Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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4 G. Brusilowsky uub G. Polinkowsky und unter Redaktion von M. Margelies und I. Saker. .Der Uebersetzung ist die biographische Skizze von Lazarus und A. Hornfeld beigegeben, die bezweckt, die russischen Leser mit der Persönlichkeit und den Arbeiten des berühmten Verfassers bekannt zu machen. Der Ertrag vom Verkauf dieses Werkes ist für den Fonds namens der kürzlich verstorbenen hiesigen intelligenten und wohltätigen Frau Marie Saker bestimmt. Amerika. 6. Newyork, im Mai. Die Nachricht von dem Tode des Dr. Gustav Gottheit, Rabbiners der größten und reichsten Gemeinde Newyorks, der am 15. April nach langem Siechtum gestorben, haben Sie bereits gebracht. Gottheit wurde 1873 neben Samuel Adler als englischer Prediger an die Emanuelgemeinde in Newyork berufen. Hier fungierte er bis zu seiner vor drei Jahren erfolgten Pensionierung, nachdem ihm schon vor etwa zwölf Jahren Dr. Josef Silvermann zur Seite gegeben wurde. Gottheil, der früher zur entschiedenen Reformpartei gehörte, schloß sich vor einigen Jahren der zionistischen Bewegung an, und sein Sohn Richard ist Präsident der amerikanischen Zionistenfederation. Seine Frau starb vor einigen Jahren und von seinen beiden Söhnen ist der obengenannte Richard Professor der semitischen Sprachen an der Columbia-Universität, der andere Arzt in Newyork. Ein Bruder ist Judenmissionar und in Verbindung mit dem Institut in Cannstadt. Gottheil hat auch in den fünfziger Jahren und noch später Beiträge für diese Zeitung geliefert; ein Gedicht „Israel du Held" findet sich im Jahrgang 1850, Seite 437; auch für die Deborah schrieb er noch vor zwei Jahren stimmungsvolle Gedichte. Sonst ist er nicht viel schriftstellerisch hervorgetreten. Die Reihen der aus Deutschland gekommenen Prediger lichten sich immer mehr. — Das Leichenbegängnis fand unter großen Feierlichkeiten im Tempel Emanuel statt. Dr. Silvermann hielt die Gedächtnisrede über den Text Nem. XXVII, 12 bis 13. Dann sprach der unitarische Rev. Dr. Robert Collyer, ein persönlicher Freund des Verstorbenen, in sehr warmer und wirksamer Weise. Auf dem Friedhof widmete noch Rev. Harrison aus St. Louis, ein Schüler und Freund des Verstorbenen, diesem einen Nachruf. Die Beteiligung war eine sehr große. Ehre dem Andenken Gottheils. — Ins 93. Lebensjahr ist kürzlich Dr. Moritz Wiener zu B a l t i m o r e, bei geistiger und körperlicher Frische, eingetreten. Der dortige „Deutsche Korresp." wirst bei dieser Gelegenheit folgenden Rückblick auf Wieners interessantes Leben: „Er ist der einzige, der von dem anregenden Berliner- Dichter- und Gelehrtenkreise der dreißiger Jahre noch übrig geblieben. Tieck, Humboldt, Chamisso. Varnhagen v. Ense und wie sie alle heißen, die geistvollen Freunde, sind längst heimgegangen. Dr. Wiener kam dann nach Amerika, hals in New-Orleans vor 56 Jahren die noch heute fröhlich gedeihende „Deutsche Zeitung" gründen. Später, in den fünfziger Jahren übernahm er in Baltimore die Redaktion des „Korrespondent", wandte sich aber dann von der journalistischen Tätigkeit der ärztlichen Praxis wieder zu, die er bis in sein hohes Alter übt. Dabei ist Dr. Wiener stets literarisch tätig gewesen. Ein langes, dem Wohle seiner Mitmenschen gewidmetes Lebens ist's, auf das er mit Stolz und Genugtuung zurückblicken darf." (Moritz Wiener war wohl der Verfasser der Erzählungen: „Die Proselyten" (Berlin 1834), „Selma, die jüdische Seherin" (Berlin 1839), „Herbstrosen" (Breslau 1840) u. dgl. m.? Die Red.) , Asten. --- Beirut, im Mai. Zur Abwechselung spukt wieder einmal die Blutlüge in Syrien. Man schreibt uns darüber aus Beirut vom 1. d. M.: Vor ungefähr vier Wochen ist ein Christ aus Damur, zwischen Beirut und Saida, der sich nach letzterer Stadt begeben wollte, verschwunden, und man konnte bisher seine Spur nicht auffinden. Natürlich hat man die Juden von Saida angeklagt, daß sie ihn zu Ritualmordzwecken getötet hätten. Diese Gerüchte wurden vom Pöbel ausgebeutet: man ist in das Judenquartier eingedrullgen, hat dort alles durchgesucht, aber natürlich absolut nichts gefunden. Trotzdem erhält sich die Verleumdung hartnäckig, und es ist notwendig, daß die Presse in Europa rechtzeitig auf die Gefahren aufmerksam gemacht wird, die den Juden von Saida aus diesen erlogenen und völlig unberechtigten Anklagen erwachsen. Hoffentlich ist die türkische Regierung bereit, den Unruhstiftern den Weg zu weisen, wie sie dies bei ähnlichen Anlässen mit großer