Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- Seite 224 (sequence 10)
- Language
- German
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224 heute noch das Französische. Eine tiefere Einwirkung des babylonischen Wesens auf die Denkweise des Volkes ist aus diesen Briefen nicht zu entnehmen. Wohl aber bezeugen sie, wie sehr auch damals Palästina von Aegypten abhängig war. Endlich saßen die Israeliten noch gar nicht in Kanaan, sondern aus Aegypten kommend, waren sie eben erst im Begriff, es «inzunehmen. Die Identifizierung des Königs Hammurabi von Babylonien, der ca. 2250 v. Ehr. lebte, mit dem biblischen Amraphel, König von Schinear (Gen. 14) ist, so großer Beliebtheit sie sich erfreut, nichts als eine haltlose Hypothese. Sie kann schon aus dem einfachen Grunde nicht richtig sein, weil eben der eine Hammurabi, der andere Amraphel heißt und nicht abzusehen ist, warum die Bibel den gut semitischen Namen des Mannes in einen anderen, unverständlichen geändert haben sollte. Den Namen Amraphel hat man bis jetzt so wenig in den Keilschriften entdecken können, wie es möglich war, den lautlichen Uebergang von Hammurabi plausibel zu machen. Vorsichtige Assyriologen, die nicht darauf ausgehen, Sensation zu machen, z. B. Jensen, bestreiten daher mit aller Entschiedenheit die Identität. Ebenso unhaltbar ist auch die Gleichsetzung von Schinear mit Sumer, dem einheimischen Namen für einen Teil Babyloniens. Vorläufig hat man zu bekennen, daß man ebensowenig weiß, wer jener Amraphel und seine Bundesgenossen waren, noch wo Schinear lag. Alle Umstände der biblischen Erzählung machen es höchst unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich, daß an der Spitze jener in Südpalästina einfallenden Streifzügler, denen Abraham mit nicht mehr als 318 Mann ihre Beute abjagt, der mächtige König von Babylonien gestanden haben solle. Die vier „Könige" können nur Häuptlinge räuberischer Beduinenstämme aus der Nachbarschaft gewesen sein. Daß die Stadt Babel, welche von dem mißlungenen Turmbau und der dabei entstandenen Sprachenverwirruug und Zerstreuung der Völker ihren Namen erhält, mit der späteren Weltstadt Babel am Euphrat, dem Herrschersitz Nimrods, (Gen. 10, 10) identisch ist, wollen wir zunächst, um nicht allzu zweifelsüchtig zu erscheinen, zugeben, obgleich sich auch hiergegen Bedenken erheben lassen. Die ursprüngliche Einheit aller semitischen Völker und ihr ehemals gemeinsamer Wohnsitz, die choy durch die nahe Verwandtschaft der Sprachen hinreichend dokumentiert werden, sollen ja auch gar nicht bestritten werden. Indessen soweit auch die babylonische Kultur vor der Bildung der hebräischen Stämme oder gar des Volkes Israel liegt, stellt sie doch noch keineswegs das Gemein- und Ursemitische dar, so wenig wie die babylonische Sprache die Mutter der übrigen semitischen Sprachen ist. Babylonien selbst steht am Ende einer Entwickelung, deren Phasen vorläufig noch nicht einmal geahnt werden können. Daß die Heimat Terachs, Abrahams, Nahors, Labans, Rebekkas Mesopotamien ist, gilt seit Jahrtausenden fast unbestritten als eine ausgemachte Tatsache. Trotzdem ist es eine unhaltbar« Annahme, weil sie, von allem anderen abgesehen, in unlösbare geographische Schwierigkeiten verwickelt. Als Ausgangspunkt Terachs und Abrahams wird Gen. 11, 28, 31; 15, 7, Neh. 9, 7 Ur Kasdim genannt. Dies übersetzt man mit Ur der Chaldäer und versteht darunter gemeiniglich das alte llru im südlichen Babylonien am Euphrat, einen Sitz des Mondkultus. Die Stad Haran, in der sich Terach niederläßt (11, 31, 32; 12, 4, 5) und wohin Jakob flieht (27, 43; 28, 10; 29, 4), soll das durch die Niederlage des Crassus berühmt gewordene Carrae, Charra der Klassiker, im nordwestlichen Mesopotamien, sein. Die Landschaft, wohin Abraham seinen Knecht sendet (Gen. 24. 