Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 208 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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208 machen. Es ist oft, und oft nicht von Juden, sondern von Christen, russischen wie ausländischen, gesagt worden: die Gewährung voll Freizügigkeit an die Juden Rußlands würde Handel und Industrie in vielen Teilen des weiten Reiches aufleben lassen, würde verhindern, daß ganze Distrikte verkümmern, von Hungersnot heimgesucht werden u. s. w. n. s. w. England ist gewiß ein industriereiches und unternehmendes Land. Dennoch haben, wie in der Einwandernngskommission kurz vor Ostern konstatiert wurde, erst die eingewanderten Juden die bis dahin ganz unbedeutende Fabrikation von wasserdichten Stoffen so gefördert, daß jetzt nicht nur die Einfuhr voll Gummimänteln fast ganz üufgehört hat, sondern England für den Exporthandel in Gummistoffen der Mittelpunkt der ganzen Welt geworden ist. Diese Gulnrnistoffindustrie ist ebenso wie die Mäntelindnstrie durch die Einwanderer geschaffen worden. — Der Mäntel- und Kostümfabrikant Morris Cohen sagt aus, die von ausländischen Schneiden: in England eiugeführte Mäutelindustrie gibt jetzt 20 000 Arbeitern Brot, und er hofft, daß England bald in der Lage sein wird, den größten Teil seines Bedarfs selbst zu liefern. Dies komme auch anderen heimischen Industriell zu gut, denn für die hier fabrizierte Konfektion würde inländisches Material verwendet. Wenn also selbst das reiche, tätige England in kurzer Zeit so viel vor: den elendesten eingewanderten russischen Juden profitieren kann, wie viel mehr könnte es Rußland von seiner: im Lande gebliebenen! Und wäre es da ein Verbrechen und nicht vielmehr berechtigte Klngheit, wenn Rothschild oder der christliche Geldgeber zu Rußland sagte: Ich will dir gern die vielen Millionen leihen, aber sieh zu, daß du ja aus der Pumpwirtschaft heranskommst, daß du deine materiellen Hilfsmittel vermehrst, indem du den brachliegenden Unternehmungsgeist der Juden zu deinem eigenen Vorteil benutzest und dadurch mein Risiko herabminderst? 4 In Rußland ist das Osterfest leider nicht ohne die landesüblichen Verfolgungen geblieben. Der Telegraph meldet aus Petersburg: „Am 19. und 20. April (russische Ostern) fanden in Kischinew Arbeiterausschreitungen gegen Juden statt, wobei 25 Personen getötet, etwa 75 schwer und gegen 200 leicht verwundet wurden. Der Minister des Innern verhängte über Stadt und Kreis Kischinew den Zustand des verstärkten Schutzes." Auch viele andere Orte Bessarabiens waren zu derselben Zeit der Schauplatz blutiger Judeukrawalle. lieber die Vorfälle von Kischinew schreibt man: „Ein Bauer aus der Stadt Bender kam am russischen Ostersonntag nach dem nahen Kischinew und erzählte, die Juden in Bender hätten einen kleinen Christenknaben geschlachtet, um dessen Blut zum Passahfeste zu verwenden. Alsbald rotteten sich zahlreiche Sauf- und Raufbolde, sowie Vorstadtpöbel zusammen, durchzogen die Straßen, erbrachen die Geschäfte der Juden, zertrümmerten und plünderten alles, und steckten die Läden schließlich in Brand. Kosacken, die zur Herstellung der Ruhe ansgerückr waren, machten gemeinsame Sache mit denl Mob. Es kam zu großen Schlägereien, ja zu einem förmlichen Gemetzel, wobei viele Juden umgebracht oder schwer verwundet wurden." Während der Ostertage sind in Rußland häufig ernste Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung vorgekommen. In dieser Hinsicht hatte die