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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · p. Seite 219

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
Seite 219 (sequence 5)
Language
German
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219 Me Woche. Berlin, 6. Mai. ie Wahlagitation treibt schon jetzt recht seltsame Blüten. Die Hoffnung der Konservativen, daß die Antisemiten keinen Einfall in ihre Wahlkreise wagen werden, dürfte sich kaum erfüllen. Diese stellen vielmehr, wo sie nur können, zum mindesten ihre Zählkandidaten aus. Sie gehen, wie schon jetzt feststeht, mit einer gegen früher wesentlich erweiterten Angriffsfront in den diesjährigen Wahlkamps. Sie werden bei dieser Wahl in weit höherem Grade die Unterstützung des Bundes der Landwirte genießen, als bei den früheren Wahlen. Schon jetzt haben beide Parteien in einer Reihe von Wahlkreisen, in denen die Antisemiten bisher Politisch noch nicht kervorgetreten sind, gemeinsame Kandidaten ausgestellt. Es wird also seitens der Gegner der Antisemiten in diesen Wahlkreisen einer ganz erheblich verstärkten Agitation bedürfen, um die Angriffe mit Erfolg abzuschlagen. Die Position der Antisemiten in dem diesjährigen Wahlkampfe wird auch dadurch noch erheblich verstärkt, daß ihnen jetzt die reichen Agitationsmittel des Bundes der Landwirte zur Verfügung stehen, der seine Beiträge für das laufende Jahr bekanntlich verdoppelt hat. Selbstverständlich gehören zu den vorr uns zu bekämpfenden politischen Parteien auch jene Konservativen, die seit einem Dezennium den Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben haben. Es ist also eine dringende Pflicht sür jeden deutschen Juden, sein Scherflein zu den Vereinen beizutragen, die zu der allgemeiner: systematischen Aufklärungsarbeit und Abwehrtätigkeit in diesem Jahre auch noch in einer Reihe von Wahlkreisen eine energische Offensive werden ergreifen müssen, die sie im Verein mit den nahestehenden politischen Gruppen zu einem guten Ausgang zu führen hoffen. Hierzu gehören jedoch wesentlich verstärkte Mittel, und wir glauben uns der festen Erwartung hingeben zu dürfen, daß unsere Glaubensgenossen den „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" in diesem schweren Kampf durch eine Erhöhung des regelmäßigen Beitrags und Gewinnung neuer Mitglieder unterstützen werden. * Ganz merkwürdig sind, wie immer, so auch diesmal, die Verhältnisse in Pommern. Namentlich im Wahlkreise Kolberg- Köslin dürfte es zu einem heftigen Kampfe kommen. Dort ist Dr. Theodor Barth, der gegenwärtige Vorsitzende des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, von den Liberalen als Kandidat mit der besten Aussicht auf Erfolg aufgestellt worden. Die Agrarier, Konservativen und Antisemiten bekämpfen natürlich gerade diesen Kandidaten mit besonderer Heftigkeit, und ihre Presse leistet ihnen dabei die besten Dienste. Unter diesen Blättern zeichnet sich der „General-Anzeiger" in Köslin aber noch ganz besonders aus. Dieses Blatt, das sich mit Leib und Seele den Konservativen und besonders dem „Bund der Landwirte" und seinem Kandidaten verschrieben hat, ist nun aber im Besitz eines jüdischen Verlegers, des Herrn Max Rosenberg in Köslin! Nichtsdestoweniger macht es unter anderen: auch in Antisemitismus! Und trotzdem ist der Verleger dieses Blattes vor wenigen Tagen, als die erste Abteilung der Kösliner jüdischen Gemeinde einen Repräsentanten zu wählen hatte, zum Repräsentanten gewühlt worden! Allerdings muß zur Ehre der jüdischen Gemeinde Köslins gesagt werden, daß bei dieser Wahl der ersten Klasse nur drei oder vier Herren beteiligt waren. Es besteht tatsächlich der in Deutschland wohl einzige und sehr traurige Fall, daß eine jüdische Gemeinde einen Anhänger der Konservativen und Agrarier zum Repräsentanten hat, der einer: Dr. Barth bekämpft, ja diesen: noch zum Vorwurf macht, daß er gegenüber unberechtigten Angriffen „ für die Juden" eintntt, und