Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 251 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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251 Historikers. Er nennt denselben „ein ansehnliches Quartier mit guten Straßen und Häusern." Der Wirklichkeit näher kommt Alexander v. Warsberg in seinen „Odysseeischeu Landschaften", wo er von diesem Ghetto sagt: „Hier sind die Gassen noch enger, das Leben darin aber noch treibender und die Häuser schmutzig, zerbrochen." Warsberg schrieb 1878, Gregorius 1881. Sollte es inzwischen besser geworden sein? O nein; denn wenn ich meine eigene Ansicht auch aussprechen darf, so muß ich sagen, daß ich kein traurigeres Quartier kenne als das Ghetto von Korfu. Schlimmer als die Judengassen von Rom und Warschau, von London und Odessa .... Und doch blühte einmal in diesen engen Straßen, durch die kaum ein Wagen fahren kann, in diesen schmutzigen Häuser», in die kein Tourist den Fuß zu setzen wagt, volles, kräftiges Leben, Handel und Industrie, sogar Bildung und Wissenschaft! Wie paradox es auch klingen mag: Wer sich ein Bild machen will von den verheerenden Wirkungen des modernen Antisemitismus. der komme nach Korfu und in das Ghetto der alten Griechenstadt! Die meisten Fremden, die hierherkomuren, betrachten die Stadt von den Zwillingsfelsen der alten Festung aus. von deren Spitze man ja eine wundervolle Aussicht über die Insel und weit über das Meer bis zu den noch mit Schnee bedeckten Bergen Albaniens genießt. Ich ineinesteils habe den Ausblick von der fast gegenüberliegenden Nordwestseite der Stadt vorgezogen. von der stumpfen Felskuppe, deren Bastionen man die Fortezza nuova nennt, obwohl er nicht entfernt an das große, farbenstrahlende und formenreiche Panorama von Meer und Küstenlandschaft heranreicht, das man von den Koryphaioi. den Zwillingsklippen, aus übersehen kann und das in der Tat zu dem Schönsten gehört, was Europa besitzt. Denn von den öden Felsklippen jenes zerstörten Forts aus, zu denen es mich immer wieder wie mit magischer Gewalt hinzog. erschien mir die Geschichte der Juden in Korfu, ihre große Vergangenheit, ihre traurige Gegenwart, ihre Leiden nnd Schicksale im Hellen Lichte des Tage. Natur und Geschichte treffen hier im Bilde zusammen. . . . Wann sind die ersten Inden nach Korfu gekommen? Niemand weiß es, und kein Stein, fein Wort berichtet darüber. Die Geschichte ihrer jonischen Diaspora ist dunkel, sagt Gregorovius mit Recht. Aber er ist im Irrtum, wenn er glaubt, daß sie truppweise flüchtig 'zuerst ans dem Orient hierherkamen. Ich glaube vielmehr, daß sie schon zur Zeit des babylonischen Exils auf den jonischen Inseln sich angesiedelt haben. Die Jewanim haben ja fast alle Bibelerklärer mit den Ioniern identifiziert. Philo, Josephus und die Apostelgeschichte erwähnen die jonischen Inseln sehr häufig. Wie lange sie hier gelebt und wann sie ans Griechenland vertrieben wurden, kann allerdings bis jetzt nicht festgestellt werden. Als Benjamin von Tudela im Jahre 1160 seine Weltreise antrat, kam er auch nach Korfu. In seinem Jtinerarinm sagt er: „Die von Otranto hinüber schiffen, können in zwei Tagen nach Korfu gelangen, wo sich nur ein einziger Jude befindet, mit Namen Rabbi Joseph." Das ist alles. Aber wir erfahren daraus jedenfalls, daß es damals eine jüdische Gemeinde hier nicht gegeben und daß man im zwölften Jahrhundert schon ebenso schnell von Italien nach Korfu zrr Schiffe gefahren ist, als im zwanzigsten Jahrhundert mit der Navigazione Generale Itnliana. Die Historiker nehmen deshalb an, daß die Inden später infolge des Umsturzes des byzantinischen Kaisertums durch den lateinischen Kreuzzug nach Korfu einznwandern begannen. Unter den Anjou waren sie hier scholl sehr zahlreich. Philipp III. nennt sie sogar „Bürger der Insel". Und 60 Jahre später galten