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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · p. Seite 245

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 245 (sequence 7)
Language
German
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Die jüdische Bevölkerung, die etwa 15 000 Seelen umfaßt, schaut aus diesem Grunde mit froher Hoffnung in die Zukunft. Wenden wir uns nun von Adrianopel nach dem in der letzten Zeit soviel genannten Saloniki, so zeigen sich auch hier unseren Blicken erfreulichere Bilder der Krastentfaltung und des Fortschritts unter den Juden. Sprechen wir zunächst einmal vom Ackerbau. Vor etwa acht bis zehn Monaten traten angeregt durch das wachsende Elend der Bevölkerung, einige Männer zur Bildung eines Komitees unter dem Namen „Carmel" zusammen. Das Komitee hat soeben in den Zeitungen Salonikis einen Aufruf veröffentlicht. Es hat die mißliche Lage, in welcher der größte Teil der dortigen Handwerker, wie Tischler, Schneider, Schuhmacher rc. sich befindet, zum Gegenstand einer Untersuchung gemacht und auf Grund statistischer Erhebungen nachgewiesen, daß diese Handwerker bei ihrer steten Zunahme unter sich selbst einen erbitterten Konkurrenzkampf führen, daß sie, denen doch nur geringe Mittel zur Verfügung stehen, schließlich ein Opfer der allgemeinen Geschäftsstille werden müssen und dem Import ausländischer Erzeugnisse, besonders von Möbeln, Schuhwerk und Kleidung nicht die Spitze zu bieten vermögen. Der Ausrus schließt mit der Mahnung, zum Ackerbau znrückzukehren, jener Beschäftigung, der sich bereits unsere Vorfahren gewidmet hätten und in der das einzige Heil der Menschheit liege. Das Komitee beabsichtigt mit Hilfe der eingegangenen Gelder mehrere Familien gruppenweise rings um die Stadt anzusiedeln. Der Anfang soll bereits in allernächster Zeit gemacht werden. Das Programm umfaßt acht sehr lehrreiche Punkte, die ich ihrem Wortlaut gemäß hier iviedergebe: 1. Jeder Familie wird eine Wohnung von zwei Räumen zugegewiesen, ein Zimmer und Küche. Infolgedessen wird endlich einmal hier die Sorge um Wohnungen, die sich zu jedem Septembertermin seit altersher von Neuem erhob, ein Ende haben. 2. Jeder Ackerbauer erhält zwei Paar Zugochsen. Pserde und Esel als Lasttiere, und zur Ausnützung der tierischen Produkte Milch, Wolle, Eier rc. einige Kühe, Schafe, Ziegen und Widder, Geflügel rc. 8. Den Kolonisten werden Ackerbaugeräte neuesten Systems und Sämereien geliefert. 4. Ein jeder erhält ein Stück Land im Verhältnis zur Größe seiner Familie zugeteilt. Die einzelnen Gruppen der Ackerbauer werden einem Leiter unterstellt. 5. Das Komitee sorgt im ersten Jahre für den Unterhalt der Ackerbauer und deren Familien. 6. Es sollen zwei Schulen, eine Knaben- und eine Mädchenschule in der Kolonie geschaffen werden. 7. In beiden Anstalten findet ein gewerblicher Unterricht statt; türkisch soll als Muttersprache gelte» und hebräisch wie eine lebende Sprache gelehrt werden. 