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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 232 (sequence 6)
Language
German
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232 fall sich wiederholte. Aus der Mitte der jüdischer» Ar»greiser er" tönte ein Schuß, der einen Christen verwundete. Nun erneuerten sich die Unruhen in der Stadt; die Wohnungen von Juden wurden zerstört und diese niedergeschlagen. Die die Stadt durchziehenden Militärpatrouillen erwiesen sich als ungenügend. Es wurden neue Truppenkommandos herbeigerufen, wobei die Erteilung der Anordnungen zur Aufrechterhaltung der Ordnung vom Gouverneur der Militärobrigkeit übertragen wurde. Den anfangs herbeigerufenen Truppen gelang die Unterdrückung der Unruhen nicht, weil infolge mangelhafter Maßnahmen der Polizei, der offenbar die nötige Leitung fehlte, die Straßen außer von den Ruhestörern auch haufenweise von Neugierigen gefüllt waren. Nachdem die Truppen planmäßig ans die einzelnen Bezirke verteilt worden waren, hörten dort die Unruhen am Abend des Ostermontags auf, ohne sich zu erneuern. Die Vorgänge in Kischinew versetzten die jüdische Bevölkerung an vielen'Orten des Reichs in Unruhe und riefen unter den Christen Gerüchte von bevorstehenden Iudenhetzen hervor. In einigen Städten begannen die Juden Vereinigungen zu ihrer Selbstverteidigung zu bilden. Auf Grund der vom Direktor des Polizeidepartements an Ort und Stelle gepflogenen Erhebungen wies der Kaiser den Minister des Innern an, den Chefs der Gouvernements und der Städte einzufchärfen, daß es ihnen unter persönlicher Verantwortung zur Pflicht gemacht wird, Maßnahmen zu treffen, um Gewalttätigkeiten vorzubeugen und die Bevölkerung zu beruhigen, damit der Anlaß zum Auftauchen von Befürchtungen für das Leben und Eigentum irgend eitles Teiles der Bevölkerung entfalle. Das Rundschreiben richtet die Aufmerksamkeit der Gouverneure rc. darauf, daß die Bildung von Vereinen zur Selbstverteidigung durchaus unzulässig und daß die Civilbehörde bei Unruhen nicht berechtigt sei, im Falle der Heranziehung von Truppen ihre Obliegenheiten zur Herstellung der Ruhe an die Militärbehörde abzutreten, sondern daß sie Persönlich an Ort und Stelle anwesend zu sein und das gemeinsame Vorgehen der Truppen und der Polizei zur energischen Unterdrückung der Ausschreitungen zu leiten habe. Diese Darstellung schmeckt sehr nach der Fabel von dem Lamm, das das Wässerchen getrübt hat. Sie wird ohne Zweifel tiefen Eindruck in Europa machen. Daß die Buren keine Judenfreunde sind, haben wir längst gewußt. Während des Krieges haben sie allerdings ihre Krallen nicht gezeigt. Aber nach dem Kriege scheinen sie die Maske abwerfen zu wollen. So schreibt eines ihrer Blätter: „Antisemitismus? — Vor dem Krieg vermochte man unter den Buren keine Spur von offen bekanntem Antisemitismus zu entdecken. Nunmehr veröffentlicht on Volk" in Marico folgende Korrespondenz: „Die alten Laden sind wieder eröffnet und neue werden noch errichtet. Die Geschäftsleute scheinen zu denken, daß die Buren reich oder bereichert aus dem Krieg zurückgekehrt sind. Es ist nur zu hoffen, daß das Geschäft einen mehr nationalen Charakter annimmt und wir allmählich von dem nach Gold dürstenden Juden erlöst werden. Einigen der „alten Nation" sind wir begegnet, die es mit dem Bur wirklich gut meinen, aber die große Masse frißt wie ein Krebsschaden am gesellschaftlichen Leben des Bürgers. Was aus dem Bur herauszupressen ist, das weiß der Jude auch zu kriegen." Die „Deutsche Wochenzeitung" fügt ausdrücklich hinzu: „Der Judenfrage muß die Regierung ihre Aufmerksamkeit schenken. Uns wurde versichert, daß nach dem Frieden mehr als 1000 Juden nach Afrika gereist sind. Ein Teil derselben wird sicherlich versuchen, den Bur