kinder vorhanden. Alle Schlafsäle erhalten große offene Balkons. Im Souterrain befindet sich außer der Küche und den Wirtschaftsräumen noch ein großer Baderaum, in welchem warme Seebäder verabreicht werden können. Das Gebäude ist zur gleichzeitigen Aufnahme von 130 —140 Kindern, Knaben und Mädchen, eingerichtet. Mit dem Bau wird im nächsten Monat begonnen 'werden, so daß das Haus voraussichtlich schon im Sommer 1904 in Betrieb genommen werden kann. t. Muttchen, 13. Mai. Aus dem hiesigen jüdischen Friedhof wurde am Dienstag Vormittag der Kunstmaler Salomon Hirschselder zu Grabe getragen, über den die „A. Z. d. I." im vorigen Jahre einen interessanten Artikel aus der Feder Adolph Kohnts gebracht hat. Der Verstorbene, 1831 zu Tettensen in Hohenzoüern geboren, empfing seine erste künstlerische Ausbildung an der Akademie in München und entwickelte sich in der Folge zu einem sehr bekannten und geschätzten Genremaler. Auch ans dem bayerischen Volksleben hat Hirschfelder manch anmutige Bilder und Skizzen geschaffen. Sein Leben war reich an Kümmernissen und Entbehrungen; abgekehrt von der Welt, lebte er zuletzt hier für sich ganz allein; nt den letzten Wochen hatte er im jüdischen Altersversorgungshause ein Asyl gefunden. Einsam, wie erlebte, ist er gestorben; bescheiden und einfach, wie sein ganzes Wesen war. gestaltete sich der Beerdigungsakt; nur ein kleiner Kreis von Freunden und Bekannten folgte dem schmucklosen Sarge zum Grabe. Rabbiner Dr. Werner schilderte in knappen Zügen die künstlerische Bedeutung des Verstorbenen. „Seinen ganzen Lebensinhalt bildete die Kunst, eine Kunst, die unter Tränen lächelt, und sie bildete das Gegengewicht zu seinen Leiden und Entbehrungen; in ihr fand er Trost, Frieden und reichen Segen. Ehre seinem Andenken! V. Nürnberg, 15. Mai. Anläßlich des Todes des Fr ei Herrn von Jmhofs ist es in einer hiesigen Gesellschaft von Mitkämpfern des Freiherrn v. Jmhoff zu einer Auseinandersetzung gekommen, weil behauptet wurde, ein Unteroffizier des 14. Regiments mit einigen Mann sei der Erste 1870 bei Erstürmung der Bayernschanze gewesen. Das Kommando des 14. Jnf.-Reg. Hartmann hat nun einen Auszug aus der Regimenlsgeschichte, die gegenwärtig durch Herrn Oberleutnant Beckh für Unteroffiziere und Mannschaften des Regiments bearbeitet wird, hiesigen Blättern überlassen. Der Auszug stellt die Erstürmung der Bayernschanze auf Grund der vorhandenen amtlichen Ouellen und persönlichen Aufzeichnungen von Mitkämpfern dar und lag auch vor einigen Monaten dem verstorbenen Major Freiherrn von Jmhoff zur Begutachtung vor. Die Schilderung wurde von demselben in einigen Punkten richtig gestellt und dürfte nunmehr dem Vorgang vollkommen entsprechen. Unsere Leser werden mit um so größerem Interesse die Schilderung einer der wackersten Taten bayrischer Soldaten aus der großen Zeit von 1870/71 in ihr Gedächtnis zurückrnfen lassen, als bei diesem Anlasse die um ihres tapferen Verhaltens besonders hervorgehobenen Soldaten der Infanterist Moses Kleemann von der 5. Kompagnie und May von der 8. Kompagnie beide Juden sind. Von Kleemann wird gesagt, daß er es sich nicht nehmen ließ, „stets in allervorderster Linie zu sein, um so die andern mit sich sortzureißen"; von May, daß er sich „durch sein unerschütterliches Aushalten" verdient gemacht habe. Beide wurden mit dem Militärverdienstkreuz dekoriert. Ersterer ist inzwischen in Würzburg gestorben. Vielleicht haben die antisemitischen Blätter die Güte, diese hübsche Reminiszenz aus großer Zeit nachzudrucken. Oesterreich-Ungarn. LI Wien, 18.Mai. Die Israelitische Alliance hat zu Gunsten der unglücklichen Opfer der Massakres zu Kitschenew eine Sammlung eröffnet und bis heute, teils aus eigenen Mitteln, teils aus Ergebnissen der Sammlung bereits 30000 Kronen dem Hilfskomitee in Rußland übersandt. — Das Budget unserer Gemeinde hat im letzten Jahre durch energische Bemühungen wieder sein Gleichgewicht erhalten. Ja. sogar ein kleiner Ueberschuß von 30 000 Kronen ist 51t verzeichnen, — Das Vertreterkoüegium, welches vom Kultusvorstande mit der Zuteilung der Amtssitze für die beiden neuernannten Rabbiner Dr. Feuchtwang und Dr. Grunwald betraut wurde, hat beschlossen. Dr. Feuchtwang im Sinne des von ihm ausgesprochenen Wunsches für den Gemeindetempel