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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-15 · Heft 20 (15.5.1903) · p. Seite 230

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 20 (15.5.1903)
Date
1903-05-15
Page
Seite 230 (sequence 4)
Language
German
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230 sich nach unseren heutigen Ausführungen von selbst. Da die Aufklärung und der Fortschritt des Geistes, wie gesagt, der beste Schutz und Hort gegen den Antisemitismus sind, so sind diejenigen Parteien, welche die Freiheit von Forschung und Wissenschaft auf ihre Fahne geschrieben haben, zugleich die Verbündeten des Judentums gegen den Antisemitismus, den sie wie jeden anderen Rückschritt mit der ihnen zu Gebote stehenden, leider bisher nur schwachen Kraft bekämpfen. Die letztere zu stärken und dem liberalen Gedanken zum schlieszlichen Siege zu verhelfen, ist die heilige Pflicht jedes Glaubensgenossen. Fehle daher kein Jude am 16. Juni an der Wahlurne! --O4- Me Woche. Berlin, 12. Mai.?ine neue und sehr interessante Mitteilung, die für die kommenden Wahlen von großer Bedeutung ist, wird von einem Antisemitenblatte in dieser Woche enthüllt: Die ganze diesmalige Wahlbewegung steht unter dem Zeichen des Antisemitismus. Nun wird allerdings nicht gesagt, wieviele antisemitische Kandidaten überhaupt ausgestellt sind. Aber es werden — und da hat das Blatt vielleicht nicht einmal so ganz unrecht — auch die Männer der rechtsstehenden Parteien zugezählt, die sich schon im Wahlkampf auf ihre antisemitische Gesinnung festgelegt haben. Es wäre deshalb sehr wünschenswert, wenn die Namen dieser Männer genannt würden, damit man weiß, was man von ihnen zu erwarten habe. Von den wirklichen „reinen" Antisemiten sind, so viel wir uüssen, im ganzen zwanzig Kandidaten aufgestellt worden. Bloße Zählkandidaten sind natürlich nicht mitgerechnet. Soweit bisher bekannt wurde, bewerben sich von den zwölf Abgeordneten der Parteien alle mit Ausnahme Böckels um Mandate, mit Ausnahme Ahlwardts sogar alle in denselben Wahlkreisen. Dazu kommen noch Prof. Förster für Halberstadt- Oschersleben-Wernigerode, Oswald Zimmermann für Döbeln, Wilhelm Bruhn für Arnswalde-Friedeberg, Dr. W. Giese für Wetzlar-Altenkirchen, Pastor Krösell für Pyritz-Saatz, Hans voll Mosch für Erfurt, der Generalsekretär der Partei Hennigsen für den drittel: Hamburger Wahlkreis, Graf Reventlow für Ninteln-Hofgeismar. Von diesen Kandidaturen sind höchstens drei aussichtsvoll. Man kann also deshalb mit Sicherheit sagen, daß die ganze Wahlbewegung unter dem Zeichen des Antisemitismus stehe. Die Handelsverträge, die agrarische Frage u. dgt. sind wirklich nur Nebensache. 4 Das Hauptinteresse dieser Woche konzentrierte sich um die Vorgänge in Kisch inew. Alle Zeitungen Europas brachten lange Berichte über die entsetzliche Katastrophe, selbst die russischen. Am getreuesten spiegelt aber die traurige Lage eine uns zugehende Denkschrift der jüdischen Gemeinde von Kischinew wieder, die dieselbe dem Direktor des Polizeidepartements im Ministerium des Innern, Lopuchin, überreicht hat. Dieser Herr ist, wie wir bereits gemeldet haben, von Petersburg nach Kischinew entsandt worden, um eine Untersuchung über die schrecklichen Vorgänge, die sich während der russischen Osterfeiertage dort abgespielt haben, zu veranstalten. Die Denkschrift lautet: Seiner Exzellenz dem Herrn Direktor des Polizeidepartements. Bericht der Jüdischen Gemeinde. Die zahlreiche jüdische Bevölkerung der Stadt Kischinew, die zwe Tage lang, am 6. und 7. April (a.St.), unmenschlich grausame, blutig Mißhandlungen und beispiellose Plünderungen seitens einer zügellose, Menge hat ertragen müssen, erlaubt sich, in der diesmaligen An Wesenheit Ew. Exzellenz in unserer Stadt ein Zeichen des Interesse der hohen Negierung zu erblicken. Sowohl hinsichtlich der Ursache, der traurigen Ereignisse, als auch hinsichtlich der Umstände, unte denen diese Ereignisse einen so