Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 237 (sequence 11)
- Language
- German
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237 »wr Lehrstoff an den Rabbinerschulen ans ein höheres Niveau Mellt werden muß, das; er von großen, weitreichenden und oeitausschauenden Gedanken und Prinzipien erfüllt sei, nicht >on kleinlichem Kram und wertlosem Schablonentum. stündlich viel steht ans dem Spiele: die Erhaltung der jüdischen Intelligenz für das Judentum. Dringend verlangt sie von ins Aufklärung über das Judentum, über das ganze Gebiet einer Entwickelung, über sein Wesen, seinen Wert; noch zweifelt >ie vielfach an der Glaubwürdigkeit der christlichen Theologie n Bezug auf das Judentum, allzulange dürfen wir sie auf ne richtige Antwort nicht warten lassen. Und dennoch, so sehr die Rabbinerschulc» den Vorwurf iner gewissen Versumpfung im allgemeinen verdienen, ist es doch anderseits unleugbar außerordentlich schwer, an diese schulen derartige Anforderungen zu stellen. Seminarien ,aben de» Zweck, Seelsorger heranznbilden, nicht Gelehrte, >nd wenn sie auch die Pflege der jüdischen Wissenschaft fordern, io können sie cs nur in dem ihnen zn Gebote stehenden »lahmen tun. Es darf ferner nicht außer Acht gelassen werden, oaß eine eindringliche Beschäftigung mit den Problemen, die ch hier angeschnitten habe, mit der Urgeschichte des israeitischcn Volkes, mit dem Prophetismus und der Religionsiitwickelung die Seminarien vielleicht in ein allzuradikales Fahrwasser führen könnte, was mit ihrem Zweck, tüchtige Seelsorger für das moderne Gesamtjudentnm heranznbilden, acht zu vereinbaren wäre. Darum halte ich es für außerordentlich wichtig, mit allein Eifer au die Kreierung von Lehrstühlen für die jüdische Wissenschaft an den größeren Universitäten zu schreiten. Erst wenn das Judentum Männer der freien jüdischen Wissenschaft haben oird, jüdische Theologen, die ebenso wissenschaftlich geschult, n gleicher Stellung mit den christlichen Universitätsprofessvrcn and Theologen, weder nach rechts noch nach links schauen, andern einzig und allein der voraussetznngslvsen freien irdischen Wissenschaft dienen werden, können wir hoffen, daß ms Judentum die richtige Anerkennung, aber auch den ichtigen Fortschritt in seiner religiösen Entwickelung finden vird. Der Staat wird uns selbstverständlich in diesem Bemühen nicht fördern, wir werden ja froh sein können, wenn r unsere Dedikation zu diesem Zwecke anninnnt. Wir aber wllten nicht erlahmen in dem Bestrebe», dies große Ziel zu erreichen: öffentliche Universitätsprofessuren für die irdische Wissenschaft. MU.LI'ON Versunkene Weiten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Von Carola Buch he im. VH. sZ^^er Abend hatte die Erde in dunkle Schatten gehüllt und jetzt war tiefschwarz und undurchdringlich die Nacht hereingebrochen. Tiefe, lautlose Stille herrschte im königlichen Palaste. Doch jetzt wurde das Geräusch nahender Tritte vernehmbar und drang mit gleichmäßigem Tone durch die schweigende Nacht. AnS den Höfen des Palastes bewegte sich ein düsterer Leichenzug. Arm und prnnklos schienen die Särge, die mit schwarzem Tuch behängen waren, und armselig mußten auch die beiden gewesen sein, deren sterblich Teil so zur Erde bestattet wurde. Je vier Träger trugen die Särge aus ihren Schultern, und stillen, uühörbaren Schrittes dnrchmaßen sie den Raum. Geisterhaft bewegte sich der unheimliche Zug durch die dunkle Nacht dahin. Jetzt hatten sie den Palast im Rücken und lenkten ihre Schritte der S traße zu, die als weiß erglänzender Streifen sich ans dem Dunkel hervorhob. Schon lenkten sie ein, schon hallten ihre schweren Tritte auf den polygonalen Quadern schaurig durch das Schweigen der Nacht, da stellte sich dem Leichenzuge plötzlich ein Hemmnis in den Weg. Wie aus dem Boden empvrgewachsen war da plötzlich und mit lautem Gehaben eine Abteilung königlicher Wachen den dahinschreitenden Totenträgern in den Weg getreten. „Macht den Weg frei!" sagte einer der Leichenträger, „und laßt uns unsere Straße ziehen!" „Wohin rührt denn Eure Straße. Freundchen?" „Zum Gottesacker, Du siehst es," lautete die Antwort, und den ihm den Weg verstellenden Söldner mit sanfter Gewalt zur Seite schiebend, wollte er seinen Weg sortsetzen. „Führt der Weg znm Gottesacker da hinaus? Und seit wann werden die Toten in Palästina zur Nachtzeit bestattet?" „Sie starben an einer ansteckenden Krankheit und man muß sie rasch begraben, darum ..." „Darum, darum," äffte der Söldner, „darum wirst Du keinen Schritt weiter gehen, sondern Du wirst mit Deinen Särgen wieder dahin zurückkehren, von wannen Du gekommen bist!" „In Gottes Namen, laß uns ziehen," flehte der Träger indem er vor dem Söldner niedersauk, „laß uns ziehen und ich will den Staub küssen, den Dein Fuß betritt!" „Kein Wort mehr! Ich habe doch eine gute Nase gehabt, Euch hier abzuwarten. Mein Spürsinn hat mich nicht genarrt und ich hoffe aus eine reiche Belohnung für den guten Fang, den ich gemacht . . ." „An zwei Leichen?" versuchte in seiner Herzensangst noch einmal der zu Boden Gesunkene. „Reize meinen Zorn nicht!" rief zornfnnkelnd der Krieger, „Du weißt es so gut, wie ich es weiß, daß die da drinnen im Sarge lebt, ebenso wie jener in dem anderen. S 'ist Euch nun einmal mißlungen, so fein der Plan auch ausgeklügelt gewesen ist. Marsch, fort mit Euch znm Palaste!" Und mit rohen Späßen und wilden Flüchen trieben sie die zn Tode Vernichteten vor sich her, dem Palaste entgegen. Nach kurzer, lautloser Wanderung hatte der Zug die Burg erreicht, die Tore schlossen sich und Alexandra und ihr unglücklicher Sohn befanden sich wieder in der Gewalt des Tyrannen. -H * * Wochen waren seit jenem mißglückten Fluchtversuch Alexandras und ihres jungen Sohnes vergangen. Die Tage gingen der unglücklichen Fürstin dahin in tatenlosem Grübeln — nur vereinzelt tauchten vor ihrem stets sinnenden Geiste wieder neue Pläne aus, die ihr Rettung bringen konnten und durch die sie im stand« wäre, die Gefahr von dem Haupte ihres geliebten Kindes abzuwendcn.