Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- Seite 222 (sequence 8)
- Language
- German
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282 Die Abnahme soll aus der Auswanderung resultieren, ja die jüdische Auswanderung betrage fünf Prozent der allgemeinen, sei also beinahe um das fünffache höher als die sonstige. In dieser Behauptung liegt eine große Uebertreibung, die vor der nüchternen Berechnung nicht einen Augenblick standhält. Zugegeben, daß die Uebersiedelung nach dem Westen bei den Inden ihr prozentuales Verhältnis überschritten hat, namentlich in den Jahren 1880 bis 1890; aber auch damals waren es bei weitem keine fünf Prozent. Man folgert ans dem rechnerischen Geburtenüberschuß der Jahre 1880,90, der faktisch nicht vorhanden, auf eine größere Auswanderung. Dem kann man unbedenklich zustimmen. Aber es fehlt nicht, wie hierbei irrtümlich angegeben, der gesamte Ueberschnß von 39 000, denn ein Teil dieses Ueberschusses ist ja, wie inan sich auch aus dem Antisemitenspiegel, Seite 4, leicht überzeugen kann, in der um rund 8200 fortgeschrittenen Bevölkerung vorhanden. Es fehlte also nur die Differenz zwischen dem rechnerischen und dem wirklichen Ueberschuß, demnach nur rund 31 500. Da die allgemeine Auswanderung in dem Jahrzehnt 1 342 423 betrug, so sind das für die Juden recht knapp 2'/r Prozent, allerdings — die Juden bildeten damals noch 1>,4 Prozent der Bevölkerung — das doppelte des normalen Prozentsatzes. Für die Jahre 1880/90 sind die Juden in der Tat statt mit IV4 mit 2'/? Prozent beteiligt. Dagegen läßt sich aus den nackten Zahlen mit mathematischer Unumstößlichkeit darlegen, daß die Auswanderung in den Jahren 1895—1900 auf jüdischer Seite überhaupt keinen anormalen Umfang aufweist. Eher umgekehrt. Was Preußen anlangt — und Preußen überwiegt in Deutschland in Hinsicht auf die jüdische Bevölkerung noch mehr als sonst — Preußen hat entweder gar keine jüdische Auswanderung, oder was wahrscheinlicher, die Einwanderung aus den anderen deutschen Staateil — ist größer als die Auswanderung. 1880—1890 war die Zunahme etwa Vs des Geburtenüberschusses. Da mußte der Wegzug aus Deutschland einen wichtigen Faktor im mangelnden Wachstum abgeben. Diesmal ist aber tatsächlich die Zunahme größer als der bloße Ueberschuß der Geburten. Daraus ergiebt sich mit axiomatischer Sicherheit, daß keine gewaltige Auswanderung, sondern eine die etwaige Auswanderung übersteigende Einwanderung stattgesunden hat. Allerdings beschränkt sich die Einwanderung in dem Jahrfünft auf etwa 2500, die hauptsächlich Frankfurt a. M., einem Magnet für die süddeutschen Juden, zu gute gekommen sein mögen. Die größere Einwanderung ist über allen Zweifel sicher gestellt. Das ganze Jahrfünft 1895—1900 hat nur einen — wohlgemerkt — Bruttoüberschuß der Geburten über die Sterbefälle von 11 500. Von dieser Zahl sind 2—3000 Uebertritte aus dem Judentum abzuziehen, um zum Nettoergebnis zu gelangen. Der Reinüberschuß — von anderen durch die Mischehen bedingten Abgängen gar nicht zu reden — beträgt demnach höchstens 9000 für fünf Jahre. Nun rechnet man schematisch, die Juden wandern immer zu 5 Prozent aus, das macht fürs Jahrzehnt 1890—1900 etwa 40 000, würde also für 1895—1900 ungefähr 20 000 ausmachen. Dies Verfahren ist falsch. Einmal waren es, wie wir nachgewicsen haben, nie 5 Prozent, sondern nur 2/V Prozent; zum andern muß die Auswanderung nachgelassen