Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 211 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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211 daß dem Schulvorstand sehr daran gelegen sei, im Kollegium neben den Vertretern des höheren Schulsaches auch einen Vertreter des Volksschulwesens zu haben. Pros. Blaschke bemerkt, daß es für den Kandidaten sehr mißlich sein würde, Leiter einer Neligionsschule zu sein und die anderen Neligionsschulen inspizieren zu müssen. Herr Immanuel Sachs verbürgte sich dafür. daß die einschlägigen Arbeiten in bester Weise geleistet werden würden. Herr Oppenheim erachtet es als Pflicht der Konservativen ihren Wählern gegenüber, der „herrschenden religiösen Strömung" und der Gerechtigkeit zu entsprechen. Herr Löwenberg proklamiert sogar feierlich, daß er, falls man die W rhl ablehnte, selbst einen Konflikt nicht scheuen würde, und betont mit Nachdruck, daß er einem Kandidaten seine Stimme nicht geben würde, wenn er wüßte, daß dieser keine rituelle Wirtschaft führe! Nachdem noch Herr Oppenheim ausgesührt. daß die von den Liberalen allgeführten Gründe nur Verklausulierungen seien und daß der Gemeindevorstand nur diejenigen Kandidaten zur Wahl stellen lasse, die ihm „aus tausend und anderen Gründen" passen, geht ein Schlußantrag ein. welcher jedoch abgelehnt wird. Nach Wiederaufnahme der Debatte weist Herr Louis Sachs darauf hin, wohin es kommen solle, wenn in jeder Sitzung stundenlang über Kommissionswahlen debattiert werde und Kandidaten abgelehnt werden, nicht etwa, weil sie nicht tüchtig seien, sondern nur weil sie einer bestimmten Partei allgehören. Die von den Konservativen jetzt vorgenommcne Verteilung von Aerntern und Würden sei nur eine Entschädigung an diejenigen, welche der konservativen Sache Dienste geleistet hätten. Von vielen Genipindemitgliedern würden die die Versammlung entwürdigenden Debatten aufs tiefste beklagt, und die Konservativen sollten sich wohl überlegen, ob sie der Gemeinde nützen, wenn sie ihre bisherige Kriegführung fortsetzen. Er wünsche, daß. falls doch ein Konflikt heranfbeschworen werden sollte, dieser nicht eine so lächerlich unbedeutende Sache zur Veranlassung hätte, sondern Gründe weit schwererer Bedeutung. In dringenden Worten warnte auch Syndikus Dr. Minden die Konservativen, die Zusammensetzung von Kollegien und die geistige Leitung von Schulen nicht von solchen Dingen abhängig zu machen.. Erregte an, die Ersatzwahl zu vertagen. Herr Löwenberg betonte noch einmal. daß er mit voller Ueberlegung vom Konflikt gesprochen habe, er gab noch zu, daß von den Konservativen keiner mehr wirklich konservativ sei. daß sie aber das Judentum erhalten wollen — dann war die Debatte endlich zu ihrem Schluß gelangt. Die Abstimmung ergab, daß ans Herrn Dr. Weisse 8. aus Herrn Hanfs 6 Stimmen entfielen. Die übrigen Mitglieder des Schul- und Talmud-Thora-Vorstandes wurden sämtlich wiedergewählt. — In schnellem Tempo wurden alsdann die übrigen Vorlagen erledigt. In die Subventionskommission wurde Herr Wolfs Bernhard gewählt. Die Festsetzung des Gehalts für die akademisch gebildeten Lehrer an den Gemeindeschulen wurde vertagt. Nach den Vorschlägen des Vorstandes soll das Anfangsgehalt 2300 Mark betragen, um 200 Mark alle zwei Jahre steigen, bis nach 26 Dunstjahren das Maximalgehalt von 5000 Mark erreicht wird. Im Ausschuß sind gegen diese Skala mehrfache Bedenken erhoben worden. Der Altersversorgungsanstalt wird aus drei Jahre eine Subvention von 5000 Mark debattelos gewährt. Herr FrLnkel spricht bei dieser Gelegenheit den Wunsch ans, daß der Gemeindevorstand seine Fürsorge auch aus die Jugend ansdehnen und das Lehrlingsheim bedenken möge. Dem Religionsverein Ahawas Scholaum, welcher um die Gewährung von 5000 Mark vorstellig geworden war, werden, wie bisher. 