Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1903)
- Date
- 1903-05-08
- Page
- Seite 220 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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220 Mehr haben wir von dem österreichischen Ministerpräsidenten unter den gegenwärtigen Verhältnissen in der Tat nicht erwartet, ja kaum so viel Zugeständnisse, die aber immerhin wertvoll sind gegenüber den fortdauernden offiziösen Ableugnungsversuchen der rumänischen Machthaber und ihrer Helfershelfer unter den Antisemiten und — an der Börse! Ja, man muß diese Antwort umso höher bewerten, je größer der antisemitische Wahnwitz der Christlich-Sozialen geworden ist. In derselben Reichstagssitzung wurde wieder einmal eine Interpellation, besser gesagt, ein Alltrag, von dem Antisemiten Herzog im Abgeordnetenhaus« eingebracht, betreffend die staatsrechtliche Stellung der „Angehörigen des jüdischen Volksstammes in den im Reichsrate vertretenen Königreichen und Ländern." In diesem famosen Anträge werden unter anderem folgende Bestimmungen vorgeschlagen: Juden, d. h. alle Personen, ohne Unterschied der Konfession, denen, sei es von väterlicher oder mütterlicher Seite, jüdische Abstammung »achgewiescn werdeäkann, können das österreichische Staatsbürgerrecht unter keinen Umständen erwerben. Jene Juden, welche das Staatsbürgerrecht besitzen, werden mit dem Tage des Inkrafttretens des Gesetzes dieses Staatsbürgerrechtes verlustig. Alle Volksstämme des Staates, mit Ausnahme des jüdischen, sind gleichberechtigt. Juden werden zum Waffendienste in der Armee unter keinen Umständen zugelassen. Dafür hat jeder Jude männlichen Geschlechtes der Staatskasse von seinem 20. Lebensjahre an bis zu seinem Tode jährlich fünf Prozent seines Reineinkommens als Wehrsteuer abzusühren. Juden ist der ständige Wohnsitz nur in Gemeinden von mehr als 10000 Einwohnern und nur in eigenen Bezirken gestattet. Heiraten zwischen Juden und österreichischen Staatsbürgern sind nicht gestattet. Den Juden ist der Besitz von mobilem Kapital gestattet, jedoch Erwerbung und Besitz von Grund und Boden, ausgenommen i» den Ghettos, unbedingt verbode». Den Juden ist die Ausübung von Handel und Gewerbe gestattet; es ist ihnen jedoch nicht erlaubt, österreichische Staatsbürger in ihre Dienste zu nehmen. Die Uebernahme öffentlicher Aemter ist den Juden unbedingt versagt. Sie können auch keine wie immer gearteten Stellen im Staatsdienste erlangen. Die Judengemeinden haben aus eigenen Mitteln Judenschulen zu errichten. Demgemäß ist jedem Juden auch der Besuch der Volks-, Bürger-, Mittel- und Hochschulen versagt. Den Jude» ist die Ausübung des Richteranites und des ärztlichen Berufes versagt. Kein Jude darf Advokat oder Herausgeber. Schriftleiter oder Mitarbeiter von Druckschriften sein. Die Einwanderung von Angehörigen des jüdischen Volksstamnies aus dem Auslände ist bediugunglos verboten. In Wien scheint in den letzten Tagen die Hitze sehr groß gewesen zu sein. Für die Hundstage bleibt wirklich nichts mehr zu fürchten übrig. * Die englische Regierung hat, wie antisemitische Blätter zu melden wissen, der russischen Regierung eine Note zugestellt, des Inhalts, daß sie die nach England einwandernden jüdischen Proletarier zurückweisen und auf Kosten der Schiffsgesellschaften, welche dieselben aus den kontinentalen Häfen, also für russische Juden hauptsächlich Reval und Odessa, zurücktransportieren lassen wird. Die englische Regierung soll darin bemerken, daß sie diese Notifikation um deswillen schon