Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 233 (sequence 7)
- Language
- German
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23 3 'Vorstufe zum Lehren, seinei» ursprünglichen Lehrerbernf ist er i is heute treu geblieben. Zum Lehrer der Gesamtheit wurde er i urch seine Schriften, die alle, mögen sie noch so abstrakte Themata ^handeln, bei der strengsten Wissenschaftlichkeit auch den Nichtfach- > elehrten Interessantes bieten. Die jüdische Literaturgeschichte onst ein Tummelplatz für „mehr verwirrenden als aushellenden lotizenkrain" wird unter seinen Händen frisch, lebendig, nschaulich. Mag er aus Talmud und Midrasch die »streuten Notizen über hebräische Grammatik oder babylonische thnographie zu einem einheitlichen Bilde sammeln, mag er :ns auf einem Rundgang durch die Bibliotheken Italiens ähren oder in das innere Leben der deutschen Juden im Nittelalter hineinschauen lassen, mag er vor uns die finstereil tage römischen Ghettolebens heraufbeschwören oder die Lichtestalten eines Rabbi Chananel und eines Rabbi Jesaja Berlin vr uns aufleben lassen, mag er uns die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Inden und Christen aufdecken oder inen judenfresserischen Professor de Lagarde nach semer Natur richnen, — immer weis; er uns zu fesseln und zu begeistern, erinag er bei aller tiefen Wissenschaftlichkeit und Exaktität populär m besten Smne zu sein. Und wie in seinen Werken, so zeigt r sich auch in seinen Borlesungen, die er als Dozent für irdische Geschichte und Literatur am Berliner Rabbinerseminar alt, an das er 1873 bei der Gründung desselben berufen ourde. Auch hier bietet er eine Fülle interessanter Einzelheiten, die der Hörer in keinem Kompendium finden kann. Wehe darum, dreimal wehe dem Aermsten, der bei den Voresungen oft durch Abwesenheit geglänzt, beim Examen wird r sicherlich „durchfallen". Berliner ist der „Birchow" des Zennnars, „viel sind der Erschlagenen", — wenn nicht, wenn ja licht seine Herzensgute wäre, die miäclritb Iialläm in die »iclllslb lmeaekamim umwandelt. Diese Herzensgüte aber oewährt er nicht nur seinen Schülern gegenüber, sondern edem, der an ihn Heraistritt. Er ist der gefälligste Mensch, Sen man sich denken kann. Von einer immensen Gedächtniskraft unterstützt, mit einer glücklichen Kombinationssühigkeit begabt, die das Entfernteste mit einander verbindet, ist er ganz glücklich, wenn er für eine wissenschaftliche Arbeit, sei es durch Auskunft oder durch Hinweise, oder indem er nähere Materialien an die Hand gibt oder durch seltene Bücher einem Anfragenden helfen kann. In mannigfachster Weise fand seine Gelehrsamkeit auch die iufiere Anerkennung. Die Herausgabe des von Fehlern gereinigten Raschitextes »nt Ausdeckung der Quellen Raschis trug hm den Titel eines Doelor chulo.-lupbuu; ein. seine Herausgabe oes ll'rngnm Onlcelos wurde von der Königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin subventioniert, die „Geschichte der Luden in Rom" verschaffte ihm einen hohen Orden vom König wn Italien. Wertvoller aber als alles dieses wird das Bewußtsein ihm sein, daß er die allgemeine Liebe und Anerkennung, wren er sich in den weitesten Kreisen erfreut, vor allem dem Umstande verdankt, daß er, was er gelernt hat und was er ehrt, anch im Leben verwirklicht, daß er der Typus eines wahrhaft jüdischen Gelehrten ist, dem all sein Wissen nur Bausteine sind zur Verherrlichung des Judentums. Denn weil er gelernt hat in der Absicht, es anszuüben, ward es ihm vergönnt, zu