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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 236 (sequence 10)
Language
German
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236 sehr häufig das Zauberwort „Charakter" angerufen, um der Fahnenflucht Einhalt zu gebieten. Das ist ja recht schön, und bezweifeln wird es wohl auch niemand, daß überlaufen zum Feinde mehr oder weniger eine Charakterlosigkeit genannt werden darf. Man sollte nun meinen, daß die jüdische Gesellschaft gegen einen derartig Charakterlosen auch dementsprechend vorgeht: sie lehnt ihn gesellschaftlich und geschäftlich ab. Ist dem so 2 Nicht die Spur! Wenigstens bei uns in Oesterreich nicht, und ich glaube mich in der Annahme nicht zu irren, daß hierin die deutschen Juden von den unsrigen sich nur wenig unterscheiden. Nach wie vor bewegt sich der Ueberläufer, dem die christliche Gesellschaft die Ausnahme verweigert, in bester jüdischer Gesellschaft; Materiell erleidet er keine Einbuße, der getaufte Arzt oder Rechtsanwalt erfreut sich der vornehmsten jüdischen Klientel, und wenn er mit großem Pomp in irgend einer Kirche eine getaufte Jüdin zum Traualtar führt, sind die Spitzen der jüdischen Gesellschaft seine Gäste. Wenn sonach — wie es auch die Erfahrung bestätigt — Pietät und Charakter immer wertiger dem Uebertritt hindernd entgegentreten, was soll die jüdische Intelligenz denn an das Judentum fesseln? Die Antwort liegt auf der Hand: das Judentum selbst. Werdet gute Juden und ihr werdet die Judenuot nicht fühlen, denn was man gern trägt, ist keine Last. Wer mit Begeisterung dem Judentume anhängt, dem bietet die Freude, für sein Heiligstes zu leiden und zu kämpfen, tausendsachen Ersatz für die Mihlichkeiten und Hindernisse, die dem Juden ununterbrochen sich entgegenstellen, er sei noch so gelehrt, edel und reich, noch so tüchtig und eifrig, noch so bescheiden und schlicht. Kurz gesagt , nur die Ueberzeugungstreue kann die moderne jüdische Intelligenz für das Judentum retten, Pietät und Charakter allein werden sie uns nicht erhalten. Was verstehen wir unter dem Worte „ein überzeugungstreuer Jude" hinsichtlich der modernen jüdischen Intelligenz? Ein Jude, der sich voll bewußt ist der Bedeutung seines Stammes und seiner Geschichte und ihres kulturellen Wertes für die Menschheit, der durchdrungen ist von der Kraft und Zukunft seines Glaubens und an der Mission des Judentums im Dienste der religiösen Entwicklung der Menschheit unerschütterlich festhält, ist ein überzeugungstreuer Jude. Stammesgefühl und Missionsgedanke sind die Stützen des modernen Judentums. Zweifellos ist das jüdische Gefühl mächtig genug, selbst bei dein Mangel nationaler, territorial-selbständiger Existenz, in Not und Bedrängnis uns nicht untreu werden zu lassen, ob auch in der Freiheit, bezweifle ich sehr. Es wäre aber kurzsichtig, nur für die Tage der Abwehr sorgen zu wollen; eine so versprengte und so lose zusammenhängende Minorität wie die jüdische, muß gerade darauf bedacht sein, der Anziehungskraft zu widerstehen; wird man erst abgestoßen, hält es nicht schwer, sich auf sich selbst zn besinnen. Und da ist der Missionsgedanke die einzige Rettung. Allerdings ist das für den Atheisten nichts. Vergessen wir jedoch nicht, daß die Zahl der Bollblutatheisten überaus gering ist, und daß auch diese, bei der Unentbehrlichkeit der Religion, gern für die natürliche eintreten. Dem Gläubigen aber wie dem, der seine Kinder gläubig erziehen will, ist der Stolz aus die Reinheit des jüdischen Gottesgedankens, das Bewußtsein von der Hoheit seiner Religion, die Hoffnung, daß unser Gottesgedanke siegreich die Welt beherrschen