8. Im Mittelpunkt der Kolonie wird eine Synagoge errichtet. Die Kolonisten müssen dagegen ihrerseits gewisse Bedingungen innehalten. In der Kolonie ist jeder Luxus streng verboten, mit Ausnahme des Ringes der Alliance, auch das Trageil von Schmnckgegenständen. Die Männer tragen ein nniformartiges Gewand, welches von dem Komitee geliefert wird, auch die Franc« eine gleichförmige Bekleidung. Die Kinder müssen die Schule vom fünften Lebensjahre an besuchen. Die Eltern dürfen ihre Kinder ohne Erlaubnis des Komitees mit Feldarbeiten nicht beschäftigen, nur in den Ferien ist das Verbot aufgehoben. Gelangt das Werk, wie geplant, zur Durchführung und erfüllen sich die daran geknüpften Erwartungen, so wird es der jüdischen Bevölkerung Salonikis — sie wird auf 70000 Seelen geschätzt — zum großen Segen gereichen. Auch auf einem anderen Gebiete hat Saloniki den ersten Schritt getan. Der Direktor des „Journal de Salonique", Samuel Levy, ist von der Polytechnischen Gesellschaft in Paris beauftragt worden, volkstümliche Abendkurse einzurichten. Professoren, die in Paris diplomiert sind, haben es bereitwilligst übernommen, wöchentlich zwei- oder dreimal Unterricht in Französisch, Rechnen und Buchführung zu erteilen. 700 Zuhörer haben sich bereits zu diesen Kursen einschreiben lassen, ein Beweis für den ungemein großen Anklang, welchen diese Idee gefunden hat. Sehr traurig lauten die Nachrichten aus Palästina. Beinahe 2000 Menschen sind dort der Cholera zum Opfer gefallen. Beim Auftreten der Cholera in Jaffa befand sich die Mehrzahl der Aerzte nicht in der Stadt. In Liberias herrschen die gleichen traurigen Zustände, Auch hier ist es schwer zu entscheiden, ob die Cholera oder der Hunger mehr Opfer forderten. Lange Zeit haben in Safed wohnende Verwandte und Freunde jüdischen Familien in Liberias Lebensmittel mit Hilfe von Maultieren nach Tabha, einem Kloster an dem nördlicheil Ufer des Liberias schaffen lasten, von wo aus große Barken, Schatoura genannt, die Gegenstände nach Liberias weiterbeförderten. Safed ist von Tiberiassee etwa fünf Stunden entfernt. Nachdem nun in Safed selbst die Cholera ihren Einzug gehalten hatte, wurde die Lage der Juden in Liberias und Safed eine trostlose. Safed zählt 8000 Juden, etwa doppelt soviel wie Liberias. Mit ihren engen, ungepflasterten Gäßchen und ihren offenen Abflüssen bietet die Stadt einen ungemein günstigen Nährboden für jede Epidemie, trotz ihrer hohen Lage, 800 Meter über dem Meeresspiegel, und obwohl sie, wie nur sehr wenige Orte in Palästina eineil Winter, sogar mit einigen Schneefällen, zu verzeichneil hat. N. k*. Laiomon Scann. Von N. Moses. iner der bedeutendsten Talmudisten und jüdischen Gelehrten unserer Zeit ist mit Salomon Brann, dem Rabbiner der Schneidemühle! Gemeinde, dahingegangen. Nicht nur in seinem Wirkungskreise, sondern weit über die Grenzen desselben hinaus war er eine hochgeschätzte und verehrte Persönlichkeit. Es dürfte daher allgemein interessieren, über das Leben und Wirken dieses Mannes, wenn auch in kurzen Zügen etwas zu erfahren. Brann ist am 3. November 1814 in Rawitsch geboren, wo seine Vorfahren nachweisbar seit mehr als zweihundert Jahren wohnten. Von Jugend auf für den rabbinischen Beruf bestimmt, besuchte er vom fünften Lebensjahre ab die Talmudschulen seiner Vaterstadt. Durch Privatlehrer erhielt er Unterricht in den Elementen des allgemeinen Wissens. Von 1828 bis 1833 besuchte er die berühmte rabbinische Lehranstalt, die damals noch in Lissa i. P. blühte, daneben erhielt er Privatim von einigen Gymnasiallehrern Unterricht in alten und neuen Sprachen und in den Realien. Später ging er nach Berlin, wo er einige Semester an der Universität, an der er philosophische und orientalische Vorlesungen hörte, inskribiert war. Daneben setzte er auch dort seine rabbinischen und talmudischen Studien eifrig fort. Die Rabbinatskollegien von Berlin, Lissa und Kempen erteilten ihm die Approbation zum Rabbinate. In

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