Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 238 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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236 Aber zumeist waren djx kaum gefaßten und mühsam ersonnenen Pläne alle bald wieder als unausführbar erkannt, und sie verwarf den Gedanken daran, gleichwie sie in den bangen letzten Wochen schon unzählige gefaßt und wieder verworfen hatte. Nur zu gut sah die Bangende die völlige Aussichtslosigkeit eines neuerlichen Fluchtversuchs ein, nur allzu streng wurde sie von des Königs Spähern bewacht und jeder ihrer Schritte, jede noch so harmlose Unterredung, die sie mit ihren Anhängern hatte, wurde dem Könige hinterbracht. Schon vor der kühn ersonnenen und ach, so mißglückten Flucht, war es der Mutter der Königin schwer, eigenmächtige Handlungen zu begehen oder strikte Befehle zu erteilen, stets wurde, ohne ihr Wissen wohl, alles dem Könige vorgetragen und erst dann, wenn dieser die Genehmigung erteilte, wenn das, was Alexandra anordnete, ihm zu harmlos und der Widerrede zu unwichtig erschien, erst dann wurden ihre Befehle vollführt. Und nun vollends jetzt, nachdem ihr Plan so schmählich gescheitert, nachdem sie beinahe als Gefangene in die Burg zurückgebracht wurde. Hatte es früher den Anschein, als sei sie eine Fürstin, der zu gehorchen strenge Pflicht gewesen, so war nunmehr auch dieser schwache Schein erträumter Herrschaft seit jener Stunde entschwunden, in der sie den Palast betreten und seit der sie gezwungen wurde, ihren bleibenden Wohnort in der königlichen Burg zu nehmen. Nun war sie eine Gefangene, und wenn ihr Herodes auch mit scheinbarer Freundschaft nahte, so wußte sie ja doch, wie das zu deuten und was sie von dieser heuchlerischen Freundlichkeit zu halten hatte. Sie war null vollends in seine Gewalt gegeben und sie kannte ihn. Der Haß, mit dem er sie seit je verfolgte, hatte sich nicht vermindert, nein, war größer geworden, seit er gesehen, daß sie mit Aristobul entfliehen wollte, um sich in den Schutz Kleopatras oder des Antonius zu begeben. Und seine Rachsucht verbarg sich nur, um dann desto sicherer ihr Ziel nicht zu verfehlen und ihr erkorenes Opfer zu zermalmen. O, wenn es nur sie träfe! Sie allein! Wie gern beugte sie ihr Haupt den Keulenschlägen des Geschickes, allein das Unheil schwebte auch über Aristobul, über dem vergötterten Liebling, über dem unschuldigen Jüngling! „Ach warum mußte mein schöner Plan mißlingen! Und warum verdorrte der Mund des Berräters nicht, ehe er dem Herodes davon Kunde brachte, warum verschlang ihn die Erde nicht, ihn und sein fluchbeladenes Andenken? Wie herrlich hätte sich unser Leben gestaltet, mit welchen Ehren wären wir in Alexandria empfangen worden und welche Wonne wäre es meinem gepeinigten Herzen gewesen, dort bei Antonius Klage zu führen gegen den verbrecherischen König . . . O daß es nicht gelang! . . . Gott meiner Väter, warum zogst Dir Deinen Arm voll mir und duldest, daß die Tochter der Makkabäer das schmähliche Joch weitertrage, weiter, weiter, bis ans Ende ihrer Tage!" Und tief aufseufzend verhüllte sie ihr Haupt. Da war der znsammengesnnkenen Gestalt ein leiser Schritt genaht. Die Königin war unbemerkt von der Dahinbrütenden eingetreten und erst jetzt, als sie sich neben Alexandra niederließ, gewahrte sie ihre Tochter. „Dil hier, Mariamne?" kam es bitter von den Lippen der alten Frau. „Wahrlich, Dein Anblick ist ein so seltener für mich, daß ich Dich nach dem Grunde Deines Hierseins frage." „O Mutter, nicht an Dir ist es, mir Lieblosigkeit entgegenzuhalten!" „Nicht? So meinst Du für Alexandra, des Hyrkan Schwiegertochter, sei auch jener Brocken Liebe genug, den die große Königin ihr zuwirft?" „Die große Königin! Welch ein Hohn birgt sich in Deinen Worten!" „So wärest Du es nicht? Und beherrschest nicht das Herz des Herodes, den seine Söldlinge ja den Großen nennen?" „Wär' ich eine große Königin, o Alexandra, dann war ich wohl nicht mehr das Weib des Herodes, dann wollt' ich ihn mit Fußen treten, statt seine Küsse zu ertragen, ließ ihn von wilden Bestien zerfleischen . . . ." „Gemach, Mariamne, Du vergißt, daß der Kerker Deiner Mutter ringsum mit Spionen umgeben ist, die Deine Worte vernehmen und sie dem Könige hinterbringen können . . . ." „O daß sie es doch tun würden!" unterbrach sie seufzend die junge Königin, „daß es doch ein Ende hätte mit der Verstellung und mit all den süßen Worten, denen mein Mund so widerwillig Folge leistet." „Noch nicht, Mariamne, meine Tochter; allein einst wird auch für uns die Stunde der Befreiung herallnahen, auch für uns werden die Tore Zions sich öffnen und alles Volk wird llns Zuströmen und in den Staub sinken vor seinen rechtmäßigen Königen!" „Von wannen kommt Dir diese Zuversicht?" wandte befremdeten Ausdruckes die Königin ein, „Du. die sonst verzagt und bangend in die Zukunft schautest, und der Trost zuzusprechen, ich zur Stunde hergeeilt bin." „O meine Mariamne, Dein Anblick ist es, der mir wieder neue Zuversicht verheißt!" „Ich fasse den Sinn Deiner Worte nicht, meine Mutter mein Anblick sollte ein solches Wunder vollbringen, sollte Deinen gesunkenen Mut wieder aufleben lassen?" „So ist es, meine geliebte Tochter. Gott hat Dir allen Reiz verliehen, mit dem ein Weib geschmückt sein kann. Kein Mann, und sei er der Imperator selbst, könnte Deinem Liebreiz widerstehen, nun denn, so benütze diese Macht, gehe Hill und befreie Dich und die Deinen von jammervoller Knechtschaft durch Deine Schönheit. .." „Mutter, wohin verirren sich Deine Gedanken!" „Dahin, wo es einzig und allein noch Rettung gibt für uns beide und Aristobul: zu Antonius!" „Wie?. .. Ich sollte?. . . Und Du, Mutter, Du rätst mir diesen Weg?" „Den einzigen, der uns retten kann! Siehe, meine Mariamne, Dir ist die Macht gegeben über das Herz des Kölligs, nütze diese Macht!" „Was willst Dll von Herodes?" „Voll ihm nichts! Was könnte mir voll Herodes Gutes kommen; allein voll Dir, meine geliebte Tochter, Du allein kannst uns retten: Bestimme den Köllig, der jetzt neuerdings zu Antonius reist, daß er Dich mitnehme." „Was soll ich mit ihm, Mutter?" rief betreten die Königin, und das minutenlange Schweigen ihrer Mutter mißdeutend, fuhr sie erregten Tones fort: „Du willst doch nicht, daß ich dort Klage führe gegen meinen Gemahl? — Und wie wäre