Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 235 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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235 Auch von der Heiligkeit der Siebenzahl, die ja im Alten Testament häufig vorkommt, bei den Hebräern zu reden, ist irreführend. Es gibt in der israelitischen Religion weder heilige, d. h. mit dieser Eigenschaft an sich selbst behaftete und magisch wirksame Zahlen, noch Tage oder Zeiten. Die Heiligkeit ist ein religiös-sittlicher Begriff und bezeichnet sittliche Vollkommenheit oder ihr Symbol. Die Zahl Sieben ist im Alten Testament nicht mehr als ein Mittel, das von allen antiken Völkern tief empfundene Bedürfnis nach Gesetzmäßigkeit lind Shinmetrie zu befriedigen. Sie teilt diesen Vorzug mit der Zehn. Zwölf und Siebzig. Auch für die Rauch- und Feuersäule, welche die Israeliten durch die Wüste geleiteten, hat es schon vorher nicht an Beispielen gemangelt. Noch jetzt werden in Arabien den Karawanen an den Spitzen langer Stangen Leuchten, d. i. eiserne Gefäße mit brennendem Holze, vorangetragen. Eine ähnliche Sitte wird uns von Alexander d. Gr., als er durch Babylonien und Susiaua zog, berichtet, und auf eine Erinnerung an dergleichen hat man schon früher die biblische Erzählung zurücksühren wollen (s. Dillmann zu Ex. 13, 21). Jedoch ist das Beispiel, das Delitzsch anführt, allerdings noch schlagender. Neue Bahnen für die jüdische Wissenschaft. Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. ieüeicht ist Professor Delitzsch für uns Juden ein Teil jener Kraft, die das Böse will und das Gute schafft. Wenn irgend etwas fähig ist, den maßgebenden Elementen der modernen Judenheit rul oculos zu demonstrieren, welche verheerende Wirkung der wissenschaftliche Antisemitismus, der Judentumshaß der gelehrten Orientalisten und Theologen auszuüben vermag, und wie es höchste Zeit ist, dem Judentum die Möglichkeit zu geben, in würdiger Weise teilzunehmen an den Forschungen über Israels Vergangenheit und dadurch autoritativ den verblümten und unverblümten Entstellungen entgegenzutreten, so ist es das tatsächlich für einen Gelehrten ganz ungualifizierbare Vorgehen des Herrn Professor Delitzsch, das zu bekämpfen allerdings noch mehr Sache des Christentums als unsere Pflicht ist. Für das moderne Judentum ist die Buchstabengläubigkeit kein Dogma, und wenn sie auch Maimuni als solches hinstellt, unsere Religion steht und fällt nicht mit ihm, sie kann ihrer bestens entraten. Das liberale Judentum hat, ohne es direkt ansgesprochen zu haben, instinktiv mit der Jnspirationslehre in Bezug auf den Pentateuch und die Propheten gebrochen, da ja nur dieser Bruch ihm die Berechtigung gibt, viele Gesetze unbeachtet zu lassen (vergl. das interessante und lehrreiche Buch von Claude G. Montefiore ..I.ibernl ^uckaisme"). Und wenn Herr Professor Delitzsch am Morden und Brennen der alten Germanensagen mehr Gefallen findet als an den Erzählungen des alten Testaments — nebenbei bemerkt, ist es mir nicht bekannt, daß in christlichen oderjüdischen Schulen gerade die grausamen Teile dieser Erzählungen zu Erziehungszwecken benutzt werde» — so ist das eben Geschmacksache, und wenn seine Anhänger mit den Nibelungen die kleinen Kinder zur Gottinnigkeil erziehen wollen, bnbökmt sibi; unsJuden kann dassehr gleichgültig sein. W i r wollen uns auch weiter an.dem erhabenen Charakterbilde Abrahams bilden, unsere Wegweiser sollen auch weiter Amos, Hosea Micha, Jesaia, Jeremia, unsere