2000 Mark als Subvention bewilligt, der Kinderheilstätte Diez a. L. 300 Mark. Die Inder: in Italien. i. eigenartige Schauspiel, daß vor einigen Jahren der deutsche Kaiser Wilhelm 11. bei seiner Fahrt zum Vatikan in Rom von einem Juden, dem glaubellstreuen General Ottolenghi, dem damaligen Adjutanten König Hmnberts, begleitet war (wie Dr. Berliner s. Z. berichtete), wird in der nächsten Woche insoforn eine neue, geschichtlich bedeutsame Auflage erleben, als beim bevorstehenden Empfang des Kaisers in der Hauptstadt Italiens durch Viktor Emanuel III. derselbe jüdische General Ottolenghi, jetzt in noch höherer Position, nämlich als Kriegsminister seines Vaterlandes, zugegen sein wird. Es ist noch nicht 50 Jahre her, daß die Inden in demselben Rom unter der Herrschaft des Kirchenstaates den ärgsten Beschimpfungeil und Mißhandlungen ausgesetzt waren; erst das geeinte Italien hat mit diesen Erniedrigungen energisch ein Ende gemacht und den Juden freie Bahn, selbst zu den höchsten Ehrellstellen eröffnet, die in Deutschland z. B. zur Zeit noch für keinen glanbenstreuen Inden zu haben wären, obwohl die Herren Agrarier schon jetzt über heimliche und öffentliche Verjudung Zeter und Mordio schreien. Der freiheitliche Geist der Inden Italiens zeigt sich übrigens schon in ihrer Statistik. Sie rechnen nämlich zu den italienischen Juden alle Glaubensgenossen italienischer Herkunft Ulid Sprache, zähleil also auch die italienischen Inden in Triest, Görz und Nizza mit. Nach dieser Rechnung gäbe es etwa 50 000 italienische Inden, da die jüdische Gemeinde in Triest allein an 6000 und die in Nizza über 1000 Seelen zählt, wovon aber doch nicht alle Italiener sind. In Italien selbst giebt es über 80 jüdische Gemeinden. An erster Stelle steht der Zahl nach die jüdische Gemeinde in R o m mit 6000 Inden. Früher hatte Livorno, das eine der prachtvollsten Synagogen der Welt hat, diesen Vorrang, da infolge der Bedrückung unter päpstlicher Herrschaft die wohlhabendsten römischen Juden häufig nach dem damaligen Großherzogtum Toskana auswanderten, wo sie gleiches Bürgerrecht mit den andern Bewohnern hatten. In der kurzer! Zeit seit ihrer bürgerliche!: Gleichstellung haben die Inden in Nom große Fortschritte gemacht; sie haben, nachdem das alte Ghetto uiedergerissen wurde, auch ein (allerdings inzwischen verlegtes) Rabbinerseininar errichtet, um das sich der verstorbene Alatri, Mitglied des Gemeinderats der Stadt Rom, sehr verdient gemacht hat. Ein gelehrtes Mitglied dieser Familie. Crescenzo Alatri, hat die Materialien zu einer Geschichte der Juden in Rom gesammelt. Früher befanden sich die fünf römischen Synagogen, unter denen sich auch eine „deutsche Schul" befand, zusammen in einem jetzt abgerissenen Hause, das auf eine geschichtlich reiche Vergangenheit zurückblickte und mit seinen: siebenarmigen Leuchter und der Harfe des Psalmisten in einer im Uebrigen ärmlichen Umgebung manchen Besucher tief ergriffen hat. Bekannt ist auch Ludwig Angust Frankl's herrliches Gedicht „Der Jude unter dem Titnsbogen in Nom". An Rang, Intelligenz und Reichtum stehen die jüdischen Gemeinden in Florenz, Mailand und in Livorno höher als die römische. Tie meisten hebräischen Werke, welche in Nom gedruckt werden, sind Werke gelehrter Dominikaner und Jesuiten, während in Livorno die literarischen Erscheinungen des italienischen Judentums, vorwiegend aber Gebetbücher, Kalendarien u. s. w. gedruckt werden. Die drittgrößte jüdische Gemeinde Italiens ist Turin mit etwa 3000 Inden. Hier konnte man General Ottolenghi an manchem Sabbat, mit dem Tallis angetan, andächtig sein Gebet verrichten sehen. Es folgen Venedig mit über 2500, Florenz, ausgezeichnet durch sein Oolle^io rabbnrieo, mit 2400, Ferrara mit 1800, Ancona und Modena mit 1700, Man tu a mit 1500. In Mantua lehrte früher Rabbi Marco Mortara, wie man sagt, ein Verwandter des im Jahre 1858