wird, Hort und Anker in allen Stürme» und Nöte» der Zeit. Fehlt diese Ueberzeugung unserer modernen Intelligenz, dann ist sie für uns früher oder später rettungslos verloren. Diesen Ast, auf welchem das Judentum sich sicher wähnt, abzusägen, ist die offenkundige Tendenz, welche die Popularisierung der neutestamentlicheii Zeitgeschichte verfolgt. Alle christlichen Gelehrten, die mit dem nachexilischen Judentume sich beschäftigen, drehen sich wie hypnotisiert um den einen Punkt: die Minderwertigkeit des Judentums nachzuweisen. Was da an willkürlichen Mißverständnissen, an Entstellungen, an absichtlichem Verschweigen und Uebergehen, an Hohn und Spott geleistet wird, ist leider nur den tiefer Blickenden bekannt. Was nur halbwegs das neutestamentliche Judentum zu diskreditieren im stände ist, wird aus dem Zusammenhänge gerissen, einseitig erklärt und gedeutet; was dagegen ihm zum Ruhme gereicht, wird widerwillig, unter tausend Einschränkungen zugestanden und ihm jede Bedeutung abgesprochen. Das ist umso wichtiger, weil das neutestamentliche Judentum eben das Judentum ist, weil auf ihm unsere weitere religiöse Entwicklung fußt. Wie verhalten sich nun unsere Gelehrten zu dieser Bewegung, wie erziehen unsere Rabbinerschulen das kommende Gelehrteugeschlecht im Hinblick auf diesen für das moderne Judentum wichtigsten Gegenstand? Es ist doch klar, daß die populären Vorträge darüber in tausenden von Exemplaren auch von intelligenten Juden gelesen werden. Etwa ohne Eindruck zn machen? Bricht diese unsere einzige Stütze zusammen, unser Missionsgedanke, was dann? Wo sind die mächtigen, imponierenden Werke, von Juden geschrieben, die den Werdegang der jüdischen Religiosität jener Zeiten in ihrem wahren Lichte zeigen würden? Man kann doch nicht behaupten, daß jene Zeit nicht unser wissenschaftliches Gebiet sei! Ohmgenaue, tiefe Kenntnis der damaligen jüdischen Literatur ist ja jene Zeit ein Buch mit sieben Siegeln, Jesus war Jude, durch und durch Jude, und wir hätten nicht das Recht, dem Urchristentum unsere volle wissenschaftliche Aufmerksamkeit zu widmen, noch dazu heute, wo von christlichen Gelehrten das damalige Judentum so tendenziös verkannt wird? Ich suche aber in den Lehrplänen vergebens nach einem Kurs über die religiöse Entwickelung des Judentums. Wir haben unglückseligerweise unsere ganze Liebe dem mittelalterlichen Judentume geopfert, und sehen die Zeit der Entstehung des Christentums und selbst die prophetische Epoche als an der Peripherie unserer Religionsgeschichte gelegen an. Ist es nicht geradezu ungeheuerlich, daß den meisten modernen jüdischen Rabbinern die pseudepigraphische und apokryphische Literatur, Philo und Josephus, der ganze jüdische Hellenismus kaum recht gewürdigte Dimensionen sind, daß der ganze Talmudunterricht nur in öder Buchstabenkritik besteht? Seit einem halben Jahrhundert wirken unsere Seminarien, und sie haben uns noch keinen großen Theologen gegeben! Und wenn schon ein Mann, wie der geniale M. Friedländer in Wien, dessen Werke') ich den Kollegen nicht warm genug empfehlen kann, mit brennenden Worten die jüdischen Gelehrten auf den rechten Pfad führen will, wird er von der Zunft totgeschwiegen, während Männer wie Pfleiderer ihm die höchste Anerkennung zollen. Es wäre wahrlich hoch an der Zeit, zu erkennen, daß 9 Diese sind: „Zur Entstehungsgeschichte des Christentums". Wien 1894. „Das Judentum in der vorchristlichen griechischen Welt". Wien und Leipzig 1897. „Der vorchristliche jüdische Gnosticismus". Göttingen 1898. „Der Antichrist in de» vorchristlichen jüdischen Quellen". Göttingen 1991.

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