Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 20 (15.5.1903)
- Date
- 1903-05-15
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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07. Jahrgang. Nr. 20. Allgemeine Berlin, 15. Mai 1903 eitmg des Audenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements PreiS: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Redacteurr Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner Ar Ludwig Phttippson-Lorin Verlags-Grpe-itwn: Berlin, Lerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und I Expedition sind an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Zudenthurnö", Berlin I 8W., Jemsalemer Straße 4S/4S zu richten. I Verlag von Rudolf Moste, Berlin. I Leitartikel: Zu den bevorstehenden Reichstagswahlen. — Die Woche. — Professor Dr. Abraham Berliner. Zu seinem siebzigsten Geburtslage. — Pros. Delitzsch' zweiter Vortrag über „Babel und Bibel". Besprochen?vn Rabbiner Dr. B. Jacob in Göttingen. IV. — Nene Bahnen für die üdische Wissenschaft. Von Dr. I. Ziegler in Karlsbad. — Feuilleton: Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeit. Von arola Buchhei m. VIII. — Korfu. Eine Frühliugsfahrt. — Sprechfaul. Briefkasten der Redaktion. Der Gemeind,bote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, llönigsberg, Hildeöheim, Nürnberg, Nus dem Elsaß, Wien. — Bon Rah and Fern. Zn den bevorstehenden Neichstagswahlen. Berlin, 12. Mai. ML n das Qniiignennium der in diesen» Jahre ablaufenden Legislaturperiode des Reichstags fiel eine Jahrhundertwende, welche den Uebergang aus einer Zeit rein technischer Erfolge in eine solche der Freiheit des Geistes und der Wissenschaft darzustellen berufen war. Hinter uns liegt ans dem ethisch-kulturellen Gebiete die Nacht der Jrrtümer, vor uns ist die von vielen freilich noch unbemerkte Morgenröte einer neu gestalteten Menschheitsepoche am Horizont leise bemerkbar. Man wird nach abermals hundert Jahren für die ethischen Verirrungen unserer Zeit dasselbe Lächeln der Verachtung haben, mit dem wir uns der Jnguisitionszeit, der Hexenprozesse, der Christen- und Judenverfolgungen und anderer Massenverbrechen erinnern, vb deren der Genius der Menschheit sich schamerglttht verhüllt. Der neuen Zeit, die langsam aber unaufhaltsam herannaht, werden sich freilich erst die künftigen Generationen erfreuen, denn noch ist es die geistige llnfreiheit, welche uns umgibt. Brauchen wir bestimmte Vorgänge anznführen, um dies >u beweisen? Wer in der Flucht der Erscheinungen unserer ^eit an der Hand der Tagespresse sich einigermaßen zurechtfindet, dessen Urteil hierüber wird ein feststehendes sein. In Nner Zeit, in welcher das Ritualmord-Blutmärchen srisch-frvhlich mfzuleben vermag, um inmitten der Civilisation die Judenheit barbarisch zu bedrohen und wo man gegen die letztere immer noch die Rassenfrage als antisemitischen Trumpf mit nachhaltigem Erfolge auszuspielen »vagen kann, sind wir der Mühe überhoben, Beispiele für den Geist der Verdunkelung der Gegenwart anzuführen. Zukünftige Generationen werden auf den antisemitischen Geist unserer Zeit mit verächtlichem Lächeln zurückblicke»; vorläufig indessen darf er sich >es Erfolges rühmen,daß seine Propaganda überall Schule macht, und daß den Inden das Gefühl von Staatsbürgern zweiter Klasse aufoktrvhiert wird. Das geflügelte Wort, welches unser Monarch bei ernster Gelegenheit arissprach, rufen wir daher der gesamten Judenheit zu: „Wahret eure heiligsten Güter!" Sowie einst Saadia und die späteren jüdischen Religions- Philosophen die Psychologie als das bedeutendste und wertvollste bezeichneten, womit sich der Mensch auf das Angelegentlichste beschäftigen solle, so müssen wir heute unter den veränderten Zeitverhältnissen, die für die Seelenlehre steril und, das Streben nach den besten Mitteln zur Abwehr des Antisemitismus als die edelste Beschäftigung jedes Inden erachten, und es darf sich kein Jude, der die Achtung vor sich selber nicht verlieren will, davon ansschließen, nach der Erkenntnis dieser Mittel zu streben. In dieser Beziehung ist gleichfalls das beherzigenswert, was Saadia mit Bezug ans die Seelenlehre schrieb: „Nur wenige sind im Besitze dieser sür sie so wichtigen Erkenntnis nnd die Zahl der Irrenden ist groß." Wer über diese Dinge ernstlich nachdenkt, wird zu der Ueberzeugung kommen, das; eine erfolgreiche Verteidigung gegen die heutigen Feinde der Inden ans ein gut Teil Mvralphilosvphie ausgebaut sein muß, und im letzten Grunde daher unsere Forderung derjenigen unserer Altvorderen entspricht, da die Verbreitung von Erkenntnis der beste Schutz derjenigen ist, denen Unrecht geschieht. Es wird sich des späteren Gelegenheit bieten, auf die vorstehend angedentete ethische Seite der Kampfesart gegen den Antisemitismus näher einzngehen. Für heute beschränken wir uns darauf, eine näherliegende Anwendung dieses Satzes -n machen, indem wir die auf den 16. Juni IS03 angesetzten Reichstagswahlen vom Standpunkt der Bekämpfung des Antisemitismus ans kurz betrachte». Das Bestreben des letzteren ist dahin gerichtet, mit angeblich gesetzlichen Mitteln die verfassungsmäßige Gleichberechtigung der Inden mit den anderen Staatsbürgern zu beseitigen, d. h. mit Hilfe des Bundesrats und des Reichstags die Verfassung zu Ungunsten der Jude» abznändern. Wenn auch dieses Streben eine Utopie ist, sv ist es jedenfalls vorhanden, nnd findet seine Vorkämpfer in der antisemitische»« Reichstagssraktion, der gegenüber die Judenheit als solche vollständig »vehrlos ist, da sie ja kine eigenen Kandidaten für den Reichstag aufstellt. Bei dieser Sachlage ist es die selbstverständliche Pflicht jedes Juden, am 16. Juni an der Wahlurne einer der linksstehenden Parteien die Stimme zu geben und hierdurch de»» liberalen Gedanken z» stärken. Jede Stimmeiithaltnng ist politischer Selbstmord. Den linksstehenden Parteien darf keine einzige Stimme eines Juden vorenthalten werden. Die Frage, weshalb wir keine eigene Fraktion in den Reichstag entsenden, beantivortet