Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 212 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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212 von der Kurie geraubten indischen Knaben Mortara, den pfäffische Unduldsamkeit zu einem Fanatiker erzog. Zu erwähnen sind noch mit einer Seelenzahl bou über 1000 Juden Mailand, Verona und Padua, das durch den großen Luzzattv und auch durch seinen Schüler Ende Lolli, einen guten Hebraisten, der auch an der Universität Padua lehrt, einen Weltrns als Sitz südischer Gelehrsamkeit errang, so das; hier nicht nur die zukünftigen Rabbiner Italiens, sondern auch manche Ausländer studierten. Die berühmte Universitätsstadt Bol vgna hat dagegen nur etwa600 jüdische Seelen, etwas mehr haben Neapel, Pisa, Genua, Casale (in Piemont), Reggio (Eunlia) und Vercelli. Während im römischen Kirchenstaate — Rom und Ancona ausgenommen — keine Juden wohnen dursten, leben heute in Sinigaglia, der Vaterstadt Pius IX., über 300, in Perugia, wo Leo XIII. Bischof war, an 200 Juden, ferner in Urbino und Pesarv ungefähr ebensoviel. Im Verhältnis zu ihrer geringen Anzahl nehmen die Juden Italiens gesellschaftlich und Politisch eine außerordentlich hohe Stellung ein. Wieviele italienische Juden auch schon in den letzten Jahrzehnten Minister und Senatoren in leitender Stellung gewesen sind, niemals hat es irgend jemand gewagt, sie in der Presse oder im Parlament als Juden anzugreifen, wie das bei uns noch heute jedem Juden passiert, der nur irgendwie eine Sprosse auf der sozialen Leiter emporsteigt. Ein venetianischer Jude wie Maurogonato hat an der Seite Daniele Manins, des Diktators von Venedig, für die nationale Freiheit gekämpft, er lehnte das Portefeuille eines Finanzministers ab, war aber lange Jahre und selbst noch als 70 jähriger Greis Vizepräsident der Kammer. Als solcher konnte er an dem Sarge Manins sagen: „Hier der selige Diktator, der in diesem schwarzen Sarkophag ruht, der Enkel des jüdischen Advokaten Medina, schläft er den Schlaf der Unsterblichkeit im Schatten von San Marco." WieMaurogonato als Hort der Freiheit Venedigs, so gelangten unsere Glaubensgenossen D'Ancvna für Toskana und Tullo Massarani, der sehr reich und wohltätig ist und für die Befreiung Mailands als Mazzinist gelitten hat, für Mailand in den Senat. Letzterer ist von Hause auS Maler, aber mit Carducci, Settembrini und Chiarini war er auch eifrig bemüht, die Verehrung für Heinrich Heine, die in Italien sehr groß ist, in seinem Vaterlande weiter auszubreiten. Als der reichste Jude Italiens gilt der Abgeordnete Baron Franchetti. Sein Sohn komponierte die Oper „Asrael". Wie D'Ancvna schon in Toskana Finanzminister war, so Sonnino und Luigi Luzzatti bereits mehrfach in dem geeinten Italien. Luzzatti, Professor des Staatsrechts in Padua und gegenwärtig Vertreter dieser Stadt im Parlament, ist durch sein mannhaftes Eintreten für einen Handelsvertrag mit Deutschland auch bei uns als tüchtiger Nationalökonom bekannt. Im Februar 1887 wäre er unter Depretis um ein Haar Kultusminister geworden, und selbst damals begegnete man im Zentrum der katholischen Welt keinem Angriff auf die Abstammung Luzzattis. Der römische Korrespondent Dr. S. Münz schrieb damals einem deutschen Blatte: „Die liberalen Blätter setzen an dieser Wahl nur aus, daß Luzzatti weit berufener wäre, das Portefeuille des Ackerbaues und des