Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- Seite 231 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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231 amtliche Berichtigung der zuständigen richterlichen Behörde wurde von em Blatte zur Abschwächung der Wirkung absichtlich in einer schwererständlichen Form veröffentlicht. Das alles mutzte in der Menge mie Stimmung erzeugen, bei der der erste Stein, der in eine Scheibe ^schleudert war, genügte, um die ganze Menge zu einem Judenrawalle zu veranlassen. Uns ist es natürlich nicht möglich festzustellen, woher die Flnglätter gekommen sind, die in den Kneipen der Stadt Kischinew erbreitet worden sind. In diesen wurde behauptet, der Zar habe gestattet, während der drei ersten Tage der heiligen stern die Juden zu überfallen. Der Pöbel mutzte diese sinnlosen Flugblätter notwendigerweise als logische Fortsetzung der Vor-! ereitungsarbeiten ansehen, welche die hiesige Zeitung während mehrerer .ahre betrieben hatte. Wenn wir nun aus den Gedankengang Hinweisen, zu dem die Bevölkerung auf Grund der Handlungsweise der Verwaltungsbehörden gegenüber der jüdischen Bevölkerung kommen rußt e, so können wir nur sagen, daß die große Masse, die nicht es in die Ursachen der gesellschaftlichen und staatlichen Ereignisse nzudringen vermag, schließlich der Ansicht sein mutzte, daß gegen die rüden alles dasjenige, was gegenüber jedem anderen Teile der Beölkerung als Gesetzwidrigkeit betrachtet wird, erlaubt sei. Dazu gehren die Ausweisungen der Juden aus verschiedenen Orten, die achher vom regierenden Senat als ungerechtfertigt bezeichnet worden ad, sowie die Handlungen einzelner Persönlichkeiten. Die hiesige jüdische Bevölkerung, die lange vor den Feiertagen on der Gärung im Volke und von Drohungen der Veranstaltung on Judenkrawallen Kenntnis erhalten halte, wandte sich durch ihre Vertreter an den Chef des Gouvernements behufs Ergreifung er notwendigen Vorbeugungsmatzregeln zum Schutze der Juden und wes Eigentums. Der Herr Gouverneur hat Versicherungen gegeben, ie sehr beruhigend waren. Im Vertrauen auf diese Versicherungen laben die Juden es für überflüssig erachtet, für irgendwelche Mittel er Selbstverteidigung zu sorgen. In solcher Stimmung nahte das Osterfest dieses Jahres, und das Gewitter wurde von der ganzen Bevölkerung in Szene gesetzt. Man sprach davon offen und überall. Es war auch kein Geheimnis iir die Behörden, die selbst am 4. April den Magistrat anwiesen, ia den Polizeikasernen eine grötze Zahl von Bettstellen unterzubringen. Mein zum höchsten Erstaunen haben die Behörden nicht nur keine wrbereitungsmatzregeln getroffen, sondern auch, als die Ereignisse hon eingetreteu waren, keine Maßregeln getroffen, um zu verhindern, atz das Unheil solchen unerhörten Umfang annehme. Vor den Augen er höchsten und der niedrigen Polizeiorgane fanden unglaubliche rawalle mit Menschenopfern statt, es geschahen Grausamkeiten, wie e in der Geschichte Rußlands seit mehreren Jahrzehnten nicht Vorkommen waren. Und dicht dabei stand Militär, und die Behörden oben aus unerklärlichen Ursachen die Rechte und Vollmachten nicht mutzt, die ihnen für solche Fälle das Strafgesetzbuch gewährt. Danrch, daß sie selbst untätig blieben und das Militär in völliger assivität hielten, haben sie den Pöbel ermuntert, der lediglich infolge ieser Passivität der Behörden immer heftiger wurde und von einfachen uawallen schließlich zu Gewalttätigkeiten und Massenmorden der eispiellosesten und unglaublichsten Art übergegangen ist. In ihren ngaben an den Staatsanwalt haben die Leidtragenden aus Fälle «gewiesen, wo Polizisten und Polizeisergeanteu selbst den öbel zu Ausschreitungen ermunterten durch Rufe: „Schlagt > e Juden tot!" Die Juden aber, die sich zum Selbstschutz mit Stöcken l waffnet halten, wurden von der Polizei entwaffnet. Das Ergebnis ieser unerhörten Tage war.' 45 Leichen, 86 Schwerverwundete, bis >0 Leichtverwundete, Totschläge, Vergewaltigungen von Erwachsenen nd Kindern, alle Schrecken der niedrigsten Zügellosigkeit. Unter iesen Umständen ist es nicht zu verwundern, daß manche der veralteten Krawallstifter erstaunt fragten: „Weshalb werden wir erhaftet, es ist doch erlaubt, die Juden zu erschlagen!" s sind Fälle vorgekommen, wo die Plünderung ein und desselben 'eschäftsmannes