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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 240 (sequence 14)
Language
German
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240 Meer" oder „dos Meer" schlechthin. Und alle Reden des Jesaja, alle Gedichte der Psalmisten beziehen sich ans dieses Meer, durch dessen Wogen unser Schiff jetzt nach Jahrtausenden seine silbernen Furchen zieht. Das ist ein grober Gedanke, der einen jeden bei wunderbarer Meeresstille, wenn die Sonne ihre Strahlen auf die Flut wirft und das Schiff „im wogenden Geschmeide" dahinzieht, zu den Höhen poetischer und historischer Weltanschauung emporziehen mag. Freilich, wenn das Schiff mit der wilden, wogenden Flut zu kämpfen hat und sich wie ein bäumendes Schlachtrosj ans das Hinterteil stellt, das; das Steuer kracht, oder auch kopsuber wieder hinabstürzt in den heulenden Wasserschlund, dann vergehen einem die Geschichtsbetrachtungen, und man denkt höchstens noch an die Reden des Hiob von der Macht des Herrn über die Meere, der sie erregt und beschwichtigt, daß sie stiller werden und seinem allmächtigen Willen sich demutsvvll beugen. Ja, dies Meer rauscht veruehmlich die Sprache der Heimat, und am lauwarme» Frühlingsabend sitze ich auf dem Verdeck und lasse im Geiste an mir vorüberziehen die Scharen derer, die hier vorübergefahren, Kultur verbreitend, Handel fördernd, auf der Flucht, mit der Sorge um die Zukunft, oder auch mit der Freude über den Erfolg und über die glückliche Rückkehr aus fremden Landen. Ei» wissender Passagier nennt die Namen der Städte, die von der fernen Küste im Abendsvnnengold herüberbliuken, und wir erkennen alsbald, das; wir auf der alten Römerstraße dahinsegeln, die einst Griechen und Phönizier, Römer und Juden befahren haben. Indes nähern wir uns immer »lehr dem ersehnten Ziele. Mir ist, als saß ich winterlange, Ein Kranker, in dunkler Krankenstnbe, Und nun verlass' ich sie Plötzlich, Und blendend strahlt mir entgegen Der smaragdene Frühling, der sonnengeweckte, Und es rauschen die weite» Blütenbäume, Und die jungen Blumen schauen mich an Mit bunten, dustenden Augen. Und es duftet und summet und atmet und lacht, Und im blauen Himmel singen die Vöglein — Korsn! Wie der hoffentlich noch immer „geneigte" Leser sieht, kenne ich meinen Heine gut answendig und weis; ihn auch für den besonderen Zweck anzuwenden. Das ist aber auch kein Wunder, Wenn man so den Winter über Zusehen muß, wie nicht nur die Schmutzfinken, sondern auch ernsthafte Literarhistoriker unablässig am Werke sind, voll dem Lorbeerkranze des Dichters'Blatt auf Blatt abzureißen, so überkommt seine Verehrer, wenn sie auf weitem Meere es erst recht inne werden, wie kein anderer deutscher Dichter das Meer so gewaltig und schön besungen als er, immer wieder das Gefühl, daß sie ihre Dankesschuld an Heine noch nicht ganz abgetragen haben. Zudem wird man ja in Korfu sehr stark an ihn erinnert. Die Einsahrt ist, wie fast in allen Häsen des mittelländischen Meeres, eine sehr romantische und fesselnde, wenn ich auch nicht mit Gregvrovins behaupten möchte, das; gerade der Hafen von Korfu „einer der herrlichsten der Welt" sei. Aber immerhin, der Blick auf das jonische Gibraltar, vor allem auf die beiden mächtigen Felsterrassen, die diesen Hafen Jahrhunderte lang als Festung gedeckt haben, ans die Stadt, auf die sausten Wellenlinien der Berge, endlich auf das Treiben im Hafen selbst ist von außerordentlichem Reize. Ein Bild, wie man es nicht oft sieht, und dessen man immer gern gedenkt. Daß ich auch in diesem bunten Gewimmel die markanten Gestalten vieler Inden nicht übersehen, wird