südrussische jüdische Bevölkerung in den ersten Jahren nach der Thronbesteigung Alexanders NI. viel zu leiden. Seit den: Anfang der Achtzigerjahre sind derartige Ausschreitungen des Pöbels dort zu Ausnahmen geworden. Tie in den erstell russisch-orthodoxen Ostertagen in der südrussischen Stadt Kischinew stattgehabten Ausschreitungen gegen die Juden haben jedoch einen Umfang angenommen, der als ein logisches Ergebnis der Ausnahmegesetze zu betrachten ist, unter denen die jüdische Bevölkerung Rußlands zu leiden hat. Leider ist auch gar keine Aussicht vorhandel:, daß diese Zustände sich bessern werden. In: Gegenteil: es wird wieder von neuen Ausnahmegesetzen berichtet. In Petersburg tagte bekanntlich eine vom Zar eingesetzte Kommission zur Ausarbeitung vor: Maßnahmen zur Beschränkung der Rechte der Juden, Jmmobilien im Reiche erwerben zu dürfen. Die „Welt" ist in der Lage, aus dem Protokoll der Kommission einen Auszug bringen zu können. Hervorgerufen durch die Berichte der Gouverneure von Smolensk, Pskow und Nowgorod an den Zar, in denen die Juden in unerhörter Weise angeschwärzt wurden, trug sich die vorn Zar eingesetzte Kommission mit dem Plan, den Juden das Recht auf Erwerb von Immobilien in: Reiche völlig zu entziehen, diesem Verbote aber auch rückwirkende Kraft zu verleihen. Finanzminister Witte sprach dafür, den Juden „künftig der: Erwerb von Immobilien außerhalb den Städten in der: inneren Gouvernements kategorisch zu verbieten, ohne die von ihnen bereits erworbenen Eigentumsrechte zu tangieren, gleichzeitig aber die Durchsicht der beschränkenden Bestimmungen von: 3. Mai 1882 allzuregen, wodurch die Rechte der Juden im Niederlassuugsgebiete so eingeschränkt würden, daß der Drang der Juden nach den inneren Gouvernements als Folge dieser Einschränkungen betrachtet werden muß." Der Minister des Innern Plehwe sprach sich nicht für Erleichterung der Lage der Juden, aber auch gegen neue Einschränkungen aus, die die Lage nur verschlimmern könnten. Die Kommission faßte endlich den Beschluß, „den Juden außerhalb der Grenzen des Niederlassungsgebietes die Erwerbung von Eigentumsrechten, den Besitz und Pacht von Immobilien, welche sich außerhalb der Städte befinden, bedingungslos zu untersagen und den Vollzug derartiger öffentlicher Akte einzustellen." Um jedoch den Juden die Möglichkeit zu nehmen, dieses Verbot durch Umgehung der Gesetze nickt einzuhalten, wurde beschlossen, Juden, welche Rechte auf den Besitz von Immobilien auf ungesetzlichem Wege oder mittels fiktiver Dokumente erwerben, der administrativen Verbannung zu unterwerfen. Die Kommission erklärte sogar, daß der Minister des Innern auf solche Juden die Wirkung des Gesetzes vom 7. Dezember 1895 ausdehnen möge, wonach Personell, welche die öffentliche Ruhe gefährden, der Verschickung unterliegen. Alle diese Beschlüsse, welche einstimmig gefaßt wurden, harren jetzt der Sanktion des Zaren! * Ir: geschäftiger Weise hat man aus Rumänien durch den Staatstelegraphen in alle Welt hinansposaunt, daß der Bürgermeister von Bukarest bei der Einweihung der neuen Synagoge der dortigen polnischen Israeliten - Gemeinde eine Rede gehalten habe, in der er darauf hinwies, daß „die rumänischen Behörden aller: Bewohnern des Landes die gleiche Fürsorge angedeihen lassen, nnd daß sich unter der Regierung des Königs Karol die Juden Rumäniens der gleichen Freiheiter: erfreuen, wie in aller: civilisierter: Ländern." Der Vorsitzende der Gemeinde sprach dem Redner den wärmstell Dank aus