10) und die nach Dt. 23, 5 auch die Heimat Bileams ist, wird Aram Naharajim genannt, d. i. das Land der beiden Ströme, unter denen nur Euphrat und Tigris zu verstehen sein sollen. Ebendort sei daher auch Padan Aram zu suchen, ivie die Gegend, wo Jakob die Herden Labans weidete (25, 20; 28, 2-7; 31, 18; 33, 18; 35, 9. 26^ 46, 15; 48, 7) heißt. Aber daß die Heimat der Terachiden Südbabylonien ge wesen sei, erklärt die Kritik selbst für unglaubhaft. Nun aber gab es nachweisbar Kasdim auch in unmittelbarer Nähe Kanaans, im Osten des Jordan etwa im Gebiete Moabs bis zum Hauran hin. Solche Kasdim müssen es gewesen sein, welche die Kamelherden des im Lande Uz wohnenden Hiol rauben (1, 17). Denn dieses Uz liegt, obwohl seine genaue Lage nicht bestimmbar ist, jedenfalls nicht in Mesopotamien sondern wahrscheinlich im Ostjordanlande oder südlich vom toten Meere in Edom. Das gleiche gilt von den Horden der Kasdim, welche nebst denen von Aram, Moab und Ammon zur Zeit Jojakims in Judäa einsallen (II. Könige 24, 2). Damit stimmt es nun auf das beste, daß Gen. 22, 20 unter den Söhnen Nahors als Erstgeborener ein Uz. dann ein Bus (Busiten waren Elihu, der Gegenredner Hiobs und der Prophet Ezechiel), ferner der Stammvater der Ar am ü er und ein Kessed (Kasd, Einzahl von Kasdim) genannt werden. Demnach können auch Haran und Padan Aram nicht weit zu suchen sein. Endlich ist es eine unbeweisbare Behauptung, daß Aram Naharajim das Aram der beiden Ströme bedeuten müsse, also Mesopotamien. Erstens sind Euphrat und Tigris gar nicht die einzigen Flüsse Babyloniens, zweitens ist es recht zweifelhaft, ob Naharajim ein Land au oder zwischen Strömen bedeuten könne, drittens ob das Wort überhaupt ein wirklicher Dual und azim nicht vielmehr eine zur Bildung von Oertlichkeiten dienende Lokalendung sei, viertens ob es überhaupt etwas mit Mbar „der Fluß" zu tun habe. Es ist doch auch sehr auffallend, daß, als die Israeliten null wirklich nach Mesopotamien kommen, das Land nie Aram Naharajim, ja nicht einmal Aram genannt wird. Aram ist der gemeinsame Name einer Anzahl von Stämmen, welche teils im Süden, teils im Norden, teils im Osten des Jordans wohnten und zu einem Teile ansehnliche Reiche bildeten, aber auch bis in die späteste Zeit als Nomaden umherschweiften. Mit diesen Andeutungen muß ich mich begnügen und bitte den Leser nur noch, die Kapitel Gen. 24, 28, 31 und Num. 22 aufmerksam unter Vergegenwärtigung der Oertlichkeiten und Entfernungen, mit der Karte zur Seite, zu lesen, damit er selbst die Schwierigkeit, die genannten Gegenden nach Mesopotamien zu versetzen, sich klar mache. Wenn nun Josna o. 24, 2 zu den Israeliten spricht: „Jenseits des Stromes saßen eure Väter in der Urzeit, Terach der Vater Abrahams und Nahors", so kann „der Strom" nicht der Euphrat, sondern wie überhaupt immer, wenn jemand in Kanaan so redet, nur der Jordan, allenfalls auch der die Grenze gegen Aegypten bildende Wadi el Arisch sein. Im Rheinland kailn „jenseits des Flusses" nur den Rhein und nicht die Elbe oder Weichsel bedeuten. Mit dieser Zurückweisung Babyloniens als des Ursitzes der Terachiden und Abrahamiden stimmt es nun durchaus überein,