mir hoffentlich niemand übelnehmen. Unter allerlei Volk ans weiten Landen, neben Griechen, Albanesen, Italienern, Türken, falten auch sie auf. Sie sind genau so schmutzig wie die anderen; auch ihre Kleider hängen in Fetzen herunter — aber sie sind auch ebenso fleißig und tüchtig, ebenso emsig bei der Arbeit. Wie es um ihre Ehrlichkeit steht, weiß ich nicht. Aber das Sprüchwort, welches sie in dieser Beziehung hinter Griechen und Armenier stellt, ist ja weltbekannt. Für mich war es in jedem Falle ein eigentümliches Gefühl, in diesen; bunten Gewimmel von Nationalitäten im Hafen von Kvrfu auch so vielen Juden. Männern, Weibern und Kindern, schon beim Eintritt in das vielgerühmte Seherin des Odysseus zu begegnen, (.!. X. Hprechsaal. Geehrter Herr Redakteur! inen wesentlichen Teil zur Förderung des Deutschtums in den Ostmarken bilden die allerorts eingerichteten Volksbibliotheken. Bedenklich aber muß es erscheinen, wenn man unter ihnen Werke ärgsten antisemitischen Kalibers entdeckt. So befindet sich in einigen sehr gelesenen Büchersammlungen des Kreises Inowrazlaw das Werk. „Das Volk und seine Treiber" von Glaubrecht. Wie arg verhetzend dasselbe ist, mögen folgende Stellen zeigen: „Und nun noch eins, mein lieber Leser; es ist noch eine Wunde im Volksleben .... Das Nebel ist die Judenkrankheit, schlimmer als Hiobs Aussatz .... Es fand ein Bauer, so erzählt die uralte Sage, im Winter eine Schlange an seinem Wege, die von Frost erstarrt und dem Tode nahe war. Da ergriff Mitleid sein Herz mit der armen Kreatur, er hob sie aus und legte sie unter sein Kleid an seinen Busen. Dort taute die Schlange auf, aber sie verleugnete ihre Natur nicht, sie stach den Wohltäter in die Brust. Der Mann, der friedlich seines Weges geht ist der deutsche Bauer .... Die Schlange aber, das fremde Gewürm ist das Judenvolk, erstarrt in der Fremde, verlassen am Wege, dabe: äußerlich glatt, geschmeidig, scheinbar harmlos, jedenfalls hilflos." In ähnlichem Sinne geht es weiter, besonders markant auf Seite 30, 31, 79, 80, 81. 106, 107, wo die Juden als Aussauger des Volkes, als Verspotter der christlichen Religion und als solche geschildert werden die dem Volke die Religion nehmen. Zum Schluffe heißt es: „Und nun die Moral von der Geschieht'! Der deutsche Bauer ist der glücke lichste Mensch auf Erden, wenn er Gott fürchtet, die Sünde meidet und den Inden aus dem Wege geht." Eine der genannten Bibliotheken ist die Volksbücherei in Inowrazlaw, welche 16 Filialen aus dem Lande unterhält, vom Ostmarkenverein begründe! wurde und Mitglied des Vereins zur Verbreitung von Volksbildung ist. Dasselbe Werk und noch einige ähnlicher Tendenz von demselben Verfasser sind in der Bibliothek der Landgemeinde O., welche dieselbe als Geschenk von der Ansiedelungskommission erhalten hat; ja. sogar in der Schülerbibliothek desselben Dorfes ist das Buch zu finden. Wir müssen nun fragen: Ist das Förderung des Deutschtums, wenn in dieser Weise ein Teil der deutschen Bevölkerung gegen den andern ausgehetzt wird? Vielleicht gelingt es dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, hier Abhilfe zu schaffen die im Interesse der hiesigen jüdischen Bevölkerung dringend geboten erscheint. 11- * Briefkasten der Redaktion. N. VV.. hier: Ueber das Verhältnis Beethovens zum Judentunist uns nichts Näheres bekannt. Der Briefwechsel darüber zwischen dem berühmten Komponisten und einem jüdischen Mädchen, der wiederholt durch die Blätter ging, erwies sich als eine Fälschung Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwttz in Berlin.

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