Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · p. Seite 250

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 250 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228527-3228549--59798-3296341
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

250 Nur die Königin verhielt sich ernst und schweigsam. Jetzt hatte Herodes ihre Hand erfaßt und indem er ihre zarten Finger mit leidenschaftlichem Drucke minutenlang umspannte, ruhte forschend sein Auge auf ihren Zügen: „Du bist so schweigsam, Mariamne, ivelch trübe Gedanken halten Dich fern von unserer Nähe?" Wie abivesend sah die Königin auf den Gatten hin, jetzt aber raffte sie sich aus und sich gewaltsam ein Lächeln abringend, sagte sie in entschuldigendem Tone: „Vergib, o -Herodes, wenn ich Dir das Mahl nicht durch meine frohe Laune zu würzen vermag, allein. .." „Fern sei es von mir," unterbrach sie freundlich lächelnd der König, „Dich zu einer Fröhlichkeit zu zwingen, die Deinem Herzen fremd ist, — beglückst Du uns ja schon durch den Anblick Deiner göttlichen Schönheit.. Und bewundernd ruhte sein wonnetrunkenes Auge an den Zügen seiner Gattin, die in ihrer leuchtenden Frische einer jungen Göttin gleich sah. Die frohe Laune der Gäste hatte ihren Höhepunkt erreicht, der Wein die Gemüter erhitzt und die Nähe schöner Frauen die Pulse der anwesenden Vornehmen, der edlen Männer und Jünglinge schneller schlagen gemacht. Insbesondere von jener Seite, an der Salome mit dem jungen Aristobul saß, vernahm man fröhliches Lachen und heitere Scherzreden. Die Wangen des jungen Fürsten lvaren wie in rosige Glut getaucht und die schwarzen Augen Salomes funkelten in leidenschaftlichem Feuer. Allein auch der anderen Gäste hatte sich erhöhte Heiterkeit bemächtigt, fröhliches Lachen und heitere Scherzreden flogen hin und wieder, selbst der König nahm Teil an der lebhaften Unterhaltung seiner Gäste; nur Alexandra verharrte in hochmütigem Schweigen; was galteil ihr all diese Menschen, die durch ihre Verivandtschaft mit Herodes sich ivas Großes dünkten und doch aus gemeinem Stamme lvaren, doch immer Knechte bliebeil, während sie und die Ihren stets auch iil der abhängigen Lage, in der sie sich befanden, dennoch die lvahren Könige lvaren, echte Sprossen aus Judas Heldengeschlecht. Ihrem Sohne hätte der Platz gebührt, den jener knechtische Herodes einnahm, ihr und den Ihren allein gehörte die Krone von Zion. Hatte sie ja auch der Gott ihrer Väter vor allen anderen Menschen ausgezeichnet, indem er ihren Zügen den Stempel der Schönheit aufdrücktc, die nicht ihresgleichell hatte in ganz Judäa und weit über die Grenzen des Landes hinaus. Welch ein Abstand zwischen ihrer Fannlie llnd jener des Herodes! Und wie kennzeichnete sich dieser Abstand schon durch das Aenßere. Wie geivöhnlich, ja, wie gemein sahen jene aus, und welch hoher Adel hingegen prägte sich aus in den Zügen der Königin und ihres Bruders! Wie war es doch! Hatte sie ja jüngst auch den Ausspruch des Römers Dellius vernommen, der beim Anblicke der beiden ausgerufen: „Das seien keine von Sterblichen gezeugten Kinder, nein, von den Göttern müßten sie abstannnen." Und sie selbst, Alexandra, ivelch himmelweiter Unterschied zwischen ihrer köiliglicheil Gestalt, den zarten, noch jetzt schönen Gesichtszügeil und der reichen Fülle voll schöneil Haaren, die das stolze Haupt ilinrahinten, lind der — einer zusainmengekrümmtett, vertrockneten Mumie ähnlicher delin einem lebenden Wesen — blöde dreinstierenden Mutter des Königs! Und mit einem Blicke voll Abscheus riß sie sich von diesem Anblicke los und ihre Angen suchten jene Stelle, an