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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · p. Seite 248

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 248 (sequence 10)
Language
German
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248 drängten, die in geistiger und seelischer Art aufstöhnen, nicht achtlos vorübergehen. Und er wendet ihnen sein Interesse, das hier nicht durch die allgemeine Anschauung und die Anpassung an das Milieu gebildet wurde, sondern aus seinem Weltgefühl entstand, in ungewöhnlicher Weise zu. So trägt er sich mit der Absicht, eine Anthologie hebräischer Dichtungen herauszugeben, deren reiche Schönheiten in seltsamer Folge eines platten „Rationalismus" von den meisten ungesehen zurückgewiesen werden und darum viel zu wenig bekannt und geschätzt werden. Und in zwei seiner eigenen Novellen: „Die Verwüstung" und „Kain und Artem", legt er ein Bekenntnis über sein seelisches Verhältnis ab, das er zu den Juden hat. Zwar kämpft er darin nicht; er beweist nichts; ergibt kein tendenziös gefärbtes Bild. Seine Stellung wird nur erkennbar durch die dichterische Bearbeitung, durch das Temperament. Und eben darin liegt das wesentliche. Denn so sicher, wie die Plastische Kraft und künstlerische Bedeutung eines Kunstwerkes von der Technik — worunter ich Schärfe des Bildes und Symbolik und Lebensfülle des Ausdruckes verstehe — abhängt, so sicher ist die seelische Tiefe von dem Weltgefühl abhängig, das sich darin spiegelt. In seiner Erzählung „Die Verwüstung" schildert uns Gorkij ein Persönliches Erlebnis, die Ermordung einer jüdischen Familie. Er war zu jener Zeit Bahnarbeiter. Plötzlich hört er betäubenden Lärm, daß . . .. „die Luft erzitterte und mit ihr erbebte das Herz in Vorahnung eines Unheils." Er läuft zu der Stätte, von der das Getöse herüberschallt. Unterwegs hört er die Worte: „Man schlägt die Juden!" „.. .. Und das sagte mit vergnügter Stimme ein ehrwürdiger Greis. Er rieb seine kleinen Hände und fügte hinzu: „So ist es auch recht..." Man fühlt in diesen Worten den Schmerz des Dichters zittern; und wer schärfer auf die Grundtöne horcht, kann einen grollenden Unwillen durchklingen hören über „diesen ehrwürdigen Greis", der so voll innerer Roheit ist, daß er bei solcher Schmach „vergnügt" spricht und sogar das Gefühl hat: „So ist es auch recht!" Dann kommt er zum Ort der Verwüstung. Er findet eine Menschenmasse, die ein wahrer Vernichtungswahnsinn befallen hatte. Riesenhafte Männer und erregte Weiber zerstören das Haus und Eigentum einer Judenfamilie. In ihren Augen funkelt Mordgier. Greise. Frauen und Kinder werden unterschiedslos unter den größten Martern hingeschlachtet. „.... ein durchdringender Schrei eines Kindes erschütterte die Lust — er schnitt in das Herz und betrübte inehr als alle anderen Laute...." Empörung, wilde, rasende Empörung atmen diese Worte. Aber er sieht, sie tun alles ohne Sinn und Zweck, nur von einem tierischen Trieb gestachelt. „... An mir vorüber ging ein hünenhafter Bauer. Er lächelte stumpf mit dem zufriedenen Lächeln eines stumpfen Tieres . . ." Darum schmäht er die Mordbrenner nicht; denn sie sind sich ihrer selbst nicht bewußt. Er sieht nur voller Schmerz, daß sie alle eine leere, seelische Phrase beherrscht und in Unfreiheit hält, die — zum bornierten Pathos der Masse emporgewachsen — furchtbare Folgen hat; dann kommen die Kosaken, und die Mißhandelnden, die vorhin Mitleidslosen, werden ebenso roh und mitleidslos mißhandelt und mit Peitschen gejagt. „.. . Am Abend dieses Tages hörte ich, wie ein Kosak zum andern sagte: „Uh! Sie haben vierzehn Juden zerrissen! Und der andere rauchte ruhig seine Pfeife. . ." So schließt der Dichter — scheinbar ruhig, nur Tatsachen berichtend. Aber bei dieser leidenschaftslosen Gegenüberstellung dieses unerhörten Ereignisses eines vierzehnfachen Mordes und des völlig gleichgültigen Kosaken würde jeder Laut die Empörung abschwächen, die