lernen, zu lehren und anszuüben. Die herzlichsten und wärmsten Glückwünsche dem verehrten Meister der Wissenschaft M seine»; Jubeltage! I. 13. Prof. Delitzsch' zweiter Uortrag über „Sabel und Bibel". Besprochen von Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttin gen. IV. ir kommen nun zu den Einzelheiten des zweiten Vortrages, soweit sie nicht bereits in den bisherigen prinzipiellen Erörterungen besprochen sind. Ich kann hierbei nicht die Beobachtung unterdrücke», daß dieser Bortrag gegen den ersten merklich abfällt. Man erkennt deutlich, daß der Verfasser seine liebe Not gehabt hat, noch einen zweiten Bortrag über dasselbe Thema zu stände zu bringen. Die im Grunde genommen doch gar nicht zur Sache gehörenden halb-theologischen Abschweifungen können nicht über die Dürftigkeit des Positiven Materials hinwegtäuschen und beweisen am ehesten, ivie wenig Delitzsch eigentlich zur Erklärung der Bibel durch Babel vorzubringen weiß, wie rasch er sich ausgegeben hat. Wenn das alles ist, was er an Parallelen anzuführen vermag, dann behaupte ich, daß sich mit Leichtigkeit, um von dem unendlich reichhaltigeren arabischen Altertum zu schweigen, das zehnfache sogar ans dem griechischen beibringen ließe. Die Bibel erzählt, daß die in Samaria angesiedelten Bewohner einer Stadt Kutha den Gott Nergal verehrten, und nennt unter den Ort- und Landschaften, wohin die zehn Stämme verbannt wurden, Chalach und Gozan. Die Keilschriften, erzählt uns Delitzsch, kennen gleichfalls diese Namen. Der Prophet Nahum erwähnt eine assyrische Eroberung und Plünderung des ägyptischen Theben, die Keilschriften bestätigen sie. Sehr schön und dankenswert, aber welterschütternd ist das nicht. Jeder Freund der Bibel wird von Herzen wünschen, das; Delitzsch recht behalten möge, wenn er hofft, „daß das sprachliche Berständnis des alten Testaments mit Hilfe der babylonischen Funde bedeutendere und raschere Fortschritte machen werde, als ihm innerhalb zweier Jahrtausende beschieden gewesen", aber leider müssen wir dies nach den bisherigen Erfahrungen als eine seiner stärksten babylonischen llebertreibungen bezeichnen. Ich habe selbst in meiner ersten Entgegnung den Gewinn aus der Vergleichung der beiden Sprachen sür den reellsten erklärt. Aber vorläufig ist er noch recht bescheiden und noch immer bietet unvergleichlich mehr das Arabische. Was zum Beispiel Delitzsch in diesem Vortrage gibt, ist wahrlich nicht überschwänglich. Es ist ein Beispiel, lieber das in der Bibel öfter genannte Tier i'em sollen jetzt erst die Keilschristdenkmäler Aufklärung gebracht haben. Die Sache ist zwar wenig von Belang, aber da Delitzsch nicht weniger als sechs von den vierzig Seiten des Vortrags über dieses Tier handelt und ihm sogar die Auszeichnung erwiesen hat, das Titelblatt mit seinem Bild zu schmücken, so mögen ihm anch hier einige Zeilen eingeräumt werden. Bisher verstand man unter dem r'mn eine Antilopenart, /Vntilope Isullorz'x, welche im Arabischen ri'i» heißt. Es soll nun aber (was übrigens Delitzsch keineswegs als erster behauptet) der auf den Keilschriftdenkmülern öfter abgebildete Wisentochse sein, der gewaltige, mit stark gekrümmten Hörnern ausgerüstete, grimmig blickende Wildochs, ein Tier von riesiger Körperkraft, dessen Jagd gleich der des Löwen ihrer Gefährlichkeit wegen bei den assyrischen Königen besonders beliebt war. Es liegt aber kein Grund vor, die alte Auffassung anfzugeben. Auch der Oryx galt schon den alten Klassikern als ein höchst gefähr»