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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
Seite 221 (sequence 7)
Language
German
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221 stärkeren Vermehrung der Juden gesprochen, als für jedes unbefangene Gemüt das Gegenteil längst eine banale Wahrheit geworden war. Ich erinnere nur daran, daß nach meinem ersten Artikel, der diese Erscheinung aufdeckte, ein berühmter Statistiker im „Globus" sofort eine Gegenerklärung erließ, des Inhalts, daß die Tatsache unwahr und somit alle an sie geknüpften Folgerungen hinfällig seien. Ja, eine Autorität von der Bedeutung des Geheimen Rats Firks konnte noch im Oktober 1898 behaupten, daß „die natürliche Bevölkerungszunahme durch den Ueberschuß der Geburten über die Sterbefälle bei den Juden stets, auch im letzten Jahrzehnt, etwas größer gewesen als bei der Gesamtbevölkerung." Und das angesichts der dürren Zahlen, die damals schon ein Minus von reichlich 30 Prozent auf jüdischer Seite darstellten. Indessen diese Methode war nur anwendbar, solange die Verminderung 30 bis 40 Prozent betrug. Jetzt, da die Zunahme um ein Vielfaches geringer geworden ist als die normale und nun ganz zu versiegen beginnt, jetzt wagt man von einem „stärkeren Ueberschuß der Geburten über die Sterbesälle bei den Juden" nicht mehr zu sprechen. Auch die Antisemiten, die sonst derartige Dinge unter die Lupe ihrer wohlwollenden Prüfung nahmen, lassen die Vermehrungsfrage, früher ein beliebter Sport zur Erlernung des Gruselns, nunmehr unerörtert. Warum? nun es läßt sich kein antisemitisches Kapitel mehr drausschlagen. Aber merkwürdigerweise wollen in jüdischen Köpfen die versteinerten Vorstellungen in dieser Frage nicht weichen. Die jüdische Fruchtbarkeit war ein Dogma für Juden und Christen gleicherweise. Sie war schon früher ein falsches Dogma; denn seitdem die Statistik aus dem Reiche der Vermutung und Schätzung in das der Zählung und Berechnung überging, also eine exakte Wissenschaft geworden, hat sie zumeist die Fruchtbarkeit, d. h. die abnorm gesteigerte Geburtenzahl bei den Juden als eine Fabel erkannt. Selbst in den besten Zeiten hielt sich die Geburtenzahl unterhalb des allgemeinen Standes. Und noch jetzt ist die Geburtenzahl bei den östlichen Juden ganz erheblich kleiner als die der russischen und polnischen Völkerschaften. Der beinah völlige Stillstand der jüdischen Bevölkerung läßt sich natürlich nicht einfach leugnen, wie marüs einige Zeit versucht hat. Dazu reden die Fakta eine zu eindringliche Sprache. Hier hilft keine spekulative Logik, die Gewalt der Zahlen ist unerbittlich. Ist man so zu einem teilweisen Zugeben der unbequeme» und alarmierenden Tatsache gezwungen, nimmt man doch andererseits zu einem Beruhigungspulver seine Zuflucht. Dieses Beruhigungspulver heißt: die gesteigerte Auswanderung der Juden. Nicht, so doziert man, die erhaltenden und Dauer verleihenden Kräfte sind gemindert, nicht die Zunahme ist ausgehalten, sondern die überschiebende Bevölkerung ist in Deutschland nicht zahlenmäßig vorhanden; es ist eine Verschiebung des bisherigen Gleichgewichts eingetreten. Es tut mir leid, auch dieser Mythe den Todesstoß versetzen zu müssen. Die vorhandene Volksströmung wird nicht etwa! nach Amerika abgelenkt, nein, das Bett derselben ist Deutschland! geblieben. Eine starke Bewegung ist vorhanden, aber sie stellt! sich dar als eine Wanderung aus der Kleinstadt in die Groß-! stadt. In den Großstädten konzentriert