Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 249 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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249 Verlunkme Welten. historische Erzählung von Judäas Königszeit. Von Carola Buchheim. »m festlich geschmückten Speisesaal des königlichen Palastes hatten sich alle Angehörigen des Königs eingefnnden, nin einer Einladnng Folge zn leisten, die sie zn einem Festmahle versammelte. Es galt heute, das Schabuotfest zu begehen und Herodes liebte es, an solch hohen Festtagen die Mitglieder seiner ganzen Familie bei sich zu bewirten. Goldenes Sonnenlicht flutete durch den Raum und spiegelte sich tausendfach in den kostbaren von Gold- und Edelsteinen strotzenden Gesäßen wieder, mit denen die Tafel bedeckt war. Inden reichgefchmückten schweren Silberpokalen, in denen der feurige Wein leuchtete, und in den goldenen mit kostbaren Kleinodien verzierten Schüssel», ans denen in verlockender Fülle die köstlichsten Früchte prangten. Berauschend mengte sich der Duft der voll erblühten Rosen und der erlesensten Pflanzen mit dem süßen Frühlingshauche, der vom Garten mit würziger Luft den Saal erfüllte. Jetzt war der König eingetreten. Mit leisem Neigen des Hauptes begrüßte er die sich tief Verneigenden, dann schritt er zu dem Platze hin, den seine Mutter inne hatte, und indem er mit leichter Berührung sein« Lippen auf die rnnzlichen gelben, Pergament ähnlichen Wangen der alten Frau drückte, schweifte sein Auge wie suchend durch den Raum. Dann schritt er zn seinem Platze hin, der sich am obere!! Ende der Tafel befand. Befremdet ruhte sein Blick auf dem Thronsessel an seinerrechten Seite, der für die Königin bestimmt war. Seine Stirne umwölkte sich und einige Minuten verharrte er in sinnendem Nachdenken. Keiner der Gäste wagte es, das Schweigen des Königs zu unterbrechen, bis Salome, die ihr Auge fest auf das Antlitz ihres königlichen Bruders gerichtet hielt, mit hämischer Geberde auf den leeren Platz an der Seite des Königs weisend die Worte hervorstieß: „Die Königin ist wohl unpaß geworden, — sonst ziemt es ihr doch nicht, ihren hohen Gemahl warten zn lassen." „Verzeih, Salome, wenn ich Dir widerspreche," entgegnete Alexandra, „Mariamne, meine Tochter, ist durchaus nicht erkrankt und unbegreiflich scheint mir ihr Verweilen." „Ich sah die Königin im Garten lustwandeln mit ihren Frauen," warf Josephus ein, „doch glich ihr Aussehen nicht dem einer Leidenden, nein, einer frisch erblttten Rose glich sie nnd. . ." Allein das Wort erstarb ans seinen Lippen, als er anfschanend den giftigen Blick gewährte, den ihm Salome, seine Gattin, zuschleuderte. „Wenn Du gestattest, mein König, will ich Nachsehen, was meine Schwester am Kommen hindert." Sinnend hatte der König vor sich hingestarrt, hatte auch der halblaut gesprochenen Bemerkungen der anderen nicht geachtet nnd war erst jetzt auf das Anerbieten des jungen Aristobnl aus seinem Brüten empvrgeschreckt. Eine Weile blickte er wie abwesend in das blühende Gesicht des jungen Priesters, der seinen Platz an der Seite Salomes inne hatte und es schien, als wollte er sich an diesen göttlich schönen Zügen satt schauen und Ersatz holen für die Abwesenheit der holden Schwester. Doch da wurden die Vorhänge, die aus dem Speisesaal in die Gemächer der Königin führten, zurückgeschlagen und der voranschreitenden Dienerin folgte, das Antlitz durch lange wallende Schleier ties verhüllt, die Königin. Bei ihrem Eintritt hatte sich Salome rasch