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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. Seite 234

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 234 (sequence 8)
Language
German
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234 liches Tier. Mit seinen mächtigen gekrümmten und spitzigen Hörnern spießt eS den Gegner auf und kann es auf diese Weise mit Löwen und Tigern aufnehmen. Ein bei Riehm, biblisches Reallerikon s. v. Einhorn angeführter Naturforscher und Archäologe berichtet die Tatsache, daß man in Aegypten das Gerippe eines Tigers und eines Oryx ausgrub, die durch die Art ihrer Verschlingung zeigten, wie der letztere den ersteren aufgespießt hatte und so beide perendet waren. Man sieht also, daß diese Antilope trotz ihrer sanften Augen recht ungemütlich werden konnte. Uebrigens wurde der Oryx in Aegypten auch gezähmt und zu diesem Zweck wurde ihm, so lange er noch jung war, das eine Horn abgebrochen, das andere aber nach rückwärts eingebogen, so daß es nicht gefährlich werden konnte. Daher der oft mißverstandene Name Einhorn. Von den biblischen Stellen, wo das r'ein vorkommt, reden Nu. 23, 22; 24 8; Dt. 33, 7; Ps. 22, 22 nur von den Hörner» des Tieres, wozu gewiß besser der Oryx paßt. In einem uns aus der Sabbatliturgie wohlbekannten Psalm 29, tt läßt der Dichter die Berge „Libanon und Sirjon Hüpfen wie junges rem", auch hier paßt besser die behende Antilope. Jef. 34, 7 stehen r'emim in Parallele mit Rindern. Am ausführlichsten redet von dem Tier Hiob 39. 9 ff. Aber Delitzsch hat die Stelle mißverstanden, wenn er meint, es handle sich dort um ein besonders furchtbares Tier. Der Dichter null, um Hiob die Unbegreiflichkeiten der Natur zu Gemüte zu sichren, Tiere von scheuem, in ihrer Eigenart geheimnisvollem Wesen schildern, die ihrem unbändigen Freiheitsdrang folgend, sich nicht in ein geordnetes Leben zu friedlicher Tätigkeit mit und unter dem Menschen fügen möge». So beschreibt er der Reihe nach die Gemse, den Wildesel, das r'em, den Strauß und iir besonders Prächtiger Schilderung das Kriegsroß. „Wird das r'eni einwilligen, dir zu dienen? Oder wird es nächtigen an deiner Krippe? Kannst du das r'oin an das Ackerseil binden, wird es die Talgründe eggen hinter dir her? Kannst du auf ihm reiten') — stark genug wäre es — oder deine Ernte darauf laden? Kannst du es führen, daß es deine Frucht heimbringt oder deiner Tenne Gesammeltes?" — Wir sehen, daß man auch hier nicht den Wildochsen der Babylonier braucht, den die Israeliten wahrscheinlich gar nicht gekannt haben, und nehmen nun endgültig von ihm Abschied. Auf den Drachen zu Babel verzichten wir gänzlich, denn dies Fabeltier spielt nur in einer apokryphischen Schrift, die uns wenig angeht, eine Rolle. Dies sind die Beispiele Delitzschs für die Aufhellung des hebräischen Sprachgutes durch die babylonischen Ausgrabungen. Sehr glücklich gewählt sind sie nicht. Die Beweise, wie „ ganze Erzählungen des Alten Testaments von Babylon ihre Aufklärung finden", sind offenbar schon im ersten Vortrage erschöpft worden. Delitzsch eifert daher diesmal darüber, daß wir „von Jugend auf erblich belastet werden mit der Wahnvorstellung eines vertierten Nebukad neza r" (Dan. 4, 26 bis 34), da doch längst bewiesen sei, daß der hebräische Verfasser eine babylonische Sage frei nmgestaltet hat, und daß Jonas im Bauche des Fisches eine Mosaik von Psalmstellen gebetet und der König von Ninive so tiefe Buße getan haben solle, daß er auch Ochsen und Schafen Befehl gegeben habe, sich mit einem Sack zu bekleiden. Dies zu glauben, würde eine Versündigung gegen ') Wörtlich: dich aus