Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 252 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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252 sammensetzung der einzelnen Benediktionen zu erklären, sowie das Alternder Einfügungen, Abkürzungen und Textveränderungen historisch nachzuweisen. Unsere Tefilla hat nach den Ausführungen des Verfassers eine Jahrhunderte lauge Entwickelung durchgemacht, die den Zeitraum von den Männern der großen Versammlung bis zum Patriarchen R. Gamliel II. umfaßt. Den Grundstock der ältesten Tefilla bildeten außer den drei ersten und den drei letzten Eulogien, die^bereits in der Mischna unter den Titeln Abot, Geburot, Qeduscha, Hodaa und Birkat-Kohanim erwähnt werden, noch die Benediktionen VIII, IX. XVI, IV, V und VI, während die übrigen, die nationalen Inhalt haben, bis auf die vierzehnte (die Bitte für Jerusalem) in der ursprünglichen, nicht heutigen Fassung vor den Makkabäerkriegen kaum entstanden sein dürsten. Zur Zeit N. Gamliels II. bestand die Tefilla aus 17 Benediktionen, zu denen Samuel der Kleine auf Veranlassung des Patriarchen die gegen die Minäer hinzugesügt. Letzterer ließ auch durch Simon Ha-Babli den Text des Achtzehngebets endgiltig feststellen und erhob sie zum täglichen Pflichtgebet (Ber. IV, 3). Dies in kurzem der Gedankengang der gründlichen Untersuchungen im ersten Teil. Auf Seite 9 hätte, trotzdem der Verfasser die infolge der Reformbewegung entstandenen Veränderungen in der Tefilla in den Kreis seiner Betrachtungen nicht ziehen wollte, der vortreffliche Aufsatz von Geiger: Der Hamburger Tempelstreit eine Zeilsrage (Geigers Nachgel. Schriften Bd. I. S. 113 ff.)>rwähnt werden können. Ebenso wäre im ersten Teile die Bemerkung am Platze, daß die Tefilla bei dem Sephardim Ami dah (nach Berach. 6b) heißt, und daß es ein Targum zur Amidah gibt (vgl. Monatsschrift 1894, S. 79 ff. und 175 ff.). Im übrigen enthält diese Arbeit eine Fülle von neuen Gesichtspunkten, von guten geistreichen Bemerkungen, die uns die streng kritische Behandlung talmudischer Berichte zeigen und uns an die Methode des rühmlichst bekannten Meisters der Talmudexegese lebhaft erinnern. Wegen dieser Vorzüge sowie wegen der Frische und Lebendigkeit der Darstellungsweise wird dieses Buch dem Fachmann wie demLaien eine sehr anregende und belehrende Lektüre sein. Es dürfte auch bald eine rasche Verbreitung finden, da der Gegenstand einem jeden religiösen Gemüte sehr nahe steht. Dr. E. Finkel. — Te fillas Israel. Israels Gebete. Das Gebetbuch der Synagoge in poetischer Verdeutschung von Dr. I. Goldschmidt, Rabbiner zu Offenbach a. M. 2. Auflage, Mainz, Joh. Wirthsche Hofbuchdruckerei. 1902. (Schulausgabe). Die hebräische Sprache bildet nach einen: Worte Jeh. Halevis in seinem Kusari das heilige Gefäß eines geweihten Inhalts. Eines der heiligsten Güter unseres Stammes ist unser Gebet. Es ist die Zwiesprache des Subjektes mit dem absoluten Wesen. Solange nun jedes Haus im Judentums ein Tempel war, in welchem das Familienhaupt als Priester, die Mutter als Schutzgeist der Religion waltete, solange erschien auch jeder Tempel den Kindern des Judentums als ihr Haus. So heimisch wie in diesem, fühlten sie fich in jenem. Heute aber sieht sich vielfach unser heranwachsendes Geschlecht im Gotteshause wie von lauter Fremdlingen umgeben. Ein Gebet etwa in der Sprache des Sanskrit oder des Confucius brauchte ihm nicht unbekannter zu klingen, als die erhabene Keduscha oder das gemütsergreifende Kadisch. Die mechanische Methode des wörtlichen Gebetübersetzers, so schön auch mitunter ihr Erfolg sein mag; er bleibt es doch nur — mitunter. Sie leidet an Eintönigkeit. Diese aber ist das chronische Nebel aller Uebersetzungen hebräischer Gebete. Nur selten wird darum dieser Methode des Herzens inniger Erguß im Gebete entquillen, der doch das letzte Ziel aller liturgischen Uebungen des Religionsunterrichtes bilden soll. Nach dieser Richtung hin erweist, sich das vorliegende Werk Goldschmidts als überaus zeitgemäß und zweckmäßig. Und zwar in doppelter Hinsicht. Es bildet ein praktisches Hilfsbuch für den Jugendunterricht, wie auch eine erbauende Lektüre für die Familie. Es erschließt in moderner Form die Fülle der Poesie unserer uralten Gebete. Wenn der Religionslehrer vorerst die wörtliche Uebersetzung der im Lehrplane vorgeschriebenen Gebete absolviert