erhoben und die Kammerfrau beiseite schiebend, bemühte sie sich diensteifrig die Königin von den sie verhüllenden Schleiern zu befreien. „Sei gegrüßt, Mariamne," rief sie und ihre dunklen Augen funkelten in zorniger Eifersucht, als sie jetzt die leuchtende Gestalt der Königin gewahrte, „wir glaubten Dich erkrankt, weil Du zu kommen zögertest . ." „Hab' Dank, Salome," sagte Mariamne, indem sie sich den Händen ihrer Schwägerin entzog, „allein Du siehst es, ich erfreue mich vollster Gesundheit, wenn dieses auch," setzte sie lachend hinzu, „manchem recht leid sein mag." Salome tat, als wäre diese Bemerkung nicht an sie gerichtet, und mit gleichgültig scheinender Miene nahm sie wieder ihren Platz ein. Mit einer tiefen Verneigung vor ihrem Gemahl war die Königin zu dem hohen, mit der goldnen Königskrone gezierten Sitz an die Seite des Königs getreten, der für sie bestimmt war. Das Lächeln, das nach dem wohlgezielten Hieb für Salome für einen Augenblick die Lippen der Königin umspielte, war von ihrem Antlitz gewichen, und mit einem fast hochmütigen Ausdruck schweifte ihr Auge über die Tischgäste hin, um dann mit zärtlichem Lächeln ans dem jugendfrischen Gesichte ihres jungen Bruders, des Hohenpriesters Aristobul, zu verweilen. „Läßt meine Mariamne ihren Sklaven deshalb so sehnsüchtig nach ihrem Anblick schmachten, um ihn dann durch all den märchenhaften Zauber ihrer Erscheinung zu verwirren?" „Mein erhabner König schmeichelt seiner Sklavin nnd macht mich hoffärtig durch seine Worte." „Die dennoch nicht im stände sind, all das anszudrücken, was mein Herz für Dich, o göttliche Mariamne, an Liebe und Anbetung in sich birgt." Und bewundernd ruhte sein trunkener Blick auf der formvollendeten Gestalt der jugendfrischen Königin. Aber auch Salomes Blicke hingen wie sestgebannt an den Zügen ihrer Schwägerin, nur drückten diese Blicke nicht Bewunderung aus, nein, wilder, brütender Haß, wahnwitzige glühende Eifersucht verbarg sich mit Mühe unter der Maske gleichgültiger Höflichkeit, mit der sie den halblaut geflüsterten Worten lauschte, die ihr Gatte an sie richtete, dann aber riß sie sich gewaltsam los von dem verhaßten Anblick, und indem sie sich ihrem Nachbar links zuwandte, ruhten ihre schwarzen, lodernden Augen mit unverhohlener Bewunderung auf den Zügen des jungen Aristobul. Und sie begann in leise scherzendem Tone die Unterhaltung, auf die der lebensfrohe Jüngling rasch und freudig einging. Wie schön er war! Und wie er ihr glich, der Verhaßten. Wahrlich, wäre er nicht ein getreues Abbild ihrer Züge, man müßte ihn lieben! Und näher neigte sie ihr Haupt zu dem Jüngling hin, so daß ihre nachtschwarzen Locken fast seine Schultern berührten. Unwillig wehrte sie dem die Speisen umherreichenden Diener, wenn er an ihre Seite trat. Was verlangte sie heute nach den köstlichsten Gerichten? In ihr Herz war mit sieghafter Gewalt die Liebe eingezogen und mit allen ihren heißbegehrenden Sinnen zog cs sie zu diesem Jüngling hin, der alle anderen an Schönheit und Anmut übertraf. Und Aristobnl? In seiner halb kindlich fröhlichen Art nahm er all die schmeichelnden Worte, die zärtlichen Neckereien entgegen, die die leidenschaftliche Salome ungeachtet der Nähe ihres Gatten, unbekümmert um die übrigen Tischgäste an ihn verschwendete. Allein die Gäste achteten ihres Treibens nicht, einige unterhielten sich mit ihren Nachbarn, andere sprachen mit Eifer den köstlich bereiteten Gerichten zu und ließen sich den feurigen Wein gut schmecken.