fernerhin zu exploitieren. Es würde im Interesse des Landes sein, einen großen Teil solcher Einwanderer als ungewünschte Persotten nicht ins Land zu lassen." Es ist aber ein großer Irrtum, zu glauben, daß der Antisemitismus erst nach dem Kriege in Südafrika seinen Einzug gehalten habe. Er ist dort auch schon früher gewesen; jetzt zeigt er sich nnr in seiner wahren Gestalt. Professor Nr. Abraham Berliner. Zu seinem siebzigsten Geburtstage. in Armer und ein Reicher, so erzählt einmal der Talmü, erscheinen vor dem göttlichen Richterthrone, um Reche, schast über ihre Tate» abzulegen. „Hast du dich »ü der Thora beschäftigt?" so lautet die erste Frage, die zunüch' dem Armen vorgelegt wird. Verwirrt stammelt dieser: „He, aller Welten, du weißt es, wie elend mein Leben gewesen, w ich jede Minute ausnuhei, musste, um »ur das Dürftigste f, mich und die Meinen zu erlangen. Wo sollte ich da die Ze - finden, mich dem Thorastudinm zu widmen?" — „Bist d, etwa ärmer als Hillel gewesen?" so schallt ihm aber da Donnerwort des Weltenrichters entgegen, „der da mühseli, als Holzhauer sein Leben fristete und dennoch — ei» Hillel g> geworden!" Und an den Reichen sich wendend: „Hast du di, mit der Thora beschäftigt?" „Ich — mit der Thora? Die V,u waltung meines Vermögens, die Pflichten der Gesellschaft. d> Leitung meiner Geschäfte, sie ließen mir keine Mnße für di, Thora." Aber auch ihm wird die vernichtende Antwort z, teil: „Bist du etwa reicher wie R'Eleasar gewesen, der tausen Städte sein eigen nannte auf de», Festlande, dem tausen Schiffe auf de», Meere die Schätze der Nationen zuführten u» der dennoch — ein R'Eleasar geworden?" — Im Geiste diese talmudischen Erzählung könnte man dem, der mit mangelnd, Gelegenheit und fehlender Vorbildung seine geistige Unfruchi barkeit entschuldigen wollte, heute entgegenhalten : Wie? Hatte du mehr Schwierigkeiten und Hindernisse zu überwinden, um au den Quellen des Wissens zu schöpfen, als Abraham Berline dem keine jener amtlich patentierten Bildungsanstalten je Gebote gestanden, um seinen Wissensdurst zu löschen und t» doch — ein Berliner geworden? Und in der Tat, das Charakteristischste an Berliners Pe sönlichkeit und an seinem Werde- und Entwicklungsgang u daß er aus und durch sich selbst geworden und gewachsen i Wenn er in diesen Tagen, da die ganze jüdisch-wissenschaftli,! Welt ihn feiert, da anläßlich seiner Jubelfeier die prenßisst, Regierung in gerechter Würdigung seiner Verdienste, il , durch Verleihung des Professortitels geehrt hat, wenn > da an jene Zeiten vor etwa 54 Jahren zurückden! wenn er sich selbst wiedersieht als fleißiger Elementa lehrer an der Schule seines Heimatstädtchens Obersitzko unte richten, d. h. ein Amt bekleiden, für das er durch keiner!', andere Studien borbereitet war. als durch den Besuch dies > Schule selbst, und wenn er dann eine Parallele zieht zwisch, > einst und jetzt, er wäre wie selten einer berechtigt auszuruse „Meine Kraft und meine Willensstärke hat diesen Glanz in > erworben", wenn nicht seine religiöse Gesinnung, seine wah? Herzensfrömmigkeit ihn vor dieser Selbstverherrlichung l wahrten. Denn weil „er gelernt hat in der Absicht, es au zuüben, wird es ihm vergönnt, zu lernen, zn lehren und au zuüben". „Zu lernen" — im Hause seines späteren Schwiegervater R'Sch'lomoh Michael Struck, Rabbiners von Obersitzko, st lernen im eifrigsten Selbststudium in Arnsivalde, wohin er a Prediger und Lehrer berufen wurde, zu lernen im Umgaist und Verkehr mit einem Steinschneider und Zunz, und bast darauf in regstem Austausch mit der gesamten wissenschaftlichst Welt, sei eS auf theologischem, literaturgeschichtlichem od„ orientalische», Gebiet. Das Lernen war ihm jedoch nur d e

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