Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 246 (sequence 8)
- Language
- German
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246 seine Vaterstadt zrnückgekehrl, verheiratete er sich 1837 mit Dorothea Silberberg und lebte mit ihr achtundvierzig Jahre in glücklicher Ehe. Von 1839 an gehörte er dem Rabbinatskollegium in Rawitsch an. Seit dieser Zeit hielt er in einer dortigen Synagoge an jedem Sabbat religiöse Vorträge. In der Provinz Posen war er eim r der ersten Rabbiner, welche die Predigt in hochdeutscher Sprache im jüdischen Gottesdienst heimisch gemacht haben. Anläßlich einer am 3. August 1852 von ihm gehaltenen Predigt, die vom königlichen Kreiskommissarius derLandesstistung „Nationaldank" dem Kuratorium der genannten Stiftung eingereicht wurde, erhielt er ein huldvolles Schreiben des damaligen Prinzen von Preußen, späteren Kaisers Wilhelm I., in welchem der Druck und die Verbreitung der Predigt angeordnet wurde. Aus dem Erlös desselben wurde vom Kuratorium der erwähnten Landesstiftnng eine „Salomon Brann^sche Stiftung" zum Besten der Invaliden aus den Jahren 1813 bis 1815 errichtet und verwaltet. Im Jahre 1853 wurde er alsdann zum Ehrenmitgliede der „allgemeinen nationalen Jnvalidenstiftung" ernannt. Im April 1853 trat Braun sein Amt als Rabbiner und Prediger in Schneidemühl an. Im Jahre 1857 übertrug ihm die königliche Regierung zu Bromberg zunächst die Aufsicht über den Religionsunterricht an der jüdischen Elementarschule, und 1859 ernannte sie ihn znm Königlichen Ortsschütinspektor. Als Religionslehrer an dem königlichen Gymnasium, an der höheren Töchterschule und der Provinzial-Tattbstummenanstalt wurde er 1858 angestellt. Seit 1844 ist er auch literarisch tätig gewesen; und eine Reihe wissenschaftlicher Abhandlungen ist von ihn: in den Fachzeitschriften für die Wissenschaft des Judentums erschienen. Auch einige Predigten, darunter eine zur Krönung König Wilhelms I. 1861, sind im Druck erschienen. Im Jahre 1902 hat ihn der deutsche Rabbinerverband in seiner letzten Generalversammlung zn seinem Ehrenmitgliede einstimmig ernannt. Aber nicht lange konnte er sich dieser großen Ehrung freuen, denn bereits am 16. März starb er nach kaum dreimonatlicher Krankheit. Von den vielen Verdiensten, die sich Rabbiner Braun um die Entwickelung der Schneidemühler Gemeinde erworben hat, sei hier nur eins hervorgehoben: er hat der Gemeinde den Frieden gegeben, ohne welchen sie nimmer das geworden wäre, was sie heute ist. Als Braun vor 50 Jahren — es war am Laichat 1m§aclo1 — sein Amt antrat, erkannte er, welch' gewaltige Ausgabe ssiner harrte. In zwei sich gegenseitig stark befehdende Parteien war die Gemeinde gespalten, jede derselben, die orthodoxe und liberale, hatte ihren eigenen Gottesdienst. Mit Braun kam der rechte Mann zur rechten Zeit. Bereits nach kurzer aber schwerer Arbeit war es ihm durch die Macht seiner Persönlichkeit, durch seine unüberwindliche Energie und durch sein mächtig wirkendes Wort gelungen, die Parteien auszusöhuen, und Ruhe und Frieden zog in die Gemeinde ein. „Leliolaum, Letrolaum, proellank ^v'lakttrrnnv", — das war der Wahlsprnch, nach dem der ehrwürdige große Rabbi hier lebte und wirkte. Fast in allen seinen Kanzelreden und auch in allen seinen Briefen, die er alljährlich an den Gemeindevorsteher, Herz Berliner, von seinem Erholungsorte aus sandte, bildete den Kern des Inhaltes: „Lellotrnnn — Friede." Nun ist der Mann, der den Frieden auf Erden so oft gepredigt hat, selbst hinübergegangen znm ewigen Frieden. Was Rabbiner Brann der Schneidemühler Gemeinde gewesen, wird nie vergessen werden; sein Name bleibt für immer mit