Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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9 bildet den Mittelpunkt in unserer Gemeinde, so daß viele' der Mitglieder sich um ihn, wie um ein Familienoberhaupt scharen. Dem einen verhalf er zu einer Existenz, dem andern zu einem häuslichen Heim; der einen Witwe mit ihren Kindern stand er als gerichtlicher Vormund kräftig zur Seite, der andern half er. daß sie ihren Kindern eine gute, zeitgemäße Erziehung angedeihen lassen konnte. Aber nicht allein für die einzelnen Mitglieder, sondern auch für das Gesamtwohl der Gemeinde hat er sich von jeher mit Wärme interessiert und ist heute noch um ihren Fortbestand tatkräftig bemüht. Trotzdem er selbst der freien religiösen Richtung angehört, hat er stets den Anlprüchen der hier vertretenen Orthodoxie Rechnung getragen und ihre religiösen Bedürfnisse nach jeder Richtung hin gefördert. Alle Institutionen einer wahrhaft frommen Gemeinde sind hier in größter Blüte. Auch der gegenwärtige Neu- und Umbau des Gemeindehauses mit Mikwah neuster Konstruktion ist nur seinem energischen Eifer zu verdanken. Darum war es nicht zu verwundern, daß der 70. Geburtstag, den Herr Lublinski am 6. d. M. beging, sich für uns alle zu einer allgemeinen Feier gestaltete. Der Kultusbeamte Herr I. Kntner überreichte dem Jubilar eine kunstvoll ausgeführte Adresse. In herzlicher Ansprache dankte er denr verehrten Mann für seine langjährige treue Tätigkeit und teilte ihm im Namen der Gemeinde seine Ernennung zum Ehrenmitglied mit. Herr Lublinski war sichtlich bewegt und betonte in seiner Antwort die erfreuliche Tatsache, daß er und die Gemeinde trotz ihrer vielfach verschiedenen Anschauungen stets einträchtig zusammen gearbeitet und das Gute und Schöne gemeinsam gefördert hätten. Das älteste Gemeindemitglied, der 84 jährige Herr Meyer Marcuse, gratulierte im Namen des Vorstandes und Herr M. Borchardt im Namen der Chebra Kadischa. Auch der Magistrat unserer Stadt, vertreten durch Herrn Bürgermeister Schmidt und drei Deputierte, sprach dem greisen Herrn in herzlichster Weise seine Glückwünsche aus und hob die großen Verdienste des früheren Stadtverordnetenvorstehers Herrn Lublinski um die Kommune gebührend hervor. Ebenso traf eine schriftliche Gratulation vom Landrat des Kreises Johannisburg ein. Möge der Allgütige den verdienten Jubilar noch recht lange in frischer Lebenskraft erhalten. Lp. Aus der Provinz Posen, im Mai. Anr ersten Sederabend ist in Ostro wo im Alter von 69 Jahren der Rentier Isidor G old man n plötzlich am Herzschlag gestorben. Der Verstorbene war Ehrenmitglied der dortigen Schützengilde und freiwilligen Feuerwehr. — Der Etat der Synagogengemeinde in Gollantsch schließt pro 1903 in Einnahme und Ausgabe mit 1800 Mark und der in Ostro wo mit 16 000 Mark ab. — Der israelitische Frauenverein in Ko sch min hatte im letzten Jahre eine Einnahme von 569 Mark und eine Ausgabe von 499 Mark. Der Verein zählt 84 Mitglieder. Zur Vorsitzenden wurde in der letzten Generalversammlung Frau KroLosch in er wiedergewählt. — In Schroda starb neulich im Alter von 72 Jahren der Bäckermeister Samuel Hain. Derselbe gehörte mehrere Jahrzehnte der Verwaltung der dortigen Synagogengemeinde an. — Der Etat der jüdischen Volksschule in Schwerin a. W. schließt pro 1903 in Einnahme und Ausgabe mit 2760 Mack ab. Als Schulbeitrag werden 80 Prozent der Einkommensteuer erhoben. — Die Verwaltung der Synagogengemeinde zu Borek hat beschlossen, pro 1903 als Korporationsbeiträge 100 Prozent der Einkommensteuer zu erheben; an Schulbeiträgen werden 170 Prozent derselben erhoben. — Die Verwaltung der Synagogengemeinde in Posen ist mit dem dortigen Magistrat wegen Ankaufs eines Terrains zum Ban eines neuen Gotteshauses in Verbindung getreten. — Die Vorstandsdame des israelitischen Frauenvereins zu W re sch en, Frau Natalie Diamant, feierte neulich ihren 70. Geburtstag. Aus diesem Anlaß ist ihr ein kostbares Ehrendiplom vom Gesamtvorstande überreicht worden. Lehrer B er n st e i n in Lobsens ist an die jüdische Schule zu Schwerin a. W. versetzt worden. — In Schocken ist ein israelitischer Frauenverein ins Leben getreten. — Die jüdische Schule zu Tirschtiegel hat sich wegen zu geringer Kinderzahl aufgelöst. Dem bisherigen Lehrer Friedländer daselbst ist die Stelle in Lobsens übertragen worden. — In Buk ist neulich ein neuerbautes jüdisches Schulhaus feierlichst eingeweiht worden. — Das Rentier Salomon Hepnerffche Ehepaar in Posen beging neulich das Fest der goldenen Hochzeit. — Der langjährige Vorsteher des Vereins für Erziehung israelitischer Mädchen in Posen. Abraham Cohn, ist im Alter von 88 Jahren gestorben. — Der Schulvorstand