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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-22 · Heft 21 (22.5.1903) · p. Seite 242

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 21 (22.5.1903)
Date
1903-05-22
Page
Seite 242 (sequence 4)
Language
German
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242 der modernen Lehre, daß bessere materielle Lebensbedingungen erforderlich sind zu besserer Moral und Geistesbildung. . . . Es gibt kein lehrreicheres Kapitel in der Wissenschaft oder Moral als die Lebenstatistik des Volkes Israel." Der das sagt, heißt nicht Cohn und nicht Levh, sondern — Hoffmann. Mit diesem Namen kann man zwar auch Jude sein, ist man aber gewöhnlich Germane. Sein Vorname ist auch nicht Moses oder Isaak, sondern Frederik, was eine Uebersetzung des urdeutschen Vornamens Friedrich ist. Man sieht, wir stützen uns nicht auf unbewiesene Behauptungen, haben auch keine mystischen Vorstellungen über Rasseninstinkte, sondern wir haben die Vergangenheit und Gegenwart im Auge, wenn wir so felsenfest von der Zukunft des jüdischen Volksstammes überzeugt sind; wir haben historische und nüchtern statistische Daten zur Unterlage, nicht leeres, unverantwortliches Geschwätz von dilettantischen Rassenfanatikern- Lie Wache. Berlin, 20. Mai. ^n Berlin droht die konservative Partei, in Bayern das Zentrum den Juden. Das ist das neueste Ergebnis der Wahlbewegung. Aber die Drohungen der Berliner Konservativen erschrecken uns nicht. Diese Partei hat für jeden Wahlbezirk eine andere Politik — und das ist nicht gefährlich. Es ist die Politik von Zuckerbrot und Peitsche. In dem einen Wahlkreis droht sie, im anderen schmeichelt sie den Juden und sucht sogar um ihre Stimmen für konservative Kandidaten zu werben! Die Konservativen seien doch gar keine Antisemiten. Habe doch ein Rothschild zu einer konservativen Fraktion gehört! Zu anderen Zeiten las man's anders. Und das konservative Programm vom 8. Dezember 1892, das heute noch gilt, wendet sich gegen den „jüdischen Einfluß auf unser Volksleben", verlangt christliche Volksschule, christliche Obrigkeit, christliche Lehrer.. . . Anders steht es um die Drohungen des Zentrums, die übrigens mit großer Regelmäßigkeit von Zeit zu Zeit wiederkehren. Gewöhnlich ist dann die „Kölnische Vvlkszeitung" dazu ausersehen, die Rolle des Warners oder Mentors zu übernehmen. Diesmal handelt es sich um den Antisemitismus im bayerischen Zentrum, der ja durch die Herren Dr. Heim und Konsorten entsprechend repräsentiert wird. Nun erklärt das Kölner Blatt: „Sollten die Juden noch mehr als bisher in Bayern mit dem Liberalismus Arm in Arm gehen gegen den Katholizismus, so könnte sich das bitter rächen. Der Zentrumspresse wirst man in weiten Kreisen Bayerns vor, sie sei sogar judensreundlich. Sie hat sich eben vom offiziellen Antisemitismus, der als verhältnismäßig harmlos hingestellten Liebermann'schen Gefolgschaft, sreigehalten und verallgemeinert nicht boshaft und ungerecht, wenn sie auch auf die Kulturkämpferei einiger jüdischer Blätter, die nirgends übertroffen wird, Hinweisen mußte. Wollte unsere bayerische Zentrumspresse mehr antisemitisch werden, so würde ihr Leserkreis nicht kleiner, sondern größer." Indes auch diese Drohungen schrecken uns nicht mehr. Daß die bayerische Zentrumspresse sogar für philosemitisch gehalten werde, haben wir allerdings bisher noch nicht gewußt. Die alte Phrase von der „Kulturkämpferei jüdischer Blätter" aber ist schon unzähligemale widerlegt worden und sollte ernstlich nicht mehr vorgebracht werden. 