Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- Seite 243 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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243 „Die Kischinewcr können nocd immer von den erlebten Schrecken nicht zu sich kommen. Die meisten Läden indischer Kaufleute sind noch geschlossen. Die Straßen gleichen Kirchhoialleen; man sieht die unglücklichen Juden wie Schatten auf de» Straßen herumschleichen, die meisten mit Wunden am Kops und im Gesicht. Die Zahl der Getöteten und infolge der Wunden Verstorbenen beläuft sich aus 50. Im jüdischen Hospital befinden sich mehr als 400 Verwundete, darunter etwa 85, die sürs ganze Leben unbrauchbare Krüppel bleiben »erden. Die Notlage der hiesigen Juden hat ihren Höhepunkt erreicht; ast 4000 Familien sind ohne Obdach und Brod. Die Hilfe, die den lnglücklichen bis jetzt zu teil wurde, ist noch im höchsten Grade ungenügend. Die Gesellschaft vom Roten Kreuz leistet weitgehende öilfe. Sie verteilt an die Geplünderten täglich 2500 Mahlzeiten, lnter den Verletzten befinden sich 40 Christen, welche versuchten, die luden gegen die Wut ihrer Angreifer zu schützen." Die Mehrheit der christlichen Bevölkerung ist inzwischen zum Bewußtsein ihrer Taten gekommen und beteiligt sich, von Gewissensbissen getrieben, mit reichichen Spenden an den Sammlungen. Exgouverneur Konstantinowitsch pendele 10000 Rubel. Selbst in der antisemitischen russischen Presse ommt jetzt Bedauern über das Vorgesallene zum Ausdruck. Auch >ie in Odessa wohnhaften Schwestern des Finanzministers Witte haben urößere Spenden nach Kischinew gesandt. Der in Rußland sehr populäre uud auch beim Zaren sehr beliebte Priester Johann von Kronstadt veröffentlicht in der Petersburger „Nowosti" einen äußerst Harfen Artikel. Unter anderen heißt es darin: Das Herz des Zaren, las für das allgemeine Wohl des Volkes besorgt ist, ist von den chrecklichen Greueln und Grausamkeiten in Kischinew mit großer irauer erfüllt. Russische Brüder! Warum habt Ihr Euch in Mörder erwandelt, warum habt Ihr eine solche Abschlachtung verübt?' ihr habt dadurch Eure Zugehörigkeit zum Christentum verloren. )er Geist der Mörder und Plünderer ist der Geist des Teufels, welche > ie erhabenen Lehren des Christentums von Liebe und Barmherzigkeit erhöhnt und verspottet. Das unschuldig vergossene Blut dieser Unglücklichen schreit gen Himmel!" Inzwischen ist in Kischinew selbst unter dem Präsidium es Metropoliten ein Hilfskomitee zu Gunsten nicht etwa er ausgeraubten Juden, sondern der Familien der ar reit er ten Raubmörder gegründet worden! Dasselbe Haupt! er Kischinewer Geistlichkeit antwortete einem der angesehensten Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde, der ihn kurz vor er Katastrophe um seine hohe Intervention zur Beruhigung, er Gemüter bat, daß er nichts tun könne, da er selber die Benutzung von christlichem Blut durch Inden zu rituellen wecken für möglich halte! Die antisemitischen Blätter Rußlands fahren selbst nach all diesen grauenhaften Ereignissen int, gegen die Inden in derselben Weise zu Hetzen. Und die deutschen Antisemiten sekundieren ihnen dabei in kräftiger Weise. Auch noch ein sonderbares Nachspiel haben die Jndenveri 'lgungen von Kischinew gefunden. Der „Bessarabetz" und ' ndere russische Blätter melden nämlich über eine Beschwerde der christlichen Handwerker Kischinews gegen ihre jüdischen Uernfsgenvssen. Danach erschienen die christlichen Handwerker > ei dem Nettesten des Handwerkeramts A. P. Stepanow und ^klärten schriftlich: 1. daß vor der Jndenhetze in Kischinew ',st alle Zweige des Handwerks in den Händen der Juden agen, unter denen sich viele Zugereiste ohne die Berechtigung gir Ausübung eines Handwerks befanden, und 2. daß nach >r Judenhetze die jüdischen Unternehmer und die jüdischen vondwerker sämtliche christlichen Arbeiter entlassen haben. ' err Stepanow begab sich daraufhin zum Gouverneur Herrn Raabe, um ihm die