der ihr göttlicher Aristobul sich befand. Da tönte plötzlich mitte» hinein in das laute, fröhliche Treiben der Gesellschaft bitteres, herzzerreißendes Weinen. Das Lachen verstummte und jäh abbrechend richteten sich die Augen aller nach jener Stelle hi», woher der klagende Laut gekommen lvar. Dort, ganz anl äußersten Ende der langen Tafel saß ein kleiner häßlicher Knabe; heiße Tränen fielen auf seine blassen Wangen hinab und wehmütiges Schluchzen erschütterte feinen schwächlichen Leib. „Was ist dem Kinde?" srug Mariamne, lvährend das Auge des Königs sich drohend nach dem Störenfried richtete. „Was fehlt Dir?" Der Knabe antwortete nicht sogleich; die Hände vor das tränenuasse Gesicht gedrückt, verharrte er in trotzigem Schweigen, dann aber brach es los und mit zuckenden Lippen und vor Schluchzen erstickter Stimme rief er: „Ich will fort von Euch, ich will nicht hierbleibeu! Ich will heim zu meiner Mutter! Ihr lacht und jubelt und meine Mutter daheim klagt und betet!" Eisiges Schweigen herrschte ringsum und die Blicke aller suchten den König, der mit finsterem Ausdrucke zu Boden starrte, jetzt aber lvandte sich sein Auge nach dem Knaben hin und wahrlich: nichts Gutes verhieß dieser königliche Henkersblick! Das blasse Kind jedoch am untersten Ende der Tafel verstand ihn nicht, diesen drohende», mordenden Blick, oder in seinem kindlichen Trotz fürchtete ihn nicht, denn leidenschastlich erregt und immer.heftiger werdend, ries er zu den» König hin: „Ich will fort von hier, ich will wieder nach Phasaelis gehen zu meinem armen Mütterchen! O, ich weiß es. ich bin ein Königssvhn und meine Mutter ist die Königin und nicht jene da!" und dabei wies er mit haßerfüllter Geberde nach der erbleichenden Mariamne hin. Allein, da hatten sich auf einen Wink des Königs bereits die Diener des weinenden und sich >vild geberdenden K,laben bemächtigt und führten ihn aus dem Saale. Durch die weit geöffneten Hallen jedoch ertönte nach wie ein ersterbendes Echo das heiße Schluchzen des Knaben und der Ton seiner kreischenden Stimme drang wie anklagend in die Herzen der königlichen Familie: „Ich will heim zu Doris, meiner Mutter!" .... Dumpf klang es in den Sal: „Ihr lacht und jauchzt und meine arme Mutter weint und betet!" ... (Forts, folgt.) lkorku. Line L r ü h l i n g s f a h r t. II. rwarte nientand von mir eine Beschreibung Korfus. Wenn man das reizende Büchlein von Ferdinand Gregorovius über die jonische Idylle gelesen, hat man wirklich nicht den Mut, sich an eine neue Reisebeschreibung zu wage». Obwohl es sehr verlocketid wäre, der idealisierenden Darstellung des berühmten Historikers die modern realistische Auffassung gegenüberzustellen. Gregorovius sieht alles auf Korfu durch die Brille der Phantasie, mit dem Auge des Poeten. Der Hauch der dichterischen Mythe hat ihn so überwältigt, daß er mich die Gegenwart nur im Lichte der großen sagenhaften Vergangenheit erblickt. Er gesteht selbst einmaldaß man diese Inseln und Küsten entgeistern und entzaubern würde, lvenn marl ihnen das unsterbliche jonische Märchen, welches Odyssee heißt, wegnehmen wollte. Aber daran denkt doch kein Mensch. Der moderne Wanderer fühlt nur den Kontrast zwischen den Gestaltungen der Phantasie und den Eindrücken der rauhen Wirklichkeit etwas stärker als der Poet, der mehr auf den Gefilden Jliums als in den Straßen von Korfu zu Hause ist. Ich habe das so recht deutlich gemerkt, als ich zum>rstenmal meine Schritte nach, dem Ghetto lenkte. Sogar auf diesen Stadtteil erstreckt sich die idealisierende Phantasie des deutschen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.