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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-05-08 · Heft 19 (8.5.1903) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 19 (8.5.1903)
Date
1903-05-08
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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67. Jahrgang. Nr. 19. Allgemeine Berlin, 8. Mai 1903 eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.! Abonnement- Preis.- Durch Buchhandel, l Post oder direkt von der Expedition in Berlin! unter Streisband bezogen vierteljährl.3 M.» Nedaeterrrr Gustav KarpeleS.! Begründet von Nabbiner S* Ludwig PHMppson-Lonn. Verlags-GrpeMon: Berlin, Zerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen sür Redaktion und I Expedition find an die Adresse: Verlag der I „Allgem. Zeitung des Judenthums". Berlin I 8VV„ Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. I Verlag von Rudolf Moffe, Berlin. > Inhalt, «ettarttkelr Rote Ostern. - Die Woche. - Zum Volksdefizit, öon Bernhard Trauben b erg. — Aus Elsaß-Lothringen.— Prof. Delitzsch' uveiter Vortrag über „Babel und Bibel". Besprochen von Rabbiner Or. B. Jacob in Göttingen. III. — Feuilleton; Versunkene Welten. Historische Erzählung aus Judäas Königszeil. Von Carola Buchheim. VI. - Litterarische Mitteilungen. Der Gemeindebote. — Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Breslau, Hannover, München, Wien, Paris, Rom. — Bon Nah und Kern. Note Ostern. Berlin, 6. Juni. russische Osterfest ist schon seit Jahrzehnten dadurch ausgezeichnet, daß unmittelbar nach der Predigt der Liebe und Gerechtigkeit, sofort auf den allgemeinen Bruderkuß der Menschheit in sehr vielen Teilen des Landes eine regelrechte Jndenschlacht beginnt. In Südrußland z. B. sieht man diesem Fest stets mit größter Besorgnis entgegen. Und leider ist diese Besorgnis, wie die Erfahrung gelehrt hat. ast nie grundlos. Auch die entsetzlichen Szenen in Kischmew, die schon seit einiger Zeit vorbereitet wurden, fanden am russischen Osterfeste statt. Der äußere Anlaß ist in den meisten Fälle» derselbe: Die Mutlüge oder eine ähnliche Verleumdung, die gewöhnlich ml uoe präpariert und vorbereitet wird. In dem Städtchen Dubofsary im Gouvernement Cherson, das größtenteils von Juden bewohnt ist, wurde vor ungefähr vier Wochen die Leiche des christlichen Knaben Rybalenko mit deutlichen Spurrn eines gewaltsamen Todes im naheliegenden Bache aufgefunden. Alsbald wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten den Rybalenko ermordet. Diese Gerüchte wurden von Antisemitenblätteru, vor allem von dem Schandblatt „Bessarabets" in Kischinew, dazu benützt, um ungescheut die Ermordung Rybaenkos als einen jüdischen Ritualiuord zu bezeichnen. Die Folge dieser Hetze war, daß das Städtchen Dubossary von der christlichen Bevölkerung belagert wurde. Allein die russischen Behörden taten alles, um die christliche Bevölkerung zu beruhigen und die Ursachen des Mordes klarzustellen. Eine gerichtliche Kommission mit dem Oberstaatsanwalt von Odessa an der Spitze nahm in Dubossary die Exhumierung der Leiche Rhbalenkos zweimal vor und erklärte auf Grund genauer ärzlicher Untersuchung, daß der Tod Rybalenkos im Ranfhaudel erfolgt, daß das Gerücht von einem angeblichen Ritnalmorde völlig erfunden sei. Der Gouverneur vvn Cherson, Kammerherr Lewaschew, nötigte sogar die Zeitung „Bessarabets", die Verbreiterin der falschen Gerüchte, öffentlich zu erklären, daß die Ermordung des Christenknaben Rybalenko mit einem Ritualmorde nichts zu tun habe. Aber alle diese Maßnahmen scheinen doch die gewünschte Wirkung nicht erzielt zu haben. Denn wenige Tage vor dem russischen Osterfeste erhielt die Oberverwaltung Kenntnis, daß große Krawalle gegen die Juden in Bessarabien beschlossen worden seien. Trotzdem wurden keine Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die Judenmaffakres in Kischinew erinnern an die Metzeleien von Damaskus im Jahre 1840. Es ereigneten sich unbeschreiblich grausame Szenen, die jeder Beschreibung spotten. Das Kischinewer Militär, welches am dritten Tage auf telegraphischen Befehl ausrücken sollte, verweigerte den Gehorsam, und es mußte Militär aus Bender requiriert werden. Die Polizei war. wie heute schon seststeht, im Bunde mit den Exzedenten. Wie der „Evenimentul" (Nr. 57, 16./29. April) mitteilt, ist der Polizeidirektor von Odessa nach Kischinew gegangen, und zwar in erster Reihe auf den Bericht des Generalstaatsanwalts hin, welcher schließt, daß die Polizei unter Anklage gestellt werden soll, weil sie bei den Massakres mitgeholfen hat. Die uns vvn allen Seiten znkonnnenden Schilderungen lassen geradezu das Blut in den Adern erstarren und stehen de» gräßlichsten Untaten fanatischer Boxer in keiner Hinsicht nach. Einige Beispiele mögen genügen: Man schlitzte einer in gesegneten Umständen befindlichen jüdischen Frau den Leib auf, nahm die Frucht heraus und füllte den Leib der Sterbenden mit den Daunenfedern ihres Bettes. Ein Rabbiner wurde an einer Lampe seiner Synagoge aufgehängt. Kindern zerschmetterte man das Haupt aus dem Pflaster oder spielte mit ihnen aus den Fenstern ihrer Wohnungen heraus Fangball, bis sie auf den Steinen zerschellten; anderen schnitt der entmenschte Pöbel einzeln die Gliedmaßen ab und ergötzte sich hohnlachend an den Todeszuckungen seiner unglücklichen Opfer. Fraueil wurden an verschiedenen Stellen ohne weiteres ans den oberen Stockwerken ans die Straße geworfen. Mehrere Synagogen wurden ausgeplündert. Die Synagogendiener, welche versuchten, der Menge Widerstand zu leisten, wurden totgeschlagen. Die Straßen waren mit einer Schicht von Federn bedeckt, die auS zerschnittenen indischen Betten auf die Straßen 'hinansgestreut worden waren. In den ausgeplünderten Häusern wurden alle Möbel zerschlagen. Auch an Oefen, Dielen und sogar Schornsteinen ließ der Mob seine Wut aus. Was die Plünderer nicht zerstören konnten, begossen sie mit Petroleum und verbrannten es. Die Zahl der Opfer ist noch nicht festgestellt: nicht weniger aber als fünfzig Leichen, bis hundert

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