jetzt ergehen läßt, damit die russischen Behörden nicht ihren jüdischen Staatsangehörigen eine bisher in vielen Fällen gewährte Unterstützung für Emigration weiter angedeihen lassen, sich vielmehr gegenwärtig hält, daß sie verpflichtet sind, die von England znrückgewiesenen Juden zu repatriiere». Da nun Rußland die ihm mit russischen Schiffen zurückgeschickten Juden nicht gut bei ihrer unfreiwilligen Rückkehr ausknüpfen kann, wird die Regierung wohl ihre Schiffsgesellschaften, welche sich mit dem Export von Juden beschäftigen, anweisen müssen, nur solche abzuschieben, welche auf dem englischen Markt zugelassen werden. Die Befürchtung, daß, wenn nun England diesen Juden seine Küsten sperrt. daS inmitten der beiden liegende Deutschland die Heimat der. in England und Rußland refüsierten Juden werden könnte, die von denselben antisemitischen Blättern ausgesprochen wird, ist wohl schon darum hinfällig, weil wahrscheinlich an der ganzen Geschichte von der englischen Note, zum mindesten in dieser Form, kein wahres Wort ist. 4- Jn Rumänien ringen jetzt Liberale und Konservative uni die Herrschaft, und die Jude» müssen das Stichwort zu diesem Kampfe hergeben. Unter dem Titel „Sturdza und die Juden" schreibt das Oppvsitivnsblatt „Patriotul" in der Nummer vom 15. April: „Der Ministerrat hat in seiner Sitzung vom Montag beschlossen, daß V. Lascar, der nach Berlin reist, sich dem Reichskanzler Grafen Bülow vorstellen und mit Beweisstücken über die wirkliche Lage der Juden in Rumänien Auskunft geben soll. Infolgedessen hat Lascar, der heute früh abreisen sollte, seine Reise um einen Tag verschoben, um das erforderliche Material zu sammeln." - „Wir sind in der Lage zu bestätigen, daß in den letzten achtundvierzig Stunden beunruhigende Nachrichten aus Berlin über die Haltung der jüdischen Finanzkreise gegenüber Rumänien eingetroffen sind, und daß infolge dieser Nachrichten die Minister zu einer sofortigen Sitzung zusammenkamen und Lascar mit der Mission betraut haben, von der wir oben sprachen." — Auch der „Adeverul" teilt mit, daß Lascar nach Berlin kommt, und zwar „um dem Reichskanzler dafür zu danken, daß er eine so zurückhaltende Haltung bei Gelegenheit der Interpellation des Sozialdemokraten Bernstein bewährt hat." Auf den richtigen Kern zurückgeführt, bedeuten diese Mitteilungen der rumänischen Blätter nichts anderes, als daß die Fiuanzhäuser, die Rumänien nähestehen, nachdem sich ergeben hat, daß Sturdza und andere in hoher Stellung befindliche Personen an den Fälschungen bei Ziehungen rumänischer Renten-Titres beteiligt sind, hierüber nicht gerade erfreut waren. Mit sentimentalen Gefühlen in der Judenfrage hat die Stellung der beteiligten Finanziers, die übrigens nur zum kleineren Teil Juden sind, nichts zu tun. Sie haben sich ja auch bisher durch die judenfeindliche Haltung der rumänischen Regierung von Geschäften mit dieser nicht abhalten lassen. Imn Nslksdesixit. Von Bernhard Traubenberg. ^ÄFlrer rapide Rückgang in der Vermehrung der Juden ist keine phantastische Ausgeburt eines Theoretikers, kein Schreckgespenst, das jemand zu bloßer Erhitzung der Gemüter an die Wand malt, sondern buchstäbliche Wirklichkeit, ein Faktum, zu dessen Feststellung es keiner schwergelehrten Untersuchungen und schwindelerregenden Hypothesen bedarf. Vielmehr läßt sich die dürre Tatsache an der Hand der vier Spezies auss überzeugendste darlegen. Allerdings haben die gelehrten Statistiker der deutlichen Sprache ihrer Fachwissenschaft zum Trotz immer noch von einer