obigen Beschwerden mitzuteilen, und verr v. Raabe beeilte sich, im Lokal des Handwerkeramtes zu scheinen und zu erklären, daß ihm die in der Eingabe erwähnten Zustände bekannt seien, daß er die Wünsche der christlichen Handwerker berücksichtigen werde, daß er dem Aeltesten des Handwerkeramtes bereits den Auftrag erteilt habe, genaue ^aten über die Lage des Handwerkerstandes in Kiew sowie uber^die einheimischen und zugereisten Handwerker vvrzulegen, >md daß er nach Prüfung dieser Daten die entsprechenden Verfügungen treffen werde. Herr v. Raabe ist übrigens bereits nach Petersburg zum Minister des Innern berufen worden und wird seinen Abschied erhalten, da er sich seiner Pflicht in keiner Weise gewachsen zeigte. Was nun die politische Seite der Sache betrifft, so wird der „West-Oestlichen Korrespondenz" berichtet, daß man in Rußland zur Ueberzeugung gelangte, die dem Finanzminister Witte gegnerische Gruppe in- und außerhalb der Regierung beabsichtige dnrch die teils gemachten, teils geduldeten Judenhetzen, die bald über das ganze Reich sich zu verbreiten drohen, einerseits die große allgemeine Unzufriedenheit im Volke, die revolutionäre Neigungen zum Vorschein bringt, auf die Juden abzulenken, andererseits durch die unausbleiblichen schlechten Folgen für die Finanzen die Stellung Witte's unhaltbar zu machen. Ferner wird ans Washington durch das „Bureau Lassan" gemeldet: Die Ausschreitungen gegen die Juden in Kischinew sind Gegenstand nichtformeller Mitteilungen zwischen dem Staatssekretär Hah und der russischen Regierung gewesen. Die Vermittelung erfolgte durch den amerikanischen Botschafter in Petersburg Mc. Cormick. Staatssekretär Hup unternahm den Schritt auf Ersuchen der amerikanischen jüdischen Gesellschaften, die zu den Unterstützungen für vie Geplünderten beizutragen wünschten. Botschafter Mc. Cormick teilte dem Staatssekretär Hah mit, die russische Regierung habe ihn offiziell benachrichtigt, daß kein Anlaß zu Spenden vorhanden sei, da einNotstand nicht bestehes!), nichtsdestoweniger würde man in Rußland milde Gaben dankbar annehmen. Den Vereinigten Staaten wurde gleichzeitig für ihr humanitäres Interesse Dank ansgesprochen. In Anbetracht des amtlichen Dementis der russischen Regierung kann das Staatsdepartement keine weiteren Schritte in der Sache tun. Unglaublich, aber wahr! Lrjkk aus Velterreich. Anfang Mai. ls vor zehn Jahren der jetzige Erzbischof von Olmütz. der so rasch zu herostratischem Ruhme gelangte Dr. Kohn, zu seinem hohen und sehr ertragreichen Amte erhoben ivurde, machte ein Witzbold die Bemerkung: „Seht ihr, wie weit es ein Jude bringen kann, wenn er getauft ist." Besagter Witzling ist seitdem dahingegangen, wohin alle gehen müssen, ob Erzbischöfe oder geplagte Menschenkinder, wir meinen den Weg alles Fleisches. Wir denken oft an ihn, denn wenn er jetzt aufstände und sähe und hörte, wie man im Parlament, auf der Straße oder in Zeitungen diesen Dr. Kohn durch den tiefsteil Schlamm schleift, ivas Berufene und Unberufene über diesen Kirchenfürsteu singen und sagen — denn auch Spottverse wurden über ihn gedichtet — wahrlich, erwürbe den Kajaphas, den Unglückseligen, den nun auch Paul Hehse in der „Maria von Magdala" zum so und sovielten Male an den Pranger gestellt, beneiden und glücklich preisen, wenn er sein Geschick mit dem des Bauernsohnes vergliche, der das Unglück hatte, Erzbischof von Olmütz zu werden, und diesen Posten jenen hohen Adligen wegznschnappen, die so sehnsüchtig nach ihm ihre scheelen Blicke wandten. Was nicht Neid und Mißgunst vermögen! Wir »vollen für Dr. Kohn keine Lanze hier brechen. Was geht uns Kohn an, der Erzbischof, dessen Großvater sich taufen ließ? Dieser Großvater war ein kleiner mährischer Dorfjude, der mit Häuten handelte. Sein Enkel hat es jenem Salomo Halewi nachgemacht, der im 15. Jahrhundert lebte, sich taufen ließ und Erzbischof von Karthagena ivurde. Paulus Burgensts ivurde er dann be-