der dreiklassigen jüdischen Schule in Ostro wo hat beschlossen, für das Etatsjahr 1903 an Schulbeiträgen 45 Prozent der Staatseinkommensteuer zu erheben. — In Wongrowih ist neulich im Alter von 72 Jahren eines der achtbarsten Mitglieder der dortigen Gemeinde. M. Lewkowicz gestorben. Bei der Teilnahme an seiner Beerdigung wurde anch die Gattin des Verstorbenen vom Herzschlage ereilt und starb noch an demselben Tage. Der Fall erregte in weiten! Umkreise große Teilnahme. Nach erfolgter Auflösung des israelitischen Frauenvereins in Cobylin hat sich jetzt daselbst ein neuer Verein unter dem Vorsitz der Frau Jungmann gebildet. — Rentier Arnold Pilz in Ostro wo hat dem dortigen israelitischen Mildtätigkeitsverein eine Spende von 200 Mark überwiesen und damit das Recht eines immerwährenden Mitgliedes erworben. — Die Verwaltung der Synagogengemeinde in Ostrowo hat der im vorigen Jahre daselbst verstorbenen Witwe des früheren Rabbiners Dr. Frei mann daselbst einen Denkstein setzen lassen, der am 11. d. M. feierlichst enthüllt wurde. — Der frühere Kaufmann D. B. Cohn in Posen, jetzt in Ostrowo wohnhaft, ist anläßlich seiner 40 jährigen Zugehörigkeit zum Mildtätigkeitsverein in Posen zum Ehrenmitgliede desselben ernannt worden. o. Rawitsch, 3. Mai. Vor kurzer Zeit feierte das hiesige Königliche G y mnas i um das Jubiläum des 50 jährigen Bestehens. Der Tag wurde weihevoll und festlich begangen, eine Menge früherer Schüler ohne Unterschied des Glaubens hatte sich zu Ehren des Tages von weiter Ferne eingefunden. Zahlreiche Telegramme liefen ein, auch Staatssekretär Graf v. Posadowskh gedachte des Jubiläums durch herzlichen Drahtwunsch. Er war früher Landrat des Kreises. Ein Akt der Pietät machte sich dahin geltend, daßallenin Gottruheuden Lehrern ohneUnterschied des Glaubens ein Kranz auf das Grab gelegt wurde. So wurde auch des vor Dezennien Heimgegangenen Rektors Cohn, des weit über die Provinz hinaus bekannt gewesenen trefflichen Schulmanns und vorzüglichen Pädagogen, durch diese Gcabesspende gedacht. -- Wittenberg, im Mai. Auf dem hiesigen Standesamt wurde jüngst eine israelitische Ehe zwischen dem Fräulein Margarete Backhaus von hier und dem Kaufmann Max Michaelis aus Cöthen geschlossen und darauf in Muths Saal zur Reichspost durch den Rabbiner Dr. Feßler aus Halle eingesegnet. Diese Trauung hat insofern kulturelle Bedeutung, als es seit mindestens 463 Jahren, vielleicht auch seit der Gründung Wittenbergs, die erste ist, die hier geschlossen worden ist. Von 1440 bis zum Jahre 1867 hat kein Israelit hier gewohnt. Ihre Zahl ist jetzt auf etwa 40 Seelen in 12 Haus - Haltungen gestiegen. Die hier ansässigen Juden sind der Synagogengemeinde Halle zugeteilt, wohin sie auch ihre Kultusabgaben entrichten. Da die Zahl der erwachsenen Juden für die Bildung einer Religionsschule noch zu klein, aber stark genug zu gemeinschaftlichen Religionsübungen ist. halten sie solche jetzt ab und machten damit am 26. September 1897. dem israelitischen Neujahrstag, den Anfang. — Bei der Trauung hielt Dr. Feßler eine Traurede, in welcher er ausführte, daß das Brautpaar im Begriff stehe, ein Priesteramt anzutreten, indenl es das Haus, das es gemeinsam beziehen wolle, zu einen! Tempel Gottes machen wolle, und das er deshalb dazu weihen wolle, wie die Priester der Vorzeit zu jeder priesterlichen Handlung besonders geweiht werden mußten. So weihe er denn den Brautleuten Ohr, Fuß und Hand. Das Ohr, damit einer auf die Wünsche des andern hören und sie erfüllen soll, den Fuß, damit sie gemeinsam einem Ziele zustreben sollen, und die Hand zu gemeinsamem Schaffen. Nach der Trauung trug Herr Salomon das Lied der Ruth, „Wo du hingehst, da will ich auch hingehen!" vor. M. Hamburg, 8. Mai. Der Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder zu Hamburg tFerienkolonien), der in diesem Jahre auf sein zwanzigjähriges Bestehen zurückblicken kann, wird jetzt seinen längst gehegten Wunsch, ein israelitisches Kinderhospiz in Cuxhaven zu bauen, bald verwirklicht sehen. Am Nordseegestade wird sich bald ein stattlicher Bau erheben, wo erholungsbedürftige israelitische Kinder aus allen Gemeinden des Reiches während der Sommerferien zum Zwecke der Erholung Aufnahme finden sollen. Der Verein hat ein großes Terrain unweit Döse bei Cuxhaven erworben und schon in nächster Zeit soll mit dem Bau, dessen Leitung deni Negierungsbaumeister Friedheim übertragen wurde, begonnen werden. Das Terrain liegt etwa 100 Meter vom Strande entfernt und gewährt den Kindern freien Ausblick auf das Meer. Auf einer breiten Freitreppe gelangt man nach dem Bauplan in die holzgetäfelte Diele, welche so geräumig angelegt ist, daß sie der Mehrzahl der Kinder