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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · p. Seite 218

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
Seite 218 (sequence 4)
Language
German
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218 schwer und bis fünfhundert leichter verwundete Leute sind bereits sicher konstatiert. Direkt sind von dem Unfall bis zehntausend Leute getroffen, die ohne Haus und Vermögen auf den Straßen oder irgendwo untergebracht liegen, indirekt werden es aber viel, viel mehr sein. Der Gouverneur, welcher für ähnliche Fälle in Rußland mit höchster Machtvollkommenheit ausgestattet ist, dem in Kischinew noch dazu, abgesehen von den Kosaken der Polizei, einige Regimenter zu Gebote standen, hatte bei Ausbruch der Schlächterei erst gemütlich Petersburg telegraphisch um Instruktionen ersucht und, bis diese — verzögert noch durch die hohen Festtage — anlangten, ruhig die Menge gewähren lassen. Außer dem Pöbel beteiligten sich aber auch angesehene Persönlichkeiten der Stadt am Plündern; der Schlimmsten einer war ein allgemein bekannter Notar, der nunmehr sestgenommen ist. Verschiedene Inden wagten es, mit den Waffen in der Hand der Menge entgegenzutreten, und man erzählt sich heldenmütige Züge einiger um ihr und der Ihrigen Leben verzweifelt kämpfender Familienväter. Hin und wieder ward ihnen auch Hilfe seitens ihrer christlichen Landsleute: Ein Russe, der einen Offizier in Uniform unter den Plünderern entdeckte, ergrimmte darüber derart, daß er ihn auf der Stelle niederschoß und sich dann freiwillig den Gerichten stellte. Leider muß jedoch gesagt werden, daß die Bedrängte»! nur ganz vereinzelt Unterstützung fanden. So konnte es kommen, daß trotz der ziemlich großen Armut der jüdischen Bevölkerung der Materialschaden über vier Millionen Rubel beträgt. Als endlich das Militär anrückte, genügte eine Salve in den dichten Hansen des Mobs, um die Menge zu zerstreuen und die Ruhe wiederherznstellen. Jetzt ist das Standrecht in der Stadt proklamiert, und einige Heransgegriffene, denen aktive Teilnahme an den Exzessen nachzuweisen ist, werden wohl nach Sibirien wandern müssen, wohin von Rechts wegen der Gouverneur, die Spitzen der Behörden und die höheren Polizeiosfiziere in erster Reihe gehörten. Es ist natürlich, daß man, wie im Jahre 1882 eine Wiederholung der Unruhen in Odessa, Nikolajew und Akkermann fürchtet; aber dank de»» rechtzeitig angeordneten urnfassenden Maßregeln verlief bis jetzt — allen Erwartungen entgegen - alles gänzlich unblutig und still. Wie man uns schreibt, war die Maffia schon früher lag-v ai'tis organisiert. Die Räuber trugen dasselbe Kostüm. Der Herausgeber der Zeitungen „Bessarabets" und „Snamia", letztere in St. Petersburg, zweier Kloaken im Stile Drummonts, aber ohne sein Talent, und ihre Suite, zu welcher auch der Polizeimeister von Kischinew, Herr Chanscüenkow, gehört, haben die Sache in Szene gesetzt und protegiert. Zwei Tage lang haben die Polizei und die Patrouillen den Exzessen untätig zugesehen, zwei Tage lang haben die örtlichen Gewalten nichts davon nach Petersburg gemeldet; dann hat der Divisionsgeneral, über die Untätigkeit der Ortsgewalten empört, auf seine Verantwortlichkeit nach Petersburg telegraphiert und Jnstruktioneu bekommen, die Ruhe herzustellen. Und doch existiert ein Ukas vom 1V. Mai 1882, welcher in strenger Weise die Gouverneure für Judenhetzen verantwortlich macht. Der Redakteur dieses Gesetzes, der hochreaktionäre Graf Dimitrij Tvlstoj, hat nämlich die Weisheit des Satzes eingesehen: „kockie »»Uli, twits tibi!