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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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67. Lalirgang. «r. W. ^^lin. ^"3 'Ueikage zur „Allgemeinen Zeitung des Iuöenthums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. 8. Berlin, 10. Mai. In friedlichem Beisammensein tagten in der heutigen Nepräsentanten-Versam mlung der neugewählte alte Gemeindevorstand, dessen behördliche Bestätigung inzwischen eingetroffen ist und welcher in einer Sondersitzung am Dienstag voriger Woche vom Vorsitzenden Herrn Loewenberg ohne jedes Ceremoniell durch Handschlag verpflichtet worden war, mit den Repräsentanten und berieten der Gemeinde Wohl. Unter den geschäftlichen Eingängen gelangt zunächst der von zehn Repräsentanten eingebrachte Antrag zur Verhandlung, den Gemeindevorstand zu ersuchen, zur Linderung des groben Elends in Kischinew 10000 Mark aus der Gemeindekasse zu bewilligen. Nachdem dieser Antrag von Professor Geiger zur Dringlichkeit empfohlen, wird nach kurzer Debatte die Bewilligung ausgesprochen. Ein Amendement Boden stein, in den Antrag vorder Summe das Wort „mindestens" einzuschalten, wird aus Bitte des Syndikus Dr. Minden zurückgezogen, um eine schnellere Erledigung des Antrags zu ermöglichen. Ein Antrag Louis Sachs, sämtliche Vorlagen den Mitgliedern des Plenums und der Kommissionen vor den Sitzungen rechtzeitig zur Kenntnis zu bringen, war Gegenstand längerer Beratung. Der Antrag wird von Professor Blaschte warm befürwortet, die Ausführung desselben von Maurermeister Fraenkel für unmöglich erklärt, falls nicht alsdann ein vierwöchiger Turnus für die Sitzungen festgesetzt wird. Der Antragsteller selbst gibt die Möglichkeit zu, daß eine Verzögerung der Vorlagen hierdurch eintreten könnte, und schlägt deshalb vor, nur die nackten Vorlagen des Gemeindevorstandes zu vervielfältigen und den beteiligten Mitgliedern zugehen zu lassen, während oas hierzu erforderliche ausführliche Aktenmaterial an einem bestimmten Wochentage im Gemeindebureau zur Kenntnisnahme ausliegen soll. Die Erledigung der Vorlagen in dieser Form entspricht nach der Ansicht des Antragstellers einzig und allein dem Interesse und der Würde der Versammlung. Nachdem auch der Vorsitzende des Gemeindevorstandes Herr Jacoby diesen Weg für gangbar erklärt hat, wird der Antrag Sachs einstimmig angenommen. Der Antrag Bodenstein-Sachs, die Verzichtleistung des Herrn Oskar Berlin nichtanzunehmeu, bringt wieder etwas Leben in den ruhigen Gang der Verhandlung. Hierzu ist ein Brief des Herrn Berlin eingegangen, welcher zwar die bereits in der vorigen Sitzung gegebenen Erklärungen, daß der K 66 des Temeindestatuts im vorliegenden Falle nicht anwendbar sei, mit Rücksicht auf zwei früher ergangene Entscheidungen der Aufsichtsbehörde als rechtlich nicht begründet bezeichnet, aber den dringenden Wunsch zum Ausdruck bringt, die seine Person betreffende Frage endlich von der Tagesordnung verschwinden zu lassen. Professor Blaschke verkündet als Referent das Votum des vorberatenden Ausschusses, daß der von den Antragstellern angezogene § 66 des Statuts ans die Amtsniederlegung keine Anwendung finden dürfe. Herr Isidor Sachs bezeichnet den Beschluß als einen Verlegenheitsbeschluß und kommt in längeren Ausführungen noch einmal auf die Angelegenheit zurück. Insbesondere bedauert er lebhaft, daß einem seit 20 Jahren der Gemeinde bewährten Mitgliede der Versammlung der Vorwurf der Leichtfertigkeit gemacht worden ist. Mit Rücksicht auf die letzte Mitteilung Berlins zieht er alsdann seinen Antrag zurück. Nachdem die Herren Dr. Minden und Manheimer die gegen sie erhobenen Angriffe abgewehrt und ihre Stellungnahme verteidigt hatten, wird mit großer Mehrheit der Schluß der Debatte angenommen. Zu dieser Vorlage bringt der Vorsitzende noch eine in einer Wähler-Versammlung am 6. Mai gefaßte Resolution zur Verlesung, laut welcher die Versammlung über die Amtsniederlegung des Herrn Berlin ihr Bedauern ausspricht, anerkennt, daß Herr Berlin auch in der Angelegenheit der Alterversorgungsanstalt nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt hat und gegenüber den Angriffen, die er erfahren hat, lallt bekennt, daß sie in Herrn Berlin nach wie vor einen würdigen Verfechter ihrer Interessen