Strenge schon getan hat. Von Mah und Fern. — Kommerzienrat Isidor Loewe hat den chinesischen Orden vom doppelten Drachen, der Bankier Karl Levy das fürstlich Schwarzbnrgische Ehrenkreuz erhalten. — Am schwarzen Brett der Berliner Universität findet sich folgender charakteristischer Anschlag: „Aus der Daniel Müller-Stiftung sind für das Rechnungsjahr 1903 Stipendien zu je 600 Mark an würdige und bedürftige Studierende, welche evangelischen Bekenntnisses sind und bürgerliche deutsche, nicht jüdische Eltern haben, ohne — Unterschied der Fakultät zu vergeben." Kommentar überflüssig. — In Ostrowo ist am 12.d. M. der stellvertretende Repräsentantenvorsteher Marcus Callomon im 60. Lebensjahre plötzlich gestorben. — In Seligenstadt (Hessen) wurde Herr David Singer mit 351 Stimmen zum Bürgermeister gewählt. — Die in Fachkreisen bekannte hebräische Bibliothek des Herrn Dr. Eugen Merzbacher in München ist um den Preis von 35 000 Mark in den Besitz der Frankfurter Stadb bibliothek übergegangen. — Die badischen Amtsrichter Dr. H. Wetzlar, Dr. S. Bodenheimer, Dr. O. Bielefeld sind zu Oberamtsrichtern ernannt worden. — In Ränder s (Holland) starb dieser Tage der Prediger Dr. W re sch n er nach fast 40jähriger Wirksamkeit in dieser Gemeinde. — Nach der letzten Volkszählung in Petersburg im Jahre 1900 gibt es dortselbst 1439 613 Einwohner, darunter 20 385 Juden (19 279 in der Stadt, 1106 in den Vorstädten), alsc 1,54 Prozent der Gesamtzahl. Karaiten befinden sich in Petersburg 317. — Das Hauptgericht in Kiew verhandelte gegen 150 Angeklagte, welche beschuldigt sind, sämtliche Juden des Ortes Winza ausgetrieben zu haben, und die, um sich vor den gesetzlichen Folgen zu schützen, diesi Austreibung formell durch ihre Frauen haben vollziehen lassen. Einige der Rädelsführer wurden zu vier Monaten Gefängniß verurteilt unter Anrechnung der Untersuchungshaft. Die meisten wurden freigesprochen. — In Odessa haben die Juden beschlossen, zum Zeichen der Trauer über das Unglück von Kischinew, während dreier Monat» weder ein Theater noch sonstige Belustigungslokale zu besuchen. - In einem jüdischen Armenhause zu Odessa lebt ein Kriegsveteran, namens S. Jowel, der jetzt 116 Jahre alt ist und sich einer verhältnismäßig guten Gesundheit und Rüstigkeit erfreut. Im 25. Jahr» kämpfte er unter Barclay de Tolly 1812 gegen die Franzosen. Vor 63 Jahren schied er aus dem Militärdienst aus und ließ sich nach dem Krimkriege in der Krim nieder. — In Kischinew sind im ganzen bis jetzt 62 Personen zu Gefängnisstrafen von 14 Tagen bis zu drei Monaten verurteilt worden. Aus Berlin sind bis jetzt über 135 000 Mark von der Alliance und dem Hülfsverein dahin geschickt worden. — In Florenz wurde am 13. d. M. eine Deputation des Collegio Rabbiuico Italiano unter Führung des Oberrabbiners Dr. Margulies vom König von Italien huldvollst empfangen. Näherer Bericht folgt. — In Paris ist am 3. d. M der allgemein geachtete Arzt Dr. D reyfus- Brisac, der auch Mitglied des Centralkomitees der Allianz und vieler jüdischer Vereine war, ge storben. Ferner starb daselbst am 16. d. M. Monsignore Bauer, der nacheinander Börseumann, katholischer Geistlicher, Beichtvater und Vertrauter der Kaiserin Eugenie war. Bauer, der ursprünglich Jude war, trat 1855 zum Katholizismus über. Vor einigen Jahrei hatte er sich, obwohl hochbetagt, mit einer jungen Dame verheiratet.- Siegfried Nacht, der von den englischen Behörden irrtümlich als eines Mordanschlags auf König Edward VII. verdächtig in Gibral tar verhaftet wurde, ist jetzt in Freiheit gesetzt worden. So wird englischen Blättern mit dem Zusatz gemeldet, daß sich keine Schuld des Verhafteten habe feststellen lassen. — Am 5. d. M. feierte der rühmlichst bekannte Direktor des Jews’ Seminary in London, Dr. M. Friedländer, seinen 70. Geburtstag unter allgemeiner Teilnahme weiter Kreise. Friedländer ist seit 28 Jahren Direktor des englischen Rabbinerseminars und erfreut sich als solcher allgemeiner Beliebtheit und großen Ansehens in der englischen Gelehrtenwelt. — In Louisville ist der Hauptmann Abraham Rothschild, ei i Veteran aus dem Bürgerkrieg, im Alter von 68 Jahren gestorben- In derselben Stadt ist im März der Hauptmann Henry S. Cohen gestorben, der schon von 16 Jahren in die Armee der Union ausgenommen wurde. — Der bekannte Schachmeister E. Lasker wird sich jetzt dauernd in Newyork niederlassen. Er hat eine Vertretung der Newyorker Lebensversicherungsgesellschast übernommen. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Bauchwitz in Berlin.