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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 247 (sequence 9)
Language
German
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.247 Der Termin ist ja schon abgelaufen, an dem die Lösungen der von dem liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin gestellten Preisaufgabe über „Das Wesen des Judentums" eingeliefert werden sollen. Der betreffende Verein hat beim Ausschreiben namentlich an die zu belehrenden Christen gedacht. Viel wichtiger aber erscheint uns die Belehrung der Inden, viel wichtiger, daß endlich einmal klargeinacht wird, wie sich in alter Zeit schon das Judentum fortentwickelt hat, wie einige der Propheten schon eine hohe religiöse Stufe erreicht hatten, bis dann' Ezechiel kam und das Dogma in das Judentum verpflanzte. Die Lösung der Preisaufgabe kann uns nur dann nützen, wenn sie zum Ausgangspunkt einer Weiterbildung des Judentums gewählt wird. Sollte der Nachweis gelingen, daß das Urchristentum nichts anderes ist, als was die jüdischen Propheten lehrten, und daß die panlinischen und sonstigen Zutaten zum Christentum einerseits, talmudische Verknöcherung andererseits nur eine Verschlechterung ursprünglicher reiner Lehre darstellen, dem Bemühen entsprossen, die Scheidung immer strenger durchzuführen, so würde eine Rückkehr zu dieser reinen Lehre die Grundlage sein, auf der Juden und Christen zu der so wünschenswerten Verständigung gelangen könnten. Schon durch die Anerkennung der Uebereinstimmung wäre viel gewonnen. Eine weitere Verbreitung dieser Anschauungen wäre durch eine Reform des Religionsunterrichts zu erwarten Bisher wird das Hauptaugenmerk auf Einprägung der biblischen Geschichten gelegt; die Propheten aber werden in den wenigsten Religionsschulen gelesen. Ich bin der Ansicht, daß man vom religiösen Standpunkt (womit hier der sittliche gemeint ist) eine ziemlich beträchtliche Anzahl der biblischen Geschichten aus dem Jugendunterricht entfernen sollte. Mag man die schönsten Geschichten aus dem jüdischen Altertum dem Verständnis unserer Jugend nahe rücken; einen wesentlichen Bestandteil des Religionsunterrichtes sollten sie nicht bilden. Die Gedanken, die ich, ein Unbekannter, an dieser Stelle nur andeutungsweise vortrage, möchte ich zürn Schluß durch einige Citate ergänzen, die ich der Schrift eines jüdischen Weltweisen entnehme. Ich meine den Vortrag über „Mythos und Religion" von H. Steinthal (abgedr. in der Virchow- Holtzendorffschen Sammlung V. Serie, Heft 97. Berlin 1870). Wenn auch Steinthal nicht ausdrücklich den jüdischen Mythos und die jüdische Religion erwähnt, so gelten doch seine Worte auch von diesen. „Solange der menschliche Geist aus jeder Erscheinung einen Mythos bildet, solange er keinen Gegenstand anders als im Mythos erfaßt: solange muß notwendig die religiöse Wertschätzung der Dinge, das Messen am Unendlichen sich um Mythen bewegen und sich mythisch ausdrücken." — „Nicht aus innerer Notwendigkeit ist Religion mit Mythos von ihrem Ursprung an verbunden, nicht weil ihr Wesen zu solcher Vereinigung triebe, sondern weil es unter den in der Urzeit gegebenen Umständen nicht anders sein kann." — „Das ist nun das Verhängnisvolle für die Religion: wahrend wir den Mythos hochschätzen können, weil wir die darin enthaltene Wahrheit auszulösen vermögen, legt der kindliche Mensch alles Gewicht auf die Erzählung und glaubt die erzählte Tatsache als solche und fordert Glauben für dieselbe." — „Weit verbreitet ist der Irrtum, als wenn die Schläge gegen den Glauben an Mythen auch die Religion träfen." — „Noch verderblicher ist der Wahn, der sich ebenfalls bei Gebildeten wie bei Ungebildeten findet, der Wahn, welcher die Kraft und Tiefe der Religiosität an der Masse der ceremoniellen Hebungen mißt." — „Wer verkennt oder außer Acht läßt, daß der Mensch nur durch klare Erkenntnis und sittliche Arbeit und Kultus des wahrhaft Schönen die gesuchte Beseligung (d. i. die Erhebung zur Gottheit) erlangen kann, wer davon absehend ansruft: wie komme ich zu Gott? der ist schon in Blindheit und Wüste." — „Die unnatürliche, unglückliche Ehe der Religion mit dein Mythos wäre längst zerrissen, wenn nicht alles, was mit ihr zusammenhängt, eine besonders konservative Kraft hätte." Dr. 6. Gorkij und die Juden. Von Eduard Götz. llgemein kann man jetzt eine Anmaßung geistigen Werten gegenüber beobachten, die sich in Fragen der Literatur und Kunst in gespielter Uebersättigung und Geringschätzung äußert. Allerdings entspringt diese weniger dem Schmerz über den niedrigen Stand der heutigen Schöpfungen und der Sehnsucht nach neuen Höhen, als vielmehr einer leidigen Halbbildung in künstlerischen Dingen, die durch Kunstvereine, durch Vorträge und Schriften hervorgerufen wird. Denn wer die Kunst nicht mit heißer Sehnsucht umarmt, dem wird sie schamvoll immer ihre Seele verschließen; und Ehrfurcht kann nur durch Liebe und Verstehen erzeugt werden. Aber darum ist es wunderbar, daß man trotz dieses Verhältnisses, in dem sich das einzelne Individuum zur Kunst befindet, in dem zusammenklingeuden Stimmengewirr der Masse dennoch eine heiße — manchmal sogar unsinnige — Verehrung großer künstlerischer Persönlichkeiten wahrnehmen kann. Die Sehnsucht nach ihnen muß also doch wohl tief in der Seele eines jeden Menschen liegen; und wenn mit dem neuen Werke eines bedeutenden Schöpfers wieder eine neue Hoffnung und Ahnung über die Masse kommt, dann ist es, als ob eine unsichtbare Macht umhergehe im Lande und jedem die Botschaft ins Ohr ranne. Und dann erhebt sich ein Gemurmel freudiger Begeisterung, das wahrhaft fühlt und die Dinge recht versteht. Denn wer gespannt diesen mannigfachen Stimmen lauscht, wird deutlich Untertöne wahrnehmen, aus denen hervorgeht, daß die Verehrung der Massen je nach der Persönlichkeit des Verehrten ein besonderes und eigenartiges Gepräge hat. Während sie zu Ibsen mit Demut und Bescheidenheit wie zu etwas nie geahntem aufblickt, äußert sie sich bei Zola in Bewunderung der großen Kraft und Arbeit und in Staunen, das allerdings innerlich nicht sehr stark mitgerissen wird, und an dem die eigene, empfangende Seele keinen Anteil eines leidenschaftlichen Mitlebens nimmt. Bei Gorkij dagegen ist die Verehrung wie die Liebe zu einem weisen und milden Freund. In seinen Schöpfungen fühlt der Aufnahmefähige, dem Dichter ähnlich geartete, seine individuelle Seele trotz ihres Eigenlebens aufgehen. Die Worte des Dichters sind somit die Worte seiner Gemeinde; — anders als z. B. bei Ibsen, wo jedes einzelne neue Land der Sehnsucht, das man wohl schon unbewußt in sich getragen hat, dennoch erst schrittweise erobert werden muß. Man muß einen Berg hinansklimmen. Und — das muß man beachten — das oben erwähnte Moment bildet den Hauptgrund für Gorkijs Popularität, die er doch in so kurzer Zeit, und nicht nur in seinem Heimatland erlangte, und somit auch für seine Stellung in der Weltliteratur, zu der ihm jedenfalls allein die künstlerische Bedeutung seiner Leistungen und der geistige Wert derselben nicht so schnell den Weg geebnet hätten. Vielmehr war es seine Weltbetrachtung, die wie ein gütiges, wehmütig-verstehendes Auge über allen seinen Worten schwebt, und die für alle Bedrückten ein erlösendes Wort findet. Er verurteilt nicht; ja, er wagt es kaum, die Ereignisse zu deuten. Er sieht dem bunten Geschehen zu — voller Demut und Verwunderung. Die Lage der Juden Rußlands ist allzu bekannt. Eine leidenschaftliche Persönlichkeit, wie Gorkij, wird an diesen Be-

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