Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 2 (1838)
- Issue
- Heft 47 (19.4.1838)
- Date
- 1838-04-19
- Page
- Seite 187 (sequence 3)
- Language
- German
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187 dieser Zustand an ihn richtete: IrL-t^liejena. Iiü-sranwt daele? Diese verknöcherten, fetischisirten Symbole, die aber so fest verwachsen sind mit dem edelsten Fleische dieses Volks: werden sie je wieder Leben erhalten? Und so hat er es sich denn zur höchsten Aufgabe gemacht, nur auf dies erste aller Bedürfnisse achtend, ihnen ein neues Leben zu verschaffen. Auf dieses-Ziel nur hat er rastlos hingearbeitet, durch den Primar-Unterricht, durch seine eigenthümlichen Kanzelvorträge und durch die Ausbreitung des Sinnes für Religionswissenschaft, bis zur Substituirung achter Wiffenslust an die Stelle des hergebrachten bloßen Pflichtstudiums. Die ihm untergebene Talmud-Tora-Schule, in welche die erste Land- Karte einzuführen warlich eine Heldenthat war, steht jetzt da und kann sich nicht nur im Fach bürgerlichen Unterrichts mit jeder andern desselben Ranges messen, sondern die Schüler werden durch einige zweckmäßige Quellenkenntniß, durch Praxis und Erläuterung, zu einer mit jeder sonstigen Stellung im Leben vertraglichen tieferen Auffassung der Religionslehren befähigt. Seine sabbatlichen Kanzelvorträge, der ersten Anlage nach denen des vorzeitlichen Meturgeman’s entsprechend, haben gewiß nicht den beliebten protestantisch homiletischen General- Zuschnitt, verhalten sich vielmehr zu gewöhnlichen Predigten, wie egyptische Bilder zu leichtgeschürzten griechischen, indem sie alle ein Colorit philosophischer und zugleich patristischer Symbolik tragen. Aber dafür ist es auch ihr Zweck, nicht allein die zur Hand hangenden Früchte des Glauben-Stammes in ewig wiederkehrenden Refrains von allgemeiner Moral spielend zu pflücken; sondern auch die Wurzeln dieses Stammes, vermittelst Entfaltung der der Gesammtperson Israel durch den Willen Gottes inwohnenden, auf intiutive Anschauung basirten und durch Offenbarung, Geschichte und Legislatur gereisten geistigen Schätze, zum allgemeinen Bewußtsein zu bringen. Als eine der Erstlingsfrüchte diesrr Bestrebungen besteht hier eine Gesellschaft junger Männer aus den Mittlern und untern nicht gelehrten Standen, die seit langer als einem Jahre den von B. gehaltenen Cursus religionsphilosophischer und zugleich erbauender Vorlesungen über das Buch Kusr i mit der lebhaftesten Theilnahme folgt*). Wer hatte wol früher geahnt, daß eine solche Gesellschaft sich hier bilden könne? Also rechtfertigt sich nun, soweit der unbefangene Zuschauer es zu erkennen vermag, die Außenseite von Ber- *) Sie hat das Buch expreß neu drucken lassen. Es erschien hier im Verlag von Raff uüd Magnus. Merkwürdigerweise arbeitet B.'S Jugendfreund Creize nach gerade zu derselben Zeit an einer Übersetzung desselben Buchs. (Siehe Sulamit 1837). nay's System; und das wäre denn freilich keines, das in einem Tage säen und ernten will, aber — (denn wer möchte wol dem> Meister den ungezogenen Zelotismus einiger Jünger aufbürden, die ihm „vortrefflich haben abgeguckt, wie er sich räuspert und wie er spuckt? —") ein System naturgemäßer Entwickelung, nichts mit Vehemenz stützend noch stürzend. Es soll hier natürlich nicht darauf eingegangen werden, ob dies System das ausschließlich richtige sei, ob ein Mittelweg gesucht werden müsse, ob die von B. durchgemachten 16 Amtsjahre btose Vorbereitung waren: das aber läßt sich unschwer vorher sagen: entstehet einmal aus der B'schen Schule eine Reform, so wird es vielleicht eine wahrhafte, nicht eine, die blos Leichen frisirt. Ueber die Synagoge selbst und was sich daran knüpft ist nur weniges hinzu zu fügen, denn fast alles steht noch unverändert auf dem Standpunkt des vorigen Jahrhunderts. Der Chasanim-Gesang ist noch auf dem alten Fuße, nur allenfalls etwas schlechter, weil seit etwa 20 Jahren — die obligaten Baß- und Diskant-Stimmen fehlen, ohne daß ein Chor eingeführt, oder die schweren und bunten Melodien vereinfacht waren, um dem einsamen Vorsänger seine furchtbare Anstrengung zu erleichtern. Außer jenem Accompagnement aber ist nichts abgeschafft als das Hamanklopfen (seit 30 Jahren) und das willkürliche Singen der Kinot. Eine wesentliche Reform wäre freilich schon an sich die Einführung eines sabbatlichen deutschen Kanzelvortrages; allein dieser findet nur in der größten Synagoge Statt, und die Gemeinde hat 3 öffentliche und 5 Privat-Synagogen (in Klausen rc.), außer etwa 12 geräumigen perennirender Minjan-Lokale, zu denen sich an hohen Festtagen noch wol 80 andere gesellen, weil dann sämmtliche öffentliche Bethäuser — den neuen Tempel mitgezählt — kaum für die halbe Bevölkerung hinreichen *). Sonst ist hier für alles gesorgt, was nur die ängstliche Observanz aller im Leben vorkommenden Ritualien sich wünschen kann. — Schacht-Inspektoren, Käscher-Zettel auf jedes milchfreie Bäcker-Weißbrot, Klausen, Schaß-Vereine, eine Schomer-le-Boker Brüderschaft, Taschlich-Procesflonen, 8. v. b. b. i. m. t. 1. Fasten rc. bestehen sarnmtlich hier als *) ES fei hier die Frage erlaubt, warum nicht schon längst die sämmrlichenn predigende Rabbiner darauf ausgegangen waren, das Verbot des Frühstücks vor dem Gottesdienst am Sabbat aufzuheben, oder möglichst zu beschränken? So lange dies Verbot rn legaler Kraft ist, werden alle die einen starken Glauben und einen schwachen Magen besitzen, nicht umhin können, sich der Frühgebet- Versamnilungen zn bedienen, oder privatim zu beten, worunter jedes Mal der öffentliche Gottesdienst leiden muß. 2tnm. d. Corresp.