am Hellen Tage acht bis zwölf Stunden fortgesetzt worden war llo bei Mundes, Fradib, Rudi), und Hilfe kam nicht, obwohl sich die Betroffenen an alle möglichen Amtsstellen wandten. Erst nni 5 Uhr abends des 7. April, als das Militär zum Eingreifen berufen wurde, begann der Pöbel allmählich von seiner schrecklichen Arbeit abzulasseu. Angesichts dieser erschreckenden Ereignisse ist die Lage derart, daß absolut keine Bürgschaft für die persönliche Sicherheit vorhanden ist und es ganz unmöglich erscheint, zur normalen friedlichen Beschäftigung zurückzukehren. Die durch die blutigen Ausschreitungen der letzten Tage gequälte Bevölkerung, ohne Schutzdach und ohne Mittel ist ganz verzweifelt und ihres Lebens nicht sicher. Der Vermögens- Verlust kann jetzt nicht berechnet werden, es ist aber sicher, daß er viele Millionen beträgt, die Flammen. Krawalle und Plünderungen, die Kischinew in Brand steckten, haben sich auch schon auf die Provinz übertragen. Die Bevölkerung erwartet von Ew. Exzellenz Genugtuung, Beruhigung, Schutz der persönlichen Sicherheit und des Vermögens. Schon die bloße Ankunst Ew. Exzellenz in unserer Stadt gibt uns die Hoffnung, daß wirksame und entschiedene Maßregeln getroffen werden sollen. Von solchen Maßregeln wird jetzt allerlei berichtet. Aber etwas Authentisches haben wir noch nicht gehört. Inzwischen verbreitet sich der Schrecken — genau so wie 1882 — wieder über ganz Rußland. In Rostow, Schitomir, Berditschew, Kiew, Odessa, Dünaburg kursieren Gerüchte über bevorstehende Judenverfolgungen. Auf dem Umweg über Kiew und Nowosieliea kommen schon Nachrichten von einem neuen Judenmassaere in Tiraspol am Dnjester, einer Stadt von ungefähr 25 000 Einwohnern im Chersoner Gouvernement. Tie schreckerlsvollen Kischinewer Szenen sollen sich dort wiederholt haben, die Zahl der Toten sehr bedeutend sein. Nähere Details fehlen bisher. Ebenso eure authentische Bestätigung der Nachricht. Aber man muß sich in Rußland auf alles gefaßt machen. Die Regierung aber tut nichts, um den Greueln vorznbengen, und Europa — schweigt! Aber man muß rächt ungerecht sein. Die russische Negierung hat doch etwas getan. Sie hat soeben ein Rundschreiben erlassen, an die Gouverneure, Stadthauptleute und Oberpolizeimeister, in dem — man höre und staune! ein großer Teil der Schuld aus die Juden geschoben wird. Das Rundschreiben lautet: Bei den Unruhen, deren Urheber vorzugsweise einfache Leute waren, sind 45 Personell getötet worden oder ihren Wunden erlegen, 74 wurden schwer, gegen 350 leichter verletzt, gegen 700 Juden gehörige Häuser und 600 Geschäftslokale wurden geplündert. Die Untersuchung ergab, daß die Unruhen durch das zugespitzte Verhältnis zwischen den Christen und Juden Bessarabiens hervorgernfen waren. Irgend ein albernes Gerücht konnte unter solchen Umständen einen Ausbruch der Volksleidenfchafteu herbeifnhren. Das tat denn auch die falsche Anschuldigung, die Juden hätten in Dubossary im benachbarten Gouvernement Cherson, in Kiew und in Kischinew Nitucümorde verübt. Dadurch entstand Ende März unter den Arbeitern und dem einfachen Volke in Kischinew das Gerede, es müsse gegen die Juden losgegangen werden. Geschriebene Aufrufe, über die Juden herzusatten, wurden verbreitet, aber die Volksstimmung am Ostersonntag verriet noch nichts Außergewöhnliches. (?) Auf dem Platze für Volksbelustigungen war alles ruhig, bis Nachmittags gegen 4 Uhr ein jüdischer Karusselbesitzer eine Christenfrau derartig stieß und schlug, datz ihr Kind ihren Händen entfiel. Dies war der direkte Anlaß zur Judenhetze. (?) Sofort flogen Steine gegen die Fenster benachbarter Judenhäuser, die Unruhen pflanzten sich in die umliegenden Straßen fort, und die Menge durchzog dann verschiedene Stadtteile, überall die jüdischen Häuser und Verkaufsbuden zerstörend. Hierauf begannen andere Ruhestörer zu plündern. Die Ausschreitungen konnten nicht sofort unterdrückt werden, weil sie sich schnell ansbreiteten. Schon am Abend des Ostersonntags zählte man 9 getötete Juden. Um 10 Uhr hörten die Ausschreitungen auf. Am nächsten Morgen überfiel ein mit Stöcken bewaffneter Haufen von Juden auf dem neuen Bazar, die dort in bedeutend geringerer Zahl anwesenden Christen. Die Prügelei hörte aber bald auf, während am anderen Ende deß Bazars der gleiche Ueber-