Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- Seite 225 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Knecht Abrahams kommt offenbar zu Leuten von gleichen Anschauungen und Sitten, wie sie im Hanse seines Herrn herrschen, Jakob trifft bei Labair dieselben Verhältnisse wie zu Hause an, die Hirten von Haran sprechen dieselbe Sprache wie er und er bedarf keines Dolmetschers, um sich Rahel als Vetter vorzustellen. Hingegen in dem der Begegnung des Knechtes Abrahams mit Rebekka undJakobs mitRähel am Brunnen so ähnlichen Zusammentreffen des aus Aegypten flüchtigen Mose mit den Töchtern Jithros in Midjan fehlt nicht der Zug, daß die Mädchen den Mann für einen Ausländer, einen Aegypter, hielten (Ex. 2, 19), zu welchem ihn wahrscheinlich schon die andere Kleidung machte. Einen wie ganz andern Eindruck macht doch das Volk Israel, als es aus Aegypten kommt oder nach Babel verbannt wird. Hier sieht man sofort, sie kommen aus der Fremde und gehen in die Fremde. Soviel ist aus dem Gesagten klar, daß es mit Babylonien als Heimat der Israeliten schlecht bestellt ist. Was bleibt aber dann für „Babel und Bibel" überhaupt noch übrig? Nun haben wir in unserer ersten Entgegnung die größere oder geringere Aehnlichkeit biblischer Sagen mit babylonischen insbesondere über die Weltschöpfung und eine Sündflut selbst zugegeben. Dazu kommt das seitdem durch die deutsche Ueberietzung Wincklers allgemeiner bekannt gewordene Gesetzbuch vammnrabis.i) Die Entdeckung dieses steinernen Codex ist ein hochbedentsamer Fund, wenn nicht der für das Alte Testament wichtigste, der jemals gemacht worden ist. Denn er enthält ganz überraschende Parallelen zu den pentateuchischen Gesetzen, namentlich des Abschnitts Mischpatim Ex. 21 ff,, welche die Kritik unter dem Namen „Bundesbuch" zusammenfaßt. Wie sind nun diese Uebereinstimmungen zu erklären? — Es gibt dafür zwei Möglichkeiten. Wir haben nachgewiesen, daß ein direkter Verkehr zwischen Israeliten und Babyloniern vor dem babylonischen Exil nicht betäuben hat, wodurch eine unmittelbare Entlehnung ausgeschlossen ist. Wohl aber gab es einen mittelbaren regelmäßigen Verkehr, und die Träger waren in erster Linie die handeltreibenden Phönizier. Dieses Volk,die Engländer der antiken Welt, wie man sie genannt hat, hatte schon in den ältesten Zeiten sowohl den Landhandel Aorderasiens, wie den See- und Küstenhandel nach Aegypten, den Gestaden des mittelländischen Meeres und den Küstenländern des arabisch-indischen Ozeans völlig in Händen. Die Lage des Landes an einem schmalen Küstenstrich und die ursprüngliche oder erworbene Begabung des Volkes, sowie die politische Gestaltung Asiens hatten diese Verhältnisse schon sehr früh, seit dem dritten Jahrtausend geschaffen. Assyrische Waren bildeten die bedeutendsten und ugleich die ältesten Artikel des phönizischeu Handels. Nicht minder alt war Phöniziens Verbindung mit Aegypten. Dieser vaudel aber ging großenteils durch Palästina, und die Jsraeiten selbst standen in regem Tauschverkehr mit den Phöniziern, ihre Hausierer und Karawanen brachten ihnen die industriellen Erzeugnisse der Euphratländer lind erhielten dafür die Produkte ver Ackerbau und Viehzucht treibenden Israeliten. Phönizier, H Die Gesetze Hammurabis, Königs von Babylon um 2250 v. Chi. Das älteste Gesetzbuch der Welt. Uebersetzt von Dr. Hngo W. (in „der alte Orient" 4. Jahrgang, Heft 4. Leipzig 