erblickt. — Nach dem Bericht des Herrn Isidor Sachs über die Revision der Haupt- und Zentralkasse wird die Verwaltung debattelos dechargiert. — Zur Errichtung der Synagoge ans dem Grundstücke Rykestraße 53 wird laut Beschluß des Gemeindevorstandes und der vorberatenden Ausschüsse die Summe von 530 000 Mark erfordert und bewilligt. Auf eine diesbezügliche Anfrage erwidert der Gemeindekommissar Herr Netter, daß mit Nachsorderuugen nicht gerechnet zu werden brauche, daß sogar wahrscheinlich die erforderte Summe kaum aufgebraucht werden würde, und nimmt für die Ban- Verwaltung den Vorzug in Anspruch, daß in den letzten Jahren in keinem einzigen Falle der Voranschlag überschritten worden sei. — Die Verlängerung der Mietsverträge folgender zu gottesdienstlichen Veranstaltungen benutzten Säle wird genehmigt: Gesellschaft der Frennde >1500 Mark), Hohenzollern-Säle kl'500 Mark), Langenbeckhaus <342 Mark). Froebel-Säle <1500 Mark) und Beuthstraße <600 Mark). Für die ersten vier Säle ist der Kontrakt aus ein Jahr, für den letztgenannten ans zwei Jahre abgeschlossen worden. Für die zur Errichtung von Erbbegräbnissen notwendigen Schwetlenfundcnnente. deren Lieferung an die mindestsordernde Firma Joseph Fraenkel vergeben worden ist, werden 9313 Mark, zur Anssührung von Neu- und Umpflasterungen auf dem Friedhose in Weißensee 6922 Mark bewilligt. — Ein Antrag des Gemeinde- Vorstandes. nach welchem der Repräsentantenversammlung das Recht eingeräumt wird, Subventionsgesuche voll Wohltätigkeitsvereinen selbständig zu bewilligen, ohne daß eine Verfügung durch die Subventionskommission stattgefunden hat, wird angenommen. Herl- Isidor Sachs rügt hierbei das Vorgehen vieler Vereine, welche Wohltätigkeitsfeste mit Militärkonzert rc. veranstalten und durch Massenversendullg von Billets Teilnahme hierzu erbitten. — Dem Neligionsverein Gesundbrunnen sind seitens des Ausschusses 2000Mark als Subvention für das Etatsjahr 1903 04 und als einmalige Beihilfe 500 Mark zur Tilgung der Schulden des Vereins zugesprochen worden. An der Hand eines Spezialfalles, in welchem dem Neligionslehrer für wöchentlich 6 Stunden Unterricht — 10 Mark gezahlt werden, bringt Prof. Geiger zur Sprache, daß meist in den Privatvereinen die Lehrer in geradezu schauderhafter Weise besoldet werden, und bittet die Bewilligung auszusetzeu, bis eine Klarstellung über diese Frage für den Verein Gesundbrunnen erfolgt sei. Nachdem ans Grund der Akten festgestellt wurde, daß der dort angestellte Prediger und Neligionslehrer jährlich 1400 Mark Gehalt bezieht und Pros. Blaschke einen Vergleich zwischen einer Privatgemeinde und der Großgemeinde, welche weit höhere Ansprüche an die Vorkenntnisse der Lehrer stelle, nicht für zulässig bezeichnet, zieht Pros. Geiger seinen Einspruch zurück und die Vorlage wird bewilligt. — Für die Wahl von Vorstehern für die Alterversorgungsanstalt ist die Einsetzung einer gemischten Deputation beschlossen worden, welche aus einem Nettesten, drei Repräsentanten und drei Mitgliedern des Kuratoriums der Alterversorgungsanstalt zusammengesetzt sein soll. Herr Oppenheim schlägt die Herren Fränke l, Immanuel Sachs und Hirsch vor, Herr Manheimer empfiehlt an Stelle des Herrn Fränkcl Herrn Adolf Mayer. Bei der Zettelwahl entfallen unter 16 gütigen Stimmen je 10 Stimmen auf Herrn Hirsch und Herrn Frankel je 8 Stimmen auf die Herren Sachs und Mayer. Die ersten beiden Kandidaten sind somit gewählt, bei den beiden letzteren ist wegen Stimmengleichheit eine nochmalige Wahl erforderlich. In dieser werden sür Herrn Sachs 9, für Herrn Mayer 6 Stimmen abgegeben. Ersterer tritt somit als dritter Repräsentant in die Deputation ein. Damit schließt die öffentliche Sitzung, welcher eine geheime folgt. 2/D Berlin, 10. Mai. An anderer Stelle berichten wir ausführlich über das durch die Judenhetzen in Kischeuew angerichtete Unglück. Es ist ein unabweisbares Gebot der Menschlichkeit, den Leidenden und Darbenden, die nach Zehntausenden zählen, auch vom Ausland her Hilfe zuzuwenden. Der Hilfsverein verdeutschen Juden, dessen Vorsitzender Herr James Simon ist, wendet sich daher mit einem Ausruf an die Mildtätigkeit unserer Glanbensbrüder, die noch nie versagt hat, wo es galt, unverschuldetes Elend.

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