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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. Seite 239

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 239 (sequence 13)
Language
German
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239 nies auch möglich! Du weißt, wie ängstlich mich der König Met!" „Nicht Klage führen, Mariamne, nein, nur in Deiner Schönheit zeigen sollst Du Dich dem Antonius." „Zu welchem Zwecke?" „Wie töricht bist Du, daß Du noch fragen kannst!" brauste llexandra auf, „begreifst Du es denn nicht und ist Dein Verband so klein, Dein Denken so nichtig, daß Du nicht eiusehen ernst, weshalb Antonius Dich sehen soll?" „Mein Verstand, Alexandra, begreift dies wohl," versetzte n edler Entrüstung die junge Königin. „Allein mein Herz will es nicht glauben, daß Du als Mutter mir zu solch schmähicher Handlung raten wirst. Nein Mutter," fuhr sie weichen Dones fort, „nein, es kann nicht Dein Ernst sein." „Und weshalb nun nicht," rief zornfunkelnden AugeS! llexandra und streifte mit hastiger Geberde den Arm der Königin hinweg, den diese bei den letzten Worten zärtlich um hre Schulter gelegt hatte. „Weil Du des Herodes angetrautes Weib bist? Weil Dein Schwur Dich an den Gatten bindet? 7 Mariamne, an diesen Gatten nicht! O sage mir es doch: wodurch verdient er Deine Liebe? Womit belohnt er Deine Treue? Glaube meinein Worte, mein teueres Kind! Dieser wrächtliche König, der vor Rom im Staube liegt und Israel knechtet, er verdient nicht die Liebe eines jüdischen Weibes!" „Ein jüdisches Weib, o Alexandra, wird aber darum nicht ie Buhlerin eines anderen, nein, keines, auch des Imperators lieht! Und selbst wenn Herodes mir nicht so grenzenlose Liebe ezeugte, andere Frauen mir vorzöge, selbst dann würde ich ne Schönheit, die mir von Gott verliehen, nicht dazu benützen, Antonius Gefallen zu erringen." „So bleibe denn ewig die Sklavin des Herodes! Du verstellst kein besseres Los!" „Was Hütte denn mein Weg zu Antonius mit unserem Geschick zu tun?" „Mit dem Deinen wohl nicht," kam es erbittert aus Alexandras Munde. „Du wirst stets die Gattin des Königs leiben und Dein Leben in stumpfer Oede weiterführen, aber wich, Deine Mutter, und Aristobul, den Bruder, den Du, ich weiß es ja, über alles liebst, für uns sollst Du bei Antonius wirken! Geh, geleite den König, trachte den Antonius zu gewinnen, und dann ist unsere Freiheit gesichert, der Schutz des mächtigen Römers behütet uns vor des Königs stets lauernder Feindschaft, und ich weiß es, dann, ja dann könnte ch Rache nehmen für die Verbrechen des Königs und für die erlittene Schmach! Sei gut, meine Tochter, gehe hin, befreie mich aus unwürdiger Knechtschaft, und im Staube will ich vor Dir liegen und den Boden küssen, den Dein Fuß betritt!" „Ich kann nicht, Mutter! Laß ab von mir. Du zermarterst mein Herz! Ich kann nicht zur Dirne des Römers werden!" „Auch dann nicht, wenn Du dadurch Deiner Mutter die Freiheit, Deinem Bruder das Leben wiedergibst?" „Das Leben Aristobuls ist durch nichts gefährdet," wendete die Königin ein. „So? Meinst Du, PüPPchen?" keuchte Alexandra. „So? Und wiegst Du Dich in ruhiger Sicherheit, verschließest Deinen kurzsichtigen Sinn vor der Gefahr, die drohend über des Teuren Haupt schwebt?" „Du redest im Fieber, Alexandra, und der Haß verwirrt Dir die Gedanken. — Unser Aristobul, der Liebling des Volkes!" „Und darum der Haß des Königs," unterbrach sie rauhen Tones die Mutter. „Glaube mir, Mariamne, nicht sinnlose Angst ist es, die mich zagen macht. Ich fürchte den Haß des Herodes, lind Du allein, meine geliebte Tochter, kannst meine Retterin werden." „Aber nicht um diesen Preis! Nein, nein, Mutter! Steh ab von Deinem Verlangen. Niemals wird Mariamne so tief sich erniedrigen!" „Und Du denkst etwa. Du seiest nicht erniedrigt genug, wenn Du das Weib des tempelschänderischen, gotteslästerlichen Königs bist? O der Schande genug! Und genug der Niedrigkeit sür eine Tochter aus dem glorreichen Geschlecht der Makkabäer! Die Freundschaft des edlen Antonius würde Dich nicht verächtlicher machen, als Du es durch die Liebe des gemeinem Stamme entsprossenen Königs bist! — Geh! Verlas; mich!" (Forts, folgt.) Korfu. Eine Frühlingsfahrt. I. igentlich wollten wir gar nicht nach Korfu. Meine Sehnsucht ging nur dahin, ein bißchen Frühling zu anticipieren, wenn das Fremdwort noch gestattet ist, dieweil in Berlin die Winterstürme dem Wonnemonat noch nicht gewichen. Aber in Abbazia gefiel es uns nicht recht. Der Raum erschien uns zu eng. Man hat zu wenig Bewegungsfreiheit. Und vor sich hat man den Blick auf das weite Meer, in eine schier unendliche Ferne. Was Wunder, daß da die kühnsten Wünsche wachwerden! Ein jeder von uns hat in seiner Jugend ans Märchenbüchern und Bildersammlungen eine oder einige Städte sich, wenn ich so sagen darf, zu seinen Lieblingen erkoren. Dorthin will er fahren, wenn er groß geworden. Alles, was dort Passiert, interessiert ihn ganz besonders. Und diese Vorliebe der Jugend begleitet uns gewöhnlich bis an die Schwelle des Alters. Für mich war ein solcher Ort: Korfu. Woher dieses besondere Interesse stammt — ich vermag's heute nicht mehr zu sagen. Aber daß es vorhanden war und rege geblieben ist bis auf den heutigen Tag, das wurde mir klar, als ich am Bord des Llohdschiffes „Tirol" saß und den Blick in die Meeresslut tauchen durste. Es war mir zu Mute, als ob ich am Vorabend eines großen Ereignisses in meinem Dasein stände, wie vor der Erfüllung eines sehnsüchtig gehegten Lebenswunsches. Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer! Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser, Wie Träume der Kindheit seh' ich es flimmern Ans deinem wogenden Wellengebiet . . . Aber damit kein lederner Kapitän mich zur rechten Zeit «in Fuß ergreife, will ich gleich hier von vornherein erklären, daß das mittelländische Meer mir allerdings nicht die Sprache meiner engeren Heimat rauschen konnte, da die Weltstadt Eiwanowitz leider nicht am Meere liegt, sondern höchstens au einem schmutzigen Bach, der kaum groß genug ist, um dort Taschlich zu machen, sondern vielmehr die Sprache der Heimat der Ahnen, die wir lieben und nach der wir uns sehnen, obwohl gewisse Leute sich alle erdenkliche Mühe geben, »ns diese Liebe und Sehnsucht gründlich zu vertreiben. Ja, das mittelländische Meer ist unsere Heimat. So oft in der heiligen Schrift davon die Rede ist, heißt es „das große

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