- Diese Weisheit geht allerdings in den Kopf eines russischen Kosaken nicht hinein. Was ist da zu tun? Ohnmächtig steht die Welt vor einem solchen Schauspiel tierischer Mordlust, und Europa sieht ruhig weiter zu, wie Rußland sich wieder anschickt, auf dem Balkan die Rolle des Völkerbefreiers zu spielen, während es in seinen eigenen Gemarkungen Völker und Stämme, wie Juden und Finnen, durch systematische Brutalisierung zur Verzweiflung treibt. Uns bleibt auch in diesem tief traurigen Falle leider nichts übrig, als die alte Bruderliebe angesichts der fürchterlichen Katastrophe mit verdoppelter Kraft zu beivähren. Bereits hat sich an Ort und Stelle ein Hülfskomitee gebildet, das di> Aktion energisch in Angriff nehmen will. Wir erhalten von diesem Komitee den nachstehenden Aufruf: Kischinew, im April I90K. Eine furchtbare Katastrophe, welche die jüdische Bevölkerung der Stadt Kischinew heimgesucht und Tausende von jüdischen Familien ruiniert hat, legt den Vertretern der hiesigen Einwohnerschaft die schwere und verantwortungsvolle Pflicht auf, diese» Verarmten und Unglücklichen zu Hilfe zu kommen, ihnen die Möglichkeit zu geben, irgendwie auf eigenen Füßen zu stehe» und zu verhindern, daß sie Bettler werden; in diesen letzten Tagen sind sie tatsächlich an den Bettelstab gebracht worden. Tausende von Familien aus den verschiedenen Bevölkerungsklassen, welche aus schwer arbeitende» Handwerker», ungelernten Arbeitern, Kutschern, kleinen Ladeninhabern und kleinen und großen Kauflcuten bestehen, sind total vernichtet, ihre Wohnungen zertrümmert, ihre Möbel und ihre Wirtschaft, Handwerkszeuge, Kleider und Wäsche geplündert und vernichtet, Geld und Dokumente gestohlen, die Bevölkerung selbst geplündert und auseinandergejagt. Etwa 50 sind tot, 85 schwer und circa 400 weniger schwer verwundet, viele Frauen sind geschändet. Eine ungeheure Menge Personen befindetsich direkt auf der Straße ohneObdach und Zuflucht, ohne Kleidung und Nahrung. Die ersteHilse in Gestaltvon Brot, warmen Speisen und Zufluchtstätten ist durch die hiesige Gemeinde schon geleistet worden, welche außerdem über ihre Kräfte hinaus Sammlungen an Ort und Stelle veranstaltet, um nach Möglichkeit noch weiter zu helfen. Der Umsang des Unglücks ist jedoch so groß, daß die lokalen Mittel bei weitem nicht ausreichen, um auch nur den zehnten Teil der nötigen Unterstützung zu gewähren. Die Verluste betragen — sehr bescheiden gerechnet — Millionen Rubel, und einige Zehntausend, die man an Ort und Stelle zu sammeln hofft, reichen nicht aus, um Hilfe zu bringen, um so weniger, als bedeutende Summen zur Ernährung der Leute in den ersten zwei Wochen ausgegeben werden müssen, bis die Panik sich legt und den Leuten die Möglichkeit gegeben wird, ihre» gewöhnlichen Berufen nachzugehen. Eine umfangreiche Hilfeleistung von auswärts ist notwendig, und wir wenden uns an Sie mit der ganz ergebenen Bitte, Sammlungen zu veranstalten und möglichst rasch die Spenden hierher zu senden. Das Mitleid, welches uns in den schweren Jahren der Mißernte bewiesen worden ist, läßt uns die Hoffnung hegen, daß auch jetzt, im Augenblicke einer akuten und deshalb uni so dringeren Not, unsere Brüder uns zu Hilfe kommen und uns die Möglichkeit bieten werden, nur einigermaßen die schwere Not zu lindern. Mögen die Zeichen der Liebe und der Teilnahme unfern Brüdern das bittere Bewußtsein der schreienden Ungerechtigkeit und menschlicher Bosheit mildern zu helfen. Dr. I. S. Mutschnik, Dr. I. S. Kohan-Bernstein, Elisch Halperin, S. M. Großmann, E.S. Königschatz, Israel Kipperwasser, M. Kligmann I. M. Krassilschik, Sch. Perlmutter, I. Reidel, Z. Rosenfeld B. M. Slutzky, M. Faukelmann, Rabbiner M. S. Ettinger. Geldsendungen sind an Perlmutter L Kligmann in Kischinew zu richten. Es erscheint mehr als überflüssig, diesem Aufruf auch nur ein Wort der Empfehlung hinzuzufügen. Wir hegen die fest» Zuversicht, daß sich die Wohltätigkeit und Bruderliebe, dir unser Schatz und unsere Zierde seit Jahrhunderten sind, auch bei dieser entsetzlichen Katastrophe überall, wo Israeliten lebe», in altgewohnter Weise vollauf bewähren werden. werden, sie nur gehen, , crweiter werden stützung früheren Reihe v> litisch ni aufgestel in dieser bedürfen Position wird au reichen i fügung kanntlich von un Konserv, auf ihre Pflicht Vereine» Aufklärr noch in werden stehende» führen Mittel, » zu dürfe wehr des Erhöh»»» Mitglied^ Gan hältnisse Köslin d Dr. The zur Abw< mit der b Konservo diesen K leistet ihi zeichnet ganz be Seele de wirte" u im Besitz in Kösln in Antif Blattes Kösliner hatte, zn zur Ehr« bei diese

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