in Währing und Dr. Grunwald für den Gemeindetempel in Fünshans zu designieren. Der Amtsantritt dieser beiden Herren wird für den 1. Augnst, der Amtsantritt des Herrn Dr. David für den 1. September 1903 in Aussicht genommen. — Der Prager Industrielle. Alexander Holzer, ist zum Kommerzienrat, undHerrArnold Weißberger, gleichfalls in Prag, zum Vizekonsnl! der Vereinigten Staaten ernannt worden. — Zum Finanz-Ober-! kommissär für den Bereich der Finanzdirektion in Czernowitz wurde! Dr. Samuel Seidner befördert. — Am 12. d. M. starb hier der j Rabbiner Jakob H irs ch im Alter von 93 Jahren. Hirsch war seit dem Jahre 1862 in Sechshaus tätig gewesen. — Der schwarze Prinz Liechtenstein erzählte in einer katholischen Generalversammlung von den Zuständen an der Wiener Universität: „Derzeit haben wir an der Wiener juridischen Fakultät von 27 Professoren, exklusive der Honorarprofessoren, 12 Juden, an der medizinischen Fakultät von 81 Professoren mit Einschluß der Dozenten, welche Professorstitel tragen. 27 Juden, an der philosophischen Fakultät von 79 Professoren 22 Juden und 12 Ausländer." Man braucht natürlich bloß die Kataloge anzusehen, um die Unrichtigkeit dieser Angaben sofort zu erkennen. Wenn man selbst die getauften jüdischen Professoren dem Judentum zuzählt, so gelangt man noch immer nicht zu derlei Ziffern. Aber seine Zuhörer habend ihm geglaubt. Und das ist doch die Hauptsache. — Die Prozesse in Kroatien waren zum Teil auch antisemitischer Natur, so zum Beispiel in Sissek. wo der Advokat Superma und der Buchdrucker Dindak wegen Anstiftung zu Ausschreitungen gegen die Juden verhaftet wurden. Holland. 8. 6. Amsterdam, im Mai. Die folgende Mitteilung dürste die Leser Ihres geschätzten Blattes sicher interessieren. Einen Beweis schönster Toleranz hat kürzlich die holländische Mi litärbehörd e geliefert. Verschiedene allgesehene Juden waren für die jüdischen Mannschaften beim Oberst um Urlaub für die Hauptpessachtage eingekommen. Der konnte indes wegen der infolge des Streiks herrschenden Unruhe nicht bewilligt werden, weil jeder Mann auf dem Posten sein mußte. Hingegen wurde ihnen gestattet, beu jüdischen Soldaten in der Kaserne einen Seder zu geben. Zu diesem Zwecke wurde das Unteroffizierskasino abgestanden, reingemacht, geschrubbt, geputzt, geschmückt und abends fand daselbst der Seder in aller Form statt. Für Krein, Wein. Charoseth rc. hatten wohlhabende Väter gesorgt, und alles ging nach alter Weise ullter Leitung und Vorsitz eines älteren Vorbeters sehr feierlich vor sich. Das Kommando hatte vor dem Saal einen Doppelposten ausgestellt, damit niemand drinnen gestört oder belästigt werde. Nach Beendigung des Seders wurde alles festgesetzt für den nächsten Abend. Doch da die Unruhe sich sehr bald legte, konnte den jüdischen Soldaten für den zweiten Sederabend schon wieder Stadturlaub bewilligt werden. Welch ein herzerquickendes Zeichen frellndlicher Zuvorkommenheit und religiöser Duldung üuszlsnd. ----- Odessa, 2. März. In Petersburg wurde in den Sälen der Passage die posthume Ausstellung des Künstlers Asknasy eröffnet. Im ganzen wurden bis 500 Bilder und Etüden ausgestellt. — Binnen kurzem wird in Odessa noch ein zweites jüdisches Waisenhaus für Knaben eröffnet lverden, welches auf Initiative der Testamentsvollstrecker des vor mehreren Jahren verstorbenen hiesigen Kaufmanns Lüon Finkelstein und seiner Witwe Louise Finkelstein entsteht. Die Testamentsvollstrecker wendeten sich bereits an das Ministerium des Innern, indem sie die Statuten zur Bestätigung vorlegten. Für den ersten Anfang werden bloß 10 Knaben im Alter von sieben bis zwölf Jahren ausgenommen. Vorzug haben Kinder hiesiger Einwohner, und zwar Vater- und mutterlose Waisen. Zur Erhaltung dieses neuen Waisenhauses verpflichtet sich Frau Louise Finkelstein, lebenslänglich 2500 bis 3000 Rubel jährlich beizusteuern. Als Kuratoren dieser wohltätigen Anstalt sind designiert die Kaufleute A. Grünberg, N. Schwarz. N. Charg, Rechtsanwalt B. Bernstein und Frau Louise Finkelstein. — Die Odessaer Abteilung „der Gesellschaft zur Verbreitung der Bildung unter den Juden in Rußland" veröffentlichte in russischer Sprache die große Arbeit des deutschen Denkers Professor Dr. Moriz Lazarus: „Die Ethik des Judentums", in der Uebersetzung von