Denker und Weisen bleiben. Aber lernen können wir aus diesem Sturm im Glase Wasser, daß wir nicht ungestraft die ganze Bibelfvrschnng den evangelischen Orientalisten und Theologen überlassen und die semitischen Studien nahezu vollständig vernachlässigt haben. Vogelstraußpolitik spielen gegenüber mächtigen wissenschaftlichen Bewegungen geht nun einmal nicht mehr an. Unsere Seminarien befassen sich viel zu wenig und viel zu oberflächlich mit der Bibel und der biblischen Zeit; von eingehenden! Unterricht an denselben über das israelitische Volk, seine kulturelle, religiöse Entwicklung ist nicht viel zu sehen. Syrisch und Arabisch müßten an uusern Rabbinerschulen obligate Gegenstände sein und ordentlich studiert werden. Einen ungeheuer breiten Raum nimmt unsere mittelalterliche Geschichte und Literatur ein; ich leugne nicht ihren Wert, aber viele Teile derselben verdienten dem Privatfleiße anheimgegeben zu werden, nur dasür um so intensiver auf das Bibelstudium Gewicht und Nachdruck zu legen. Ganz besonders wäre es ratsam, von unserer Seite an der Erforschung der Urzeit mitzuarbeiten, die von nichtjüdischer Seite nur zu gerne tendenziös ausgeschrotet wird, um die Bedeutung des israelitischen Volkes herabzudrücken, während dankbar anerkannt werden soll, daß die prophetische Entwicklung Israels und der messianischen Idee in wirklich bewundernswert pietätvoller Art von der liberalen christlichen Theologie erforscht und dargestellt wurden. Cornills „Der israelitische Prophetismus" und ähnliche Meisterwerke sind nur dazu angetan, unser jüdisches Bewußtsein zu heben und selbst die zersetzende Kritik von Männern wie CHeyne, Stade, Wellhausen, hält stille vor der gewaltigen Tätigkeit der israelitischen Prophetie. Wäre es nicht wirklich beschämend, wie indifferent die jüdischen Gelehrten dem Studium ihrer heiligen Schriften gegenübersteheu, wir könnten getrost unser heiligstes ohne Furcht vor Profanierung in den Händen der christlichen Theologie belassen. Gefahr droht dem Judentum nur, wie der Fall Delitzsch zeigt, durch die einseitige Behandlung der Urgeschichte Israels und der semitischen Kulturwelt. Nur unter einer Voraussetzung ist die Wissenschaft ein Fortschritt und Segen der Menschheit: sie sei voraussetzungslos, sachlich, weder eine Dienerin nationaler, noch theologischer Vorurteile. Um diese notwendige Sachlichkeit zu gewinnen, wäre es dringend geboten, daß wir uns ebenfalls der Urgeschichte des israelitischen Volkes eifrigst zuwenden. Eine ungleich größere Gefahr ersteht jedoch dem Judentum in der Popularisierung der ueutestamentlichen Zeitgeschichte durch hervorragende protestantische Theologen wie Harnack oder Schürer. Mau kann nicht oft und eindringlich genug auf den zersetzenden Einfluß ausmerksam machen, den Tendeuzschriften gleich Harnacks „Wesen des Christentums" auf die vielfach wehrlos dastehende jüdische Intelligenz ausüben. Schwer trägt ein großer Teil unserer Intelligenz au dem Joche unseres Himmelreiches. Was soll diese Männer an uns ketten, die erfüllt von deutscher Kultur und Sitte und Wissenschaft das Judentum an sich selbst wie einen Fremdkörper fühlen? Pietät? Wie aber, wenn schon der Vater ununterbrochen über das Unglück geklagt hat, als Jude geboren zu sein, wenn schon im Elternhause nur dann das Judentum erwähnt wurde, wenn man in abfälliger Weise es zu beurteilen sich das Recht heransnehmen wollte? Haben wir da noch das Recht, von Pietät im engern Sinne zu sprechen? — Es wird