und sodann diese Verdeutschung derselben den Schülern zum Memorieren diktiert, dann wird unweigerlich der oben gedachte Zweck erreicht werden: Liebe zur aktiven Beteiligung am Gottesdienst. Ein Beispiel für viele: das in Goldschmidts Uebersetzung so schöne Haschkiwenu : Der Tag geht zur Neige, laß schlafen uns gehen, O Ewiger, o Gott, zum Frieden der Nacht, Und laß uns, o König, zum Leben erstehen. Wenn freundlich des Morgens Strahl wieder lacht! Spanne aus über uns deines Friedens Hütte. Wenn Arbeit und Kamps in Spannung uns hält, Und lenke zur Höhe unsere Schritte Zu unserem Heil und zum Heile der Welt. Welch' inniges Gebetlein für Kindermund, wofür es ja ursprünglich bestimmt gewesen scheint! Man sieht, unsere Jugend braucht nach dieser Richtung keine fremde Anleihe zu machen. Als Erbauungsbuch für die Familie aber reiht sich das Werk den besten dieser Gattung an. Man denke nur, „die Sprüche der Väter" in den schönsten Versen verdolmetscht! Bei deren Lektüre drängt sich unwillkürlich der Vergleich mit Rückerts: „Die Weisheit des. Brahmanen" auf. Den reichen Schatz ethrscher Wahrheit, der in den „Sprüchen der Väter" verborgen ruht, gehoben zu haben und zwar in origineller Gedichtform, das sich dem Gedächtnis einprägt, das ist das Verdienst Goldschmidts. Schon dieser Vorzug stempelt das Buch zu einer pädagogisch-didaktischen Dichtung ersten Ranges. In einer weiteren Auflage wäre vielleicht nur noch das eine zu berichtigen, daß der hebräische Text durch entsprechende Interpunktion derart markiert werde, daß der Lehrer mühelos je einen Teil desselben seinem passenden deutschen Verse zuweisen kann. Als empfindliches Desideratum erweist sich seit langem schon eine moderne geschmackvolle Uebersetzung unserer Festtagsgebete. Dieser gewiß nicht leichten Ausgabe erweist sich das eminente Uebersetzungstalent Goldschmidts vollauf gewachsen. Wir hoffen deshalb, ihm aus diesem Gebiete noch zu begegnen. Dr. S. Mandl. Sprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! ^kn Nummer 19 Ihrer geschätzten Zeitung wird die Gründung des Elsaß-Lothringischen Rabbinerverbandes einer Kritik unterzogen, welche zu beleuchten Sie mir gestatten werden. 1. Schon der Umstand, daß mit einem Mal für Rabbinerkonferenzen von gegnerischer Seite eingetreten wird, beweist, wie n ützlich und notwendig die Gründung des Rabb in erver-- band es gewesen, wenn man bedenkt, daß die Rabbinerkonferenzen keineswegs „einst in früherer Zeit alljährlich", sondern im ganzen zweimal in einem der drei Bezirke vor mehr als einem Jahrzehnt einberufen wurden. Einer Neubelebung dieser „Konferenzen" würde der Rabbinerverband nicht im Wege stehe::, vielmehr dieselben als ein Ergebnis seiner Wirksamkreit freudig begrüßen. Damit würde aber die Existenz berechtigung des Rabbinerverbandes keineswegs aushören. Neben.der event. amtlichen Pastoralkonferenz bestehen hierzulande verschiedene evangelisch-theologische Vereine, neben den amtlichen Lehrerkonferenzen haben wir freie Lehrervereine u. s. f. 2. Unrichtig ist die Behauptung, daß die rechtliche Stellung der Rabbiner Elsaß-Lothringens eine solche sei, daß einem Rabbinerverbande auf diesem Gebiete weiter nichts zu tun bleibt. Jeder Unbefangene und Eingeweihte weiß, daß gerade in dieser Hinsicht viele gerechtfertigte Wünsche des Rabbinats der Erledigung harren. In dankenswerter Weise haben die Konsistorien in jüngster Zeit zu zwei Desideraten des Verbandes eine freundliche Stellung eingenommen. 3. Unwahr ist: 1. daß die Gemeinden dem Verbände mit Mißtrauen begegnen, 2. daß die Konsistorien demselben gegenüber eine ablehnende Haltung einnehmen. Der Verband hat keineswegs die Prätenston, sich an Stelle der Konsistorien und Oberrabbiner setzen zu wollen. Der Verband hat vielmehr seit seiner Gründung sich eifrigst bemüht, mit den maßgebenden Faktoren ein freundliches Verhältnis zu unterhalten. Er hat in der kurzen Zeit seines Bestehens manches Zeichen der Sympathie erhalten. Er hat keine anderen Ziele als diejenigen des Z 1 seiner Satzungen. 4. Auf die vielen einzelnen Jrrtümer der betreffenden Korrespondenz verlohnt es sich nicht einzugehen. Dem Rabbinerverbande gehören bereits über % der elsaß-lothringischen Rabbiner an. Möge derselbe weiter zum Heile der elsaß-lothringischen Judenheit blühen und gedeihen! Ulrenauus. Druck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.