Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 21 (22.5.1903)
- Date
- 1903-05-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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67. Jahrgang. Nr. 21. Allgemeine Berlin, 22. Mai 1903. eitmg des Zudenchums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnements-PreiS: Durch Buchhandel,! Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. I Redakteur: Gustav Karpeles. j Begründet von Uabbiner Dr Ludwig PHMppson-Vonrr Verlags-Drpedition: Leriin, Jervsalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin S^V., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. Die Lebenskraft der Juden. Berlin. 20. Mai. ie man die Danaer doppelt fürchtete, wenn sie Geschenke brachten, so sind uns die Gegner doppelt widerwärtig, wenn sie sich den Kopf um das Wohl der Juden zu zerbrechen vorgeben. Juden anrempeln, berauben, totschlagen, das ist in tke imture ok tbe animal, das entspricht dem natürlichen Charakter der Judenfeinde, und danach richtet man sich — in Prag wie in Kischinew. Wenn aber ein antisemitisches Blatt um „das weitere Schicksal des jüdischen Volkes, ein langsames Hinsiechen" zu verhüten, den Juden empfiehlt, „bei sich die Regeneration auszunehmen", dann schütteln wir besorgt den Kopf. Wir würden noch besorgter sein, wenn uns nicht einfiele, daß diese ganze freundliche Fürsorge für die Juden nur geäußert ist, um ihnen, ohne auch nur die geringste Spur eines Beweises, perverse Neigungen vorzuwerfen, sie mit den Chinesen zu vergleichen u. s. w. Die „Deutsche Zeitschrift des Ordens für Regeneration" mag ganz unbesorgt sein. Trotzdem es ein altes Kulturvolk ist, das älteste sogar, wird das jüdische Volk, dessen sind wir ganz gewiß, noch manches jugendliche Volk, noch manches heute fest gegründet scheinende Reich überleben, wie es zahlreiche Völker und selbst Weltreiche überlebt hat. Wohl sehen die Juden Galiziens, Rumäniens, Rußlands nicht gerade kraftstrotzend aus. Aber vielleicht überleben die galizischen Juden das Stanczykanentnm. Die ausgewanderten Juden Rumäniens könnten in nicht zu ferner Zeit das Verschwinden Rumäniens von der politischen Karte Europas infolge einer der auf der Balkanhalbinsel so häufigen Völkereruptionen erleben, und eher wird der tönerne Koloß, das von der ganzen Welt gefürchtete und hofierte russischeRiesenreich, in Trümmer gehen, ehe trotz aller Massakres die Lebenskraft des jüdischen Volkes sich erschöpft haben wird. Welches die Ursachen dieser Lebenskraft sind, wollen wir nicht untersuchen, können es wohl auch nicht. Möglich, daß es in der Religion liegt, welche die Inden Jahrtausende hindurch zur Mäßigkeit und Selbstbeherrschung in allen Lagen des Lebens erzieht, möglich, daß die Juden ihre wunderbare zähe Lebenskraft gerade den Verfolgungen ihrer Feinde zu verdanken haben, durch welche sie gestählt und gehärtet worden sind und gezwungen, die unglaublichsten, ungeheuerlichsten Wechselfälle zu ertragen. Schon die Männer der großen Synode, wie Rabbi Josua den Levi nach der talmudischen Erzählung sagt, erkannten die Größe, Macht und Furchtbarkeit Gottes darin, „daß er die kleine und ohnmächtige Nation schützt inmitten ihrer zahlreichen und mächtigen Feinde." Was würden jene Männer der großen Synode erst jetzt gesagt haben, nachdem so viele Jahrhunderte immer neue Leiden über Israel gebracht haben, wenn sie die Kreuzzüge, die Inquisition, die Judenverfolgungen in, und die Judenvertreibungen aus den verschiedenen Ländern, die russisch-rumänische Methode, ein Volk durch Gesetzesparagraphen langsam aber sicher zn dezimieren, erlebt hätten. An der Lebenskraft der Juden ist bisher alle noch so teuflische Bosheit und raffinierte Grausamkeit gescheitert. Den Einzelnen wird durch sie natürlich viel Weh und Leid bereitet. aber aus allen diesen Peinigungen geht das jüdische Volk als Ganzes immer neugekräftigt hervor. Man sehe nur das aufblühende jüdische Leben in sden Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo keine Schranken dem Vorwärtskommen der Juden gesetzt sind. Die Verfolgten von gestern sind heute freie Männer und werden morgen kräftige Männer sein, denen man nichts mehr von dem in Rußland, Rumänien und Galizien ihnen aufgedrungenen Elend anmerkt. Wenn alle Kulturvölker nach der Wissenschaft des oben genannten Blattes mit ererbter Perversität behaftet sind, so gleicht das jüdische Volk wie in fast allen anderen Beziehungen auch in dieser eben nicht anderen Völkern. Die Laster der Chinesen kennen die wenigsten Juden auch nur dem Namen nach, und obschon sie sehr viel älter sind als alle europäischen Völker, so kannten sie doch noch bis auf den heutigen Tag nicht den — Suff, obwohl sie darum voll den europäischen Antisemiten genug verspottet worden sind. Trotzdem sie ein altes Kulturvolk sind, lassen sich die Juden zu Lastern nicht einmal zwingen. Und darum sind die Juden wohl alt, aber nicht altersschwach. Sie mögen wohl, was wahrlich nicht zu verwundern wäre bei der Behandlung, die ihnen in mehr oder minder barbarischen Ländern zu teil wird, oft schwächlich sein und Schwächen haben, aber senile Perversitäten liegen ihnen sern und darum sind sie auch individuell im allgemeinen langlebig. Zum Tröste wollen wir unfern Gönnern, damit sie sich nicht gar zu sehr unseren Kopf zerbrechen, mitteilen, was der Statistiker der amerikanischen Prudential Lebensverficherungsgesellschaft über dieses Thema sagt: „Es ist das Gesetz menschlichen Lebens, daß rechte Lebensweise und langes Leben stets Zusammengehen. Wenn wir ein kurzlebiges Volk, wie die Neger, mit einem langlebigen wie Juden und Quäker vergleichen, dann haben wir die Erklärung dafür: die Unmoralischsten gehen früh zu Grunde, die Moralischsten erreichen ein hohes Alter. Der Geist des Judentums hat von Anfang an das größte Gewicht gelegt auf ein rechtes Verhalten in den sozialen Beziehungen, und dieses Gesetz rechter Lebensführung ist es, dem das Volk Israel seine unzerstörbare und unbändige Lebenskraft verdankt, trotz einem im allgemeinen gebrechlichen Körper und trotz schwacher Konstitution. Die ganze Geschichte des jüdischen Volkes beweist die Hinfälligkeit