sie als so einflußreich, daß unter den Gesandten Korfus an den Senat Venedigs, dem sich die Insel übergab, auch ein Jude, David di Semo, sich befand. Venedig bestätigte ihre Privilegien und Rechte. Nur das Abzeichen, der gelbe Fleck, blieb ihnen. Dagegen sollten sie künftighin bei den Prozessionen, die auch dllrch das Ghetto gingen, „nur mäßig gesteinigt werden." Nach guter alter Sitte wurden sie nämlich an solchen kirchlichen Gedächtnistagen von den Türmen und Mauern herab nicht gerade mäßig mit Steinen beworfen. Aber erst unter der Herrschaft der Griechen fing ihre Leidenszeit an. Diese mißhandelten sie, steinigten und plünderten Häuser und sogar Friedhöfe. In jeirer Zeit entstand die seltsaule Sage, von der ich hier berichten will. Ein englischer Reisender, Bramton, erzählt, daß ihm ein Kastell am epirotischen Ufer als das Geburtshaus des — Judas Jschariot gezeigt ivnrde. Als der italienische Schriftsteller Pietro della Balle 1618 nach Korfu kam, zeigten ihm Eingeborene sogar einen lebendigen Nachkommen des Judas Jschariot nnd versicherten ihm, daß im Innern der Insel das Haus jenes Verräters stehe nnd von seiner werten Familie bewohnt sei. Später wurde behauptet, daß das korfiotische Dorf Jskaria sich rühmen dürfe, dieser Geburtsort zu sein, dasselbe Dorf, in welchen: man zugleich den Namen des homerischen Scheria wiederfinden wollte. So hat man die Odyssee mit dein Judentum in Verbindung gebracht, ruft Gregorovius bei Erzählung dieser Sage aus. Wie man das Christentum damit in Verbindung gebracht hat, wußte der treffliche Mann nicht. Als 1891 hier die große Judenhetze ansbrach, wurde von der Kanzel einer alten Kirche die Geschichte von den: Geburtshause des Judas Jschariot erzählt, und es wird berichtet, daß der Pöbel dies Haus später angelegentlich gesucht habe. . . Unter der Regierung Venedigs ging es den Juden in Korfu leidlich gut. Sie zeigen sich aber auch dankbar. Bei der türkischen Belagerung erwiesen sie sich als so tapfer, daß ihnen zu Ehren ein Fort den .Na:nen Abranw erhielt. Und nun wissen die Leser, warn::: ich gerade von der Höhe dieses nunmehr zerstörten Forts die wechselvollen Gestaltungen der Schicksale der korfiotischen Juden an mir vorüberziehen sah. Als Gregorovius in Korfu war, wurde ihn: die Zahl der dortigen Juden auf 5000 angegeben. Nach Warsberg betrug die Zahl sogar 6000. Meyer schätzt sie heute auf 2500. Und Eingeborene versichern mir, daß auch diese Zahl übertrieben sei. Wer recht hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß die Gemeinde arg dezimiert, sehr arm und sehr unglücklich ist — auch inmitten dieser herrlichen Natur, dieser fruchtprangenden Landschaft. Wie sagt doch der Hirte der Odyssee: Gott gibt uns dieses und jenes versagt er, Wie es seinem Herzen gefällt: denn er herrschet mit Allmacht. Hier ist die Odyssee wirklich mit dem Jndentum in Verbindung gebracht — nicht in dem Jskaria des Jndas Jschariot! Literarische Mitteilungen. Dr. I. Elbo ge n, Geschichte des Achtzehngebets. Breslau. Verlag von Wilhelm Köbner (Barosch u. Riesenfeld) 1903. Diese Arbeit, die viel Fleitz unb Akribie aufweist, entstand im Jahre 1898 und wurde mit dem von Professor Dr. David Kaufmann s. A. am jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau begründeten Dr. David Rostnffchen Preise gekrönt. Nach einer kurzen'Einleitung, in welcher der Verfasser die Disposition der Arbeit und die Quellen für die Geschichte und den Text des Achtzehngebets augibt, behandelt er im ersten allgemeinen Teile die Geschichte des Achtzehngebets als Ganzes (S. 10 bis 37), sowie die Einschaltungen und Abkürzungen, welche für besondere Gelegenheiten geboten bezw. gestattet waren (S. 37 bis 47). Im zweiten speziellen Teile (S. 47 bis 64) gelingt es ihm unter vortrefflicher Benutzung der einschlägigen Literatur, die Zu-