darin schlummert. Und gerade hierin liegt das Reizvolle, das künstlerisch Bedeutende der Erzählung. Wir hören ein Begebnis, eine Geschichte von allgemeinem Interesse, anscheinend nur erzählt, um den Vorgang zu berichten: ohne irgendetwas sagen zu wollen, was außerhalb ihres eigenen, tatsächlichen Inhaltes liegt, der wiederum außergewöhnlich anschaulich und einheitlich dargestellt ist. Aber dennoch fühlen nur bei jedem Wort: hier lebt noch eine andere Seele, die individuelle Gefühlswelt des Dichters. Es sind gleichsam Abrechnungen zwischen sich und der Urwelt — Geständnisse, die den allgemeinen Inhalt in die Grenzen der Persönlichkeit fesseln. Und diese ist so stark, liegt über dem Gegenständlichen, der Fabel, mit solcher Breite und Wucht, daß sie völlig den Stoff beherrscht. Darum vergessen wir völlig die Grausamkeit und Roheit desselben, und sehen nur Mitleid, Schmerz, Seele- Die zweite Erzählung „Kain und Artem" steigt zu ähnlicher Höhe: In einen» Dorfe Rußlands lebt ein jüdischer Hausierer, namens Kain, der von seinen christlichen Nachbarn verhöhnt und verfolgt wird. Nur einer läßt ihm seiner» Frieden. Artem, der Riese des Dorfes, den alle fürchten und hassen. Artem ist ein Säufer. So wurde er eines Tages in betrunkenen» Zustande von den anderen halbtot geschlagen und in diesem Zustande auf der Straße liegen gelassen. Endlich konnten sie sich für soviel Beleidigungen, die nur in» geheimen die Faust ballen konnten, rächen. Kai»» findet ihn, wie er so daliegt, und Pflegt ihn und rettet ihm das Leben. Aber deshalb beginnt für ihn eine Zeit der Furcht und des Schreckens; denn die ander»» werden ihm das nicht vergessen, daß er sie um die Früchte ihres Hasses gebracht hat. Nun hält Artem über ihn seine schützende Hand. Jeder weiß es und wagt es nur aus der Ferne, den Juden zu beschimpfen. Kain fürchtet, seinem Freunde unbequem zu werden; denn er fühlt, daß dieser seinetwegen von den andern gemieden wird. Aber Artem tröstet ihn darüber mit Gelächter: das sollte ihn nur nicht bekülnmern! Doch eines Tages sagt Artem plötzlich zu ihn»: „Zieh' aus den» Dorf! Ich kann dich nicht mehr beschützen." Kain versteht alles und ist nicht unwillig darüber. Er hatte sein Lebenlang nur Schimpf und Hohn gehört. Sein graues, schweres Leben kennt keine Freuden und darum erscheint ihm auch dieser neue Schlag fast selbstverständlich: „ ... Ach so! Du willst nicht mehr verhöhnt werden?" ... „Nein das nicht. Aber ich kann keinen Menschen beschützen. Ich kann es nicht!" entgegnet ihn» Artem. So gibt Gorkij ein Kulturbild, das er nur der Form und der eigenartigen Charaktere wegen geschrieben zu haben scheint. Aber dennoch dringt überall die Idee durch. Darum kann man von einen» Bekenntnis sprechen, das die beiden Dichtungen bilden. Die Stellung des Dichters wird erkennbar aus der dichterischen Bearbeitung und besondersfirus der Wahl des Stoffes. Denn das geschaffene Kunstwerk ist bei jedem Künstler, »vie Goethe von sich sagt, Bruchteil einer großen Konfession. Das künstlerische Interesse ist von dein geistigen und seelischen untrennbar. Darum kann man auch nicht behaupten, den Dichter hat nur oder zuerst der Stoff — oder nur seine Weltanschauung zur schöpferischen Betätigung gereizt. Nein! Aus seinem Gefühl, aus seinem seelischen und geistigen Empfangen heraus wählt er gerade diesen Stoff. Er braucht ihn als Form zu seinem Inhalt, um in ihm seine unkörperlichen Sehnsüchten, die jetzt feste Linien angenommen haben, zu enthüllen und zu erfüllen. Andererseits hat ihn auch wiederum der Stoff angezogen, »veil durch denselben in ihm schöpferische Erregungen erlöst wurden. So kommt das geistige den» künstlerischen Interesse auf halbem Wege entgegen. Und dadurch ragt die persönliche Seele des Dichters aus dem dargestellten, allgemeinen, auf sich selbst beruhenden Lebensbild deutlich erkennbar hervor — das Kunstwerk wird Bekenntnis.

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