4damit sowohl antisemitisch als antichristlich handeln. Nach christlicher Anschauung macht die Taufe einen zum Christen und vom früheren Adam bleibt nichts übrig. Zu dieser Anschauung bekennt sich oft die „Kreuzzeitung", handelt aber nicht danach. Immerhin könnte man begreifen, daß fromme Christen auch, bezw. gerade denken: Wasser tut es freilich nicht, das heißt befürchten, daß Juden sich oft nicht aus Ueberzengung. sondern aus materiellen oder anderen Gründen taufen lassen, und daß sie darum solche getauften Juden nicht für volle Christen gelten lassen wollen. Wenn man es aber als Christ erst bis zum Fürstbischof gebracht hat und obendrein den Mut gehabt, den Namen Kohn beizubehalten, dann sollte solch ein Mann - so sollte man meinen — geschützt sein vor derartigem Verdacht. Und einem bayrischen Kultusminister sollte man nicht, wie es in einem frommen Bauernblatt geschieht, nachrechnen, daß sein — Urgroßvater „ein echter Jsraelite" gewesen ist. Zugegeben, daß man die Wahrheit herausgeschnüffelt hat — nur sind dessen keineswegs sicher — zugegeben auch, daß ersieh nicht aus Ueberzeugung hat taufen lassen, aber in der vierten Generation ist man doch wohl schon ganz Christ. Oder jst Rassenblut dicker als soviel Taufwasser? Das sollten fromme Christen in der Tat nie zngestehen. 4> Im österreichischen Parlament wird von allen Seiten gegen die Juden losgezogen. Zwar das Judengesetz des sattsam bekannten alldeutschen Antisemiten Herzog hat kein Mensch ernstgenomme». Auch sein Antrag, znr Vorberatung desselben einen Ausschuß einzusetzen, wurde mit großer Majorität al>- gelehut. Das hat der Herr „bei der judenfreundlichen Mehrheit des Hauses" auch vorher gewußt, wie er sagte, und erbat nur noch mu Zuweisung seines Antrages au den Verfassungsausschuß. d. h. um ein Begräbnis erster Klasse. Dieses ist ihm auch in der Sitzung vom 12. d. M. zu teil geworden, i Sehr treffend hat dabei der Abgeordnete Daszynski die Ansicht ausgesprochen, daß der Antrag eigentlich für den Sa n i täts-! aus schuß passe. Viel schlimmer und gefährlicher war das Vorgehen des! jnugezechischen Abgeordneten Brzeznovsky, der unter Mißbrauch der Immunität und mit Zuhilfenahme des Mittels der Jnter- . pellation eine Proskription von 400 angeblich deutschen Ge-! schäftsleuten Prags inszeniert hat, die sich als eine ganz gewöhnliche Judeuhetze erwies mit dein ausschließlichen Zweck, den jüdischen Haudelsstand Prags zu boykottieren. Unter dem Schutze der Immunität wird diese Liste mit Namen und genauer Adresse nunmehr in vielen Tausenden von Exemplaren zu dem Zwecke verbreitet. — nur auch bei künftigen Plünderungen gute Dienste zu leisten. Es ändert wenig, daß die Interpellation selbst im Jnngczechenklub den Gegenstand der heftigsten Angriffe bildete. Einzelne Abgeordnete erklärten, man solle zwar gegen die Juden in der entschiedensten Weise Vorgehen, aber schlau, nicht öffentlich, weil angeblich die Inden gegenwärtig die Jungczechen bei Wahlen rc. unterstützen. An den Klub gelangte auch eine Reihe von Beschwerden aus jüdischen Kreisen. Die Philosemiten im Klub vertraten den Standpunkt, daß durch mannhaftes Auftreten gegen die Juden die Partei verläßliche Wähler abstoße, und beantragten, es mögen Versuche unternommen werden, die in der Interpellation genannten jüdischen Kaufleute zu versöhnen. Zu einem bestimmten Beschlüsse kam es aber natürlich nicht. * Böse Beispiele verderben bekanntlich gute, geschweige denn schlechte Sitten. Jetzt fangen auch fromme Christen an, nach Judenblut und Rassenreinheit zu spüren, obwohl sie Die Exzesse von Kischinew bilden noch immer das Tagesgespräch. Die Petersburger „Nowvsti" veröffentlicht folgenden Bericht:

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