ungewöhnlichen, schrecklichen Umfain annehmen konnten. Somit erhofft die jüdische Bevölkerung der Stad Kischinew, daß Ew. Ex^llenz es nicht ablehnen wird, sie in ihn Eigenschaft als Leidtragende anzuhören. Zu den Ursachen der Krawalle ist es, unserer Ansicht nach, nich möglich, die Fälle wirtschaftlicher Ausbreitung der christlichen Be völkerung zu rechnen, aus die bei derartigen Gelegenheiten gewöhnlicl hingewiesen wird. In ganz Bessarabien und speziell in Kischinew bestand keine Schärfe in den Beziehungen zwischen der christliche, und der jüdischen Bevö kerung. Die Erklärung hierfür liegt zum Tei in dem ruhigen und friedliebenden Charakter der einheimischen Be völkerung, zum Teil in den verhältnismäßig günstigen ökonomischen Verhältnissen dieses Landesteiles. Zum Beweise führen wir an, dcü während der letzten 20 Jahre hier kein einziger Konflikt zwischen de, beiden Bevölkerungsgruppen vorgekommen ist, und selbst zur Zeit, al^ im Süden und Südwesten Rußlands Judenkrawalle stattfanden herrschte in Kischinew volle Ruhe und das gewohnte, friedliche Lebe, hat keine Störung erlitten. Als in den achtziger Jahren der ganz! Süden von den Flammen der Judenkrawalle ergriffen war, ist ken einziger Funke nach Bessarabien hinübergeflogen. Seit jener Zeit ha Bessarabien wiederholt Mißernten erlitten, und dennoch hat die ein heimische Bevölkerung nie die Ursache ihrer wirtschaftlichen Schwierig keiten in ihren jüdischen Nachbarn gesehen. Das laufende Jahr, da einem vollständig befriedigenden Erntejahr folgte, konnte ebenfatl absolut keinen Anlaß bieten für eine Verschärfung der Beziehungen zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung auf wirtschaftlichen Boden. Deshalb glauben wir. daß die Frage der wirtschaftlichen Gegensätze in diesem Falle ganz ausgeschlossen bleiben muß. Da reiche und fruchtbare Bessarabien gibt jeder Tätigkeit eine vollständig gesicherte Grundlage und ist gänzlich frei von jenem Lumpenproletariai der Hafenstädte, aus welchen die Cadres der Krawallstifter sich ge wohnlich rekrutieren. Die Ursachen der jüngsten Vorfälle, die selbst in der Geschicht der Judenverfolgungen beispiellos dastehen,, sind in den Ereignisse, der letzten Jahre und unmittelbar in den Tatsachen zu suchen, di schon während der Krawalle selbst zu beobachteil waren. Zu den Er eignissen dieser Art rechnet in erster Linie der Einfluß der ört lichen Presse, deren einziger Vertreter die Zeitung „Bessarabetz" ist Diese Zeitung besteht über fünf Jahre. Bis zu ihrem Erscheinen hatte die Gegend keine eigene Zeitung. Somit ist es der Zeitmw „Bessarabetz" beschieden worden, ihre Wirksamkeit auf ganz jungsräu lichern Boden auszuüben. Daher war ihr Einfluß von Anfang a sehr groß. Vom zweiten Jahrgange ihres Bestehens an begann diese Blatt systematisch die Judenhetze. Wir könnten Artikel anführe, welche die Bedeutung einer Aufforderung zur vollständigen Vernichtun der jüdischen Bevölkerung haben. Andere Zeitungen hat das Central Zensurkomitee nicht genehmigen wollen und so bekam die B völkerung tagaus tagein nur ein und dasselbe zu hören, närnlicl- „Die Juden sind Feinde, die Juden sind schädlich, die Juden müsse vernichtet werden!" Die hiesige Zensurbehörde, d. h. die hiesige höchste Ve waltungsbehörde, hat offenbar diese Richtung als dem Staats inte resse dienlich angesehen; anders ist ihr Verhalten in de Frage ganz unerklärlich. So kam es, daß der Durchfchnittslese namentlich aber die halbgebildete Masse die Vernichtung der Jude nicht nur für wünschenswert, sondern auch für möglich halte mußte. Zur weiteren Ueberzeugung der Leser von der Notwendigkeit de Lösung der Judenfrage in dem von dem Blatte empfohlenen Sinne wurde der Tod eines Knaben benutzt, der kurz vor den Feiertagen iu Dubossary vorgefallen war und dessen Ursachen zuer 1 unbekann waren. Das Blatt wies nachdrücklich und wiederholt au, den anged lichen Bedarf der Juden an Christenblut für Ritualzwecke hin.

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