Handels, als das des Unterrichts zu verwalten. Aber sicherlich hätten die Klerikalen und Antisemiten des Auslandes Lärm geschlagen, keineswegs die Italiener. Luzzatti und sein berühmter jüdischer Landsmann Jsacco Maurogonato- Pesaro sitzen aus der Rechten. Dem letzteren hatte bereit-: Viktor Emanuel das Finanzministerium im Kabinett Minghett angeboten, der venetianische Jude lehnte indessen ab." Am der Linken sitzen nicht weniger Juden. Arbib z. B. ist Heraus geber des Wochenblattes „La Liberia". Eine große Zahl italienischer Juden — weit über ihre Verhältniszahl als^Ein wvhner des Landes hinausgehend — lehrt an den Universitäten des Landes. Der schon genannte Korrespondent hebt nur den bedeutendsten Sprachforscher Italiens, der zugleich einer der hervorragendsten Europas ist, Graziadio Jsaco Ascoli, einen Görzer von Geburt hervor. Möge bald auch der hebräischen Wissenschaft eine neue Blüte in Italien erstehen. N. I'. Aus den Niederlanden. Im April 1003. bei dem ersten Ausstand der Eisenbahnangestellten fast die gesamte jüdische Bevölkerung auf dem Boden staatlicher Autorität und Ordnung stand, so ist dies auch bei dem erneuten Ausbruch des Streikes der Fall, weil jeder ernste und nachdenkende Staatsbürger darin geradezu eine nationale Gefahr sieht. Um so mehr hat darum in der Zeit „zwischen den Schlachten" die oppositionelle Haltung des Verbandes Israelitischer Arbeiter und Handlungsgehilfen „Betsalel" zu Amsterdam, einer ausgesprochen religiösen Fachvereinigung, befremdet. Bekanntlich ist der Volksvertretung regierungsseitig eine Ergänzung des Strafgesetzbuches im Sinne verschärfter Ahndung des Kontraktbruches und namentlich des Streikes von Eisenbahnern vorgeschlagen. (Inzwischen auch angenommen.) Hiergegen nun meinte genannter Verein sich mit einer an die zweite Kammer gerichteten Eingabe wenden zu müssen, worin die Ablehnung der qu. Gesetzesvorlage, als schädlich für die Entwickelung der Fachvereinigung, gefordert ward. Man ist um so ungehaltener über Betsalels unbesonnenes Vorgehen, als christliche Arbeiterverveine, wenn auch „mit blutendem Herzen", wie erklärt wurde, ihrer religiösen Auffassung vom Begriff: Wahrung der öffentlichen Ordnung ein Opfer zu bringen verstanden und sich jedes Einspruchs enthielten. In einem durchgehends mit Gerechtigkeitssinn und, nimmt man alles in allem, auch freiheitlich regierten Lande, gleich dem unsrigen, steht es dem Israeliten besonders wohl an, die Obrigkeit in ihrer schweren Aufgabe zu unterstützen, die während dieser bewegten Tage in der Handhabung der Ordnung, in Hochhaltung der staatlichen Autorität besteht. Wenn nur nicht, wie oft, statt des leuchtenden Vorbildes gerade von oben Aergernis käme! Viele hatten gehofft, das; die Streitfrage der Besetzung deS Amerssoorte r Oberrabbinats vor dem 1. April ihre friedliche Erledigung finden würde indem der bereits amtierende Oberrabbiner Herr Wynkoop auf das gleichzeitige Amsterdamer Rabbinat verzichtet. Das ist indes ebensowenig als die andere Alternative: Verzichtleistung auf Amersfoort, bisher eingetreten. Vom letztgenannten Synagogalbezirk ging bei der Vorgesetzten Kultusbehörde (der Zentralkommission für die Angelegenheiten der Israeliten in den Niederlanden) der Bericht ein, daß man keine Veranlassung sehe, an dem bestehenden Zustand zu ändern, denn die gottesdienstlichen Interessen würden nach der steberzengung des