daß die Konservativen und Agrarier des Kösliner Kreises einen „jüdisil en Repräsentanten erster Klasse" zum Wortführer in der Presse haben. * In: österreichischen Parlament beantwortete am 1. d. M. der Ministerpräsident Dr. von Körber die Interpellation betreffend die rumänische Judenfrage und führte aus: Die gemeinsame Regierung verkennt keineswegs, welch wenig günstiges Los den Juden in Rumänien beschieden ist und in welch bedrückter Lage sie sich vielfach befinden, indem ihnen infolge ihrer anormalen, aus der rumänischen Konstitution und verschiedenen gesetzlichen Sonderbestimmungen resultierenden Stellung in ihren: eigenen Heimatland häufig die Möglichkeit der Erlangung von Erwerbsquellen nach vielen Richtungen hin eingeengt und unterbunden ist. Die gemeinsame Regierung, welche ihrerseits schon vom Humanitären Standpunkt aus eine Verbesserung der Lage der rumänischen Juden lebhaft begrüßen würde, hat sich daher im Laufe der letzten Jahre bereits wiederholt veranlaßt gesehen, der befreundeten Autarkster Regierung — soweit es die einem unabhängigen Staate schuldigen Rücksichten zuließen — in nicht offizieller Weise eine Besserung des Loses der rumänischen Juden nahezulegen. Unter einen wesentlich anderen Gesichtspunkt fiele aber eine förmliche diplomatische Aktion. Diese müßte, da es sich hierbei nicht um österreichische oder ungarische Staatsangehörige handelt, rumänischerseits als eine unberufene Einmischung aufgefaßt werden, zumal bloß ethische und humanitäre Erwägungen eine ausreichende Grundlage für eine solche Aktion nicht abzugeben vermöchten. Der in Betracht kommende Artikel 44 des Berliner Vertrages bildet kaum eine ausreichende Basis für ein solches Einschreiten. Unterliegt nun eine offizielle Intervention den entwickelten Bedenken, so wird sich die gemeinsame Regierung doch nicht abhalten lassen, nach wie vor bei sich darbietender Gelegenheit im freundschaftlichen Verkehr mit der rumänischen Regierung eine günstigere Gestaltung der gegenwärtigen Lage der rumänischen Juden zu befürworten, und es darf wohl der Hoffnung Ausdruck verliehen werden, daß auch in dieser Frage die fortschreitende Entwickelung der Verhältnisse eine Wendung zum Besseren schaffen werde. Was die von: Abgeordneten Dr. Skedl behauptete Rückwirkung der unter den rumänischen Juden bestehenden Auswanderung auf die Verhältnisse in der Bukowina betrifft, so sind ausreichende Vorkehrungen getroffen worden, um zu verhindern, daß sich irgendwelche Mißstände entwickeln. Die Erhebungen haben ergeben, daß der weitaus überwiegende Teil jener rumänischen Auswanderer, welche die Butowina Passieren, sich daselbst überhaupt nicht aushält und daher mit der Bevölkerung nicht weiter in Berührung kommt. Es können nur solche Auswanderer in Betracht kommen, welche zu Fuß reisen müssen, oder welche die österreichische Grenze aus Schleichwegen überschreiten. Die ersteren halten sich in der Regel nur vorübergehend im Lande auf, besitzen übrigens immerhin einige Mittel, und es handelt sich daher, falls ihre Unterstützung durch ihre wohlhabenden Glaubensgenossen in Frage kommt, höchstens um die einmalige Gewährung milder Gaben behuss Ermöglichung der Weiterreise. Von jenen wenigen rumänischen Auswanderern endlich, welchen es gelingt, über die Grenze zu kommen und welche nicht nach Rumänien zurückgebracht werden, trachten die meisten, sich als Professionisten und Tagelöhner ihr Brod zu verdienen. Diese Erhebungen, welche auch die Einvernahme der israelitischen Kultusgemeinden zum Gegenstand hatten, haben weithin keinen Anhaltspunkt dafür ergeben, daß die Answanderungsbewegung unter den rumänischen Juden auf die Verhältnisse, speziell in der Bukowina, einen merklichen nachteiligen Einfluß nehmen würde. Die Regierung wird aber der weiteren Entwickelung der bezüglichen Verhältnisse in unserem Nachbarstaate ihr besonderes. Augenmerk zuwenden.

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