haben, weil die Inden überhaupt keine fortgeschricbene Bevölkerung hätten, sondern absolute Rückgänge. Daß die ganze natürliche Vermehrung nur 9000 betrug, ficht die Herren bei ihrem Kalkül, die Auswanderung sei auf 20 000 anzusetzen, nicht weiter an. Woher will man diesen Aufwand bei der Auswanderung bestreiten? Vom Geburtenüberschuß nachgewiesenermaßen nicht. Wäre sie so groß, wäre ein absoluter Fehlbetrag von 11 000 unvermeidlich. Ein solcher ist aber nicht nur nicht vorhanden, sondern das Wachstum ist über den Geburtenüberschuß hinaus gediehe», folglich war die Einwanderung größer als die Auswanderung. Besonders lehrreich, aber mehr noch beängstigend sind die Ziffern aus dem Jahre 1900. Sie zeigen die unerbittliche Folgerichtigkeit der unaufhaltsam fortschreitenden Dekadenz. Das Größenverhältnis ist auf amerikanischer Seite nur eiir schwaches Abbild von der Zersetzung, die, sagen wir zunächst, die deutsche Judenheit ergriffen hat. Aus rein jüdischen Ehen sind 1900 7049 Geburten zu verzeichnen; dazu «och 250 uneheliche, ergiebt 7299. Es srägt sich, ob man die Hälfte der aus Mischehen hervorgegangenen Kinder — lauter unsichere Kantonisten, die bis zum dritten Geschlecht kaum noch im Judentum verharren — noch den Juden zurechnen soll. Mag es immerhin geschehen; dann sind zu 7299 noch 336 zuzuzühlen, was eine Gesamtgeburtenzahl von 7635 ergiebt, der 5868 Sterbefälle gegenüberstehen. Das Resultat ist ein Bruttoüberschuß von 1765, von. dem noch die Taufen in Höhe von 500 etwa abzuziehen sind. Es verbleibt demnach dem Judentum ein endgiltiges Plus voll 1265. Das macht bei einer Bevölkerung von 390 000 kaum Vs Prozent. Um nun einen richtigen Maßstab für den furchtbaren Tiefstand zu besitzen, den diese Zahl enthüllt, soll die allgemeine Vermehrung zum Vergleich herangezogen werden. Preußen hatte 1900 3,63 Prozent Geburten und 2,16 Prozent Todesfälle, mithin eine Bilanz von 1,47 Prozent. Die allgemeine Vermehrung ist also in einem Jahre fünfmal so groß als die jüdische. Statt nach ihrem Verhältnis 5800 zur Gesamtvermehrung zu steuern, lieferten die Juden nur V4 dieser Zahl, von der Taufen und andere Abgänge zu subtrahieren sind. Es liegt diesem Schrecksignal auch nicht die geringste Uebertreibung zu gründe. Man sehe sich die Tendenz der Bevölkerungsbewegung, wie sie in den folgenden Ziffern gekennzeichnet ist, an. Die Zahlen sind hier rund angegeben: 1896 1897 1898 1899 1900 2500 2400 2400 2000 1700 In Frankreich ist die Geburtenzahl 2,20 Prozent, bei den Juden Preußens beläuft sie sich nur auf 1,9 Prozent. Der nordamerikanische Präsident Roosevelt sieht düster drein wegen der verhältnismäßig geringen Geburtenzahl Nordamerikas, sie beträgt aber immer noch trotz der Klage über den Rassenselbstmord 2,7 Prozent, also 50 Prozent höher als bei den preußischen Juden. Nach der Betrachtung solches vergleichenden Materials beurteile man, ob der Artikel „Volksdefizit" sich in Uebertreibungen erging, oder nicht noch hinter der Wirklichkeit zurückgeblieben ist. Die Erscheinung ist für die Existenz des Judentums um so bedrohlicher, als sie nicht einmal auf Preußen und Deutschland beschränkt ist. Die Zersetzung hat auch, wie ich ein andermal nachzuweisen gedenke, an Stellen begonnen, von denen man es nicht erwartet hätte. Die Ursachen habe ich hier nicht zu behandeln gehabt, aber die Tatsache selbst ist «in Menetekel für die deutsche Judenheit.