ihn niederlassen, auf ihm ruhen, den uns von Gott verliehenen Verstand sein. Ich stimme ihm darin von Herzen bei, fürchte aber, daß es offene Türen sind, die er mit so löblichem, jedoch um Jahrhunderte verspätetem Eifer einrennt, denn wer in aller Welt verlangt heutzutage von ihm, solches zu glauben? Man begegnet aber öfter bei Christen einer solchen Entrüstung, ja einem Ingrimm gegen Vernunftwidrigkeiten, di« sich bei buchstäblicher Auffassung biblischer Erzählungen ergeben. Ich kann mir das nur als eine Reaktion gegen Zumutungen des Religionsunterrichts in der Jugend erklären, gegen die sich di« Vernunft früher oder später empört. Leider wird dann ost das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und mit der Religion gebrochen, weil man meint, daß sie mit dem Wunder stehe und falle. Wir Juden sind in einer glücklicheren Lage. Unsere Religion ist nicht nur v»m Wunderglauben unabhängig, sondern ihm geradezu feindlich gesinnt. Schon unser größter Prophet, Mose, hat uns davor gewarnt, und unsere gefeiertsten Lehrer, ich erinnere nur an den anderen Mose, Maimonides, waren die ausgesprochensten Rationalisten. Die rationalistische und allegorische Erklärung, welche alle Wunder mit Recht oder Unrecht wegdeuten, erfreuten sich' bei lins stets großer Beliebtheit. Ich darf sicher sein, daß mich niemand unter uns verketzern wird, wenn ich frank und frei bekenne, daß ich an den dreilügigen Aufenthalt Jonas im Fischbauche nicht glaube, sondern etiva darin eine Allegorie von dem wegen seiner Widerspenstigkeit gegen Gott in meertiefe Seelennvt versenkten Menschen sehe. Ein trefflicher Bibelforscher unserer Zeit, H. Cvrnill, bekennt, daß er das Büchlein Jona nie ohne die tiefste Rührung, ja nicht ohne Tränen lesen könne, und auch Delitzsch gesteht, daß es hohe Wahrheiten lehrt. Und was Nebnkadnezar anbetrifft, so gibt er ja gleichfalls zu, daß der Verfasser des Buches Daniel nicht eine urkundliche Geschichte dieses Königs, sondern eine moralische Dichtung geben wolle. Uebrigens haben wir kein Mitleid mit Nebukadnezar. Wir überlassen ihn den Antisemiten, die, seit Schopenhauer seine innige Liebe und Verehrung für diesen grimmigen Feind der Juden ausgesprochen hat, allerdings für seinen guteil Rus sehr empfindlich geworden sind. Die Belege für „Uebereinstimmungen beider nach Sprache und Stil, Denk- und Vorstellungsweise verwandten Literaturen" sind vollends nichtssagend. In wiederholten Ausrufen, wie Land, Land, Land! Heilig, heilig, heilig! will Delitzsch Nachahmungen des Assyrischen sehen, da wir auch dort einmal Heil, Heil, Heil! lesen. Als ob sich dergleichen nicht in allen Sprachen fände. Wiederholung von Ausrusen bedeutet überall Bekräftigung oder einen Superlativ oder drückt einen besonders starken Affekt aus. So findet man z. B. bei den Griechen: dreimal größter, dreimal selig, dreimal glücklich, dreimal unglücklich u. a. m. Von einer Heiligkeit der Dreizahl, von der Delitzsch redet, ist mir im Alten Testament überall nichts bekannt. Magisch-Heilig ist die Drei erst in der pythagvräisch angehauchten Gnvstik, die einzelne Zahlen direkt heilig nennt und im Zauberwesen der christlichen Zeit, und das kann allerdings babylonisch sein. In den Zauberrezepten, wie sie uns jetzt besonders die zahlreichen gnostischen Papyri aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert bieten, liest man am Ende einer Vorschrift sehr oft: dreimal! d. h. die vorstehende Formel muß dreimal wiederholt werden, um wirksam zu sein. Daher stammt das Wort Mephistos in Goethes Faust: „Du mußt es dreimal sagen!"

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