sich mehr und mehr die jüdische Einwohnerschaft, die fluchtartig den Provinz-; städtchen den Rücken kehren. Aber wie sieht es mit den Ge-! bürten in den Großstädten aus? Trotz des Zuströmens der jüngeren Elemente heben sich die Geburteir nicht, ja gehen immer abwärts, nicht bloß prozentual, sondern auch absolut. Berlin bietet dafür ein typisches Beispiel. Die jüdische Bevölkerung ist durch Zuzug um Tausende vermehrt, und zwar durch Zuzügler im kräftigsten Alter. Hier hat man also sicher keine Auswanderung, die die Geburten ungünstig beeinflußte. Und dennoch von Jahr zu Jahr wird die Vermehrung geringer, bis sie 1890 den größten Tiefstand aufwies, der von 1900 wahrscheinlich noch übertroffen werden dürste. War 1898 noch eine Vermehrung von 640 Seelen zu verzeichnen, so wies Berlin 1809 trotz weiterer Zuwanderung und der eben angesührten Zunahme von 640 Seelen eine weitere Herabminderung auf, der Ueberschuß betrug nur noch 491 Seelen. Die Geburten sind gefallen, die Todesfälle gestiegen bei gleich gebliebener, ja bei noch fortgeschrittener Bevölkerung! Wie will man hier das Manko auf Rechnung der überseeischen Auswanderung setzen? Ich sehe nicht den entferntesten Zusammenhang mit einer solchen. Und ebenso steht es mit Breslau, Frankfurt, München. Auch letztere nehmen durch Zuwanderung fortwährend zu, aber die Geburtenzahl hält sich in so minimalen Grenzen, daß von einer Vermehrung kaum die Rede sein und namentlich sich mit der der anderen Einwohner in diesen Städten nicht messen kann. Auch auf einen anderen beweisfähigen Umstand möchte ich verweisen. Ich habe davon gesprochen, daß die Schülerzahl jäh gefallen, ganze Schulen entvölkert und andere jüdische öffentliche Unterrichtsanstalten vom Staate geschlossen werden müssen, weil die Aufwendungen für die zusammengeschrumpfte Schülerzahl sich nicht mehr rechtfertigen. Dieser nicht abzuleugnenden Erscheinung gegenüber wurde eine Erklärung versucht, die aus den erstell Augenblick etwas bestechendes hat. Durch den Abzug in die Großstädte vermindere sich die Schulbevölkerung in den Kleingemeiliden und werden die Schulorganismen zur Auflösung gebracht. Das bedeute aber nicht ein Absterben der Bevölkerung, sondern nur eine Verschiebung des Aufenthalts. Wie ist die Sache aber in Wirklichkeit? Die Folge solch massenhafter Uebersiedelung von Kindern schulpflichtigen Alters müßte die Ueberfüllung Berliner Schulen mit jüdischen Kindern ergeben. Dem ist aber nicht so. Trotz der viel vergrößerten jüdischen Bevölkerung hat in Berlin auch die Zahl der jüdischen Schüler abgenommen, nicht prozentual nur, sondern positiv abgenommen. Die Schäden sind so offenkundig geworden, daß sie der bloßen Beobachtung auch ohne ziffernmäßige Ermittelungen auffallen. Oder will man etwa annehmen, die Schuljugend schon sei vom Zug nach dem Westen erfaßt und wandere, um der Abenteuerlust zu fröhnen, in Hellen Haufen aus? Die Statistik stellt fest, daß das Schulalter unter uns viel schwächer vertreten ist als die höheren Altersgruppen. Hier liegt die Ursache. Es wurde der sehr gewagte Versuch unternommen, die numerische Verminderung der Juden aus einer angeblich ungeheuren Auswanderung abzuleiten. Um das zu beweisen, gehören Zahlen. Mit Annahmen und Vermutungen ist hier nichts geschehen. Aber dieser Massenexodus ist Einbildung. Steht es denn, wie wir oben bereits gesagt haben, um die Großstädte mit ihren starken Zuwanderungen besser?

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