der Geschichte der hiesigen Gemeinde unauslöschlich verknüpft. Dir Weiterbildung des Judentums. Keizergedankeir eines kaien. abel und kein Ende —, so muß man ansrnfen, wenn mau die Flut der Aufsätze überschaut, die sich an Professor Delitzsch' Vorträge über „Babel und Bibel" angeschlofsen haben. Man kann es ja den Frommen aus jüdischem und christlichem Lager nicht verdenken, wenn sie sich erheben, um die kühnen Folgerungen, die der berühmte Assyriologe aus den Ergebnissen der Ausgrabungen in Vorderasien gezogen hat, zu widerlegen. Wir gewöhnlichen Sterblichen aber, die wir nicht in dogmatischen Bedenken befangen sind, können wirklich nicht recht eiusehen, warum es unser religiöses Gefühl verletzen sollte, wenn man nachweist, daß gewisse Anschüttungen und Vorschriften, die nach der bisherigen Meinung für echt jüdisch galten, weil sie in dem jüdischen „Buche der Bücher" verzeichnet sind, ans ein bei weitem höheres Alter Anspruch haben. Und wenn es andererseits Delitzsch' Gegnern gelingen sollte, einen Teil seiner Folgerungen, ja alle als falsch zu erweisen — und das erscheint sehr unwahrscheinlich —, so würde das doch für unser religiöses Gefühl kein Gewinn sein, da dieses gar nicht an die Voraussetzungen gebunden ist, die den Orthodoxen heilig sind. Wir wollen auch gewiß nicht das Verdienst der Bibelredaktoren schmälern, die sich in die Ueberlieserung vertieft haben. Aber für alle Zeiten ist auch diese Vertiefung nicht giltig. Oder steht nach unserem modernen Empfinden der Mensch sittlich höher, der „Vater und Mutter ehrt, damit er lange lebe ans dem Erdreiche, das ihm der Ewige gegeben", als der, dem diese Ehrung seiner Eltern eine sittliche Notwendigkeit erscheint, die er als etwas Selbstverständliches vollzieht, für die einen besonderen Lohn zu begehren oder zu erwarten ihm verwerflich wäre? Bibelredaktoren! — Das Wort entschlüpfte der Feder und möge nun stehen bleiben neben den anderen Blasphemien, die »ach orthodoxer Anschauung ohnehin in den vorhergehenden Zeilen enthalten sind. Aber es bedarf der Erklärung. Daß unsere Thora, ivie sie uns vorliegt, kein einheitliches Werk ist, daran kann doch nur jemand ziveifeln, der sie nicht gelesen hat oder sich beim Lesen des kritischen Verstandes begiebt. Die vielen Widersprüche, die sich in der Thora finden, erklären sich ohne weiteres dadurch, daß die Redaktoren des heiligen Buches verschiedene Berichte, die ihnen über irgend ein Ereignis Vorlagen, zusammenschweißten. Mit großem Erfolge ist eine ziemlich beträchtliche Anzahl von Theologen bemüht, den nrsvrünglichen Sachverhalt aufzudecken — und die assyriologischen Forschungen werden hier viel zur Klärung beitragen; — aber unter diesen Theologen befinden sich leider wenige Juden; ja noch vor wenigen Wochen hat auch in dieser Zeitung einer unserer bekanntesten Rabbiner, der durchaus nicht zu den Orthodoxen im schroffsten Sinne zählt, die Berechtigung einer solchen Bibelkritik verneint. Aber gerade unsere Rabbiner hätten alle Ursache, sich hieran mehr als bisher zu beteiligen. Sie klagen, daß das Interesse unserer Jugend am Judentum immer mehr schwinde. Wenn sie, die ein verächtliches Wort vergangener Zeiten als "Kauscherwächter" bezeichnete, auch heute noch der ihnen anvertrauten Jugend als wesentlichen Bestandteil des Judentums gewisse rituelle Vorschriften bezeichnen, die für ihre Zeit vielleicht von Bedeutung waren, uns aber nichts mehr besagen und jedenfalls nichts weniger als religiös sind, so mögen sie sich nicht wundern, wenn diese Jugend, herangewachsen, nach dem Aufgeben dieser Ritualien nicht weiß, worin denn eigentlich das Judentum noch bestehen soll.