1902. Preis 60 Pfennige). oder, was nahezu dasselbe ist, Kanaaniter, ist daher in den biblischen Schriften oft gleichbedeutend mit Kaufmann. Der Kaufmann aber ist zu allen Zeiten, besonders im Altertum, wo der Handelsverkehr viel Persönlicher war, nicht bloß ein Vermittler von Waren, sondern auch von Ideen und der eigentliche Kulturträger gewesen. Namentlich hat er religiöse Anschauungen und Kulte von Land zu Land übertragen. Die Mission ist stets den Spuren des Handels uachgegangen. Die Pilgerstraßen waren immer dieselben wie dir Wege der Handelskarawaneu. Tie religiösen Centralheiligtümer sind stets zugleich Metropolen des Handels, der Jahrmarkt ist bei der Kirche, die „Messe" schließt sich an den Gottesdienst. Auf diesem Wege können auch babylonische Schöpfungsnnd Sündflutlegenden zu den Israeliten gekommen sein. Die phönizische Mythologie zeigt selbst bedeutende Anklänge an Babylonien, aber noch stärkere an die biblische Urgeschichte, wenn man die Nachrichten davon für echt halten darf. In wie unheilvoller Weise Israel, insbesondere das Nordreich, von der phönizisch-kanaanäischen Religion beeinflußt wurde, lehrt die biblische Geschichte. Der Baal, gegen dessen Verehrung die Propheten, namentlich Elia, eiferten, ist die kanaanäischc Hauptgottheit, und der grausige Molochdienst mit seinen Menschen- und Kinderopfern war in Phönizieu und seinen zahlreichen Kolonien heimisch. Diese Vermittelung durch in Kanaan reisende phönizische Kaufleute oder durch die im Süden Palästinas vorbeiziehenden ismaelitischen Handelskarawanen erscheint sicherer als, was gleichfalls denkbar ist, durch die zwischen Jordan und Euphrat hin- und herwogenden, die syrische Wüste erfüllenden Beduinenstämme. Keinesfalls dürfen wir uns aber den Hergang so denken, daß die babylonischen Sagen in urkundlicher Form überbracht und ausgenommen wurden. Die Erzählungen der Reisenden waren selbst nicht mehr aus erster Hand, und der Zuhörer nahm nur auf, was mit seinen eigenen Vorstellungen homogen war. Erst in einem langen Prozeß, dessen treibendes Ferment der israelitische Monotheismus mit seiner eigentümlichen Weltauffassung und Sittlichkeit war, kamen die biblischen Erzählungen von der Urzeit zum Abschluß. Insofern dieser besondere den rohen Stoff gestaltende und verklärende Geist wahrhaft göttlicher Herkunft ist. kann man die biblische Urgeschichte und nur sie mit Fug auf göttliche Offenbarung zurückführen. Zu resümieren: die Schöpfungsgeschichte und die Fluterzähluug haben die Israeliten von den Babyloniern entlehnt, ist ebenso plump wie gedankenlos. Denn die obigen Ausführungen besagen noch nicht einmal, daß auch nur der Stoff der beiden biblischen Erzählungen oder die Anklänge an die verwandten babylonischen Mythen ihren Ursprung in Babel haben. Sie sollen nur die eine von mehreren Möglichkeiten klar machen, wie das Auftreten gewisser gleicher Vorstellungen bei räumlich getrennten Völkern gedeutet werden kann. Ueber die ursprüngliche Heimat ist damit nichts ausgesagt. Diese kann ebensogut Phönizien selbst oder ein anderes Land, z. B. Arabien oder Aegypten seien, ja die Behauptung, daß die Babylonier diese Geschichten mittelbar von den Israeliten oder aus der gemeinsamen Urheimat haben, kann schwerlich widerlegt werden. Damit kommen wir auf die andere Möglichkeit, d. i. die eines Babyloniern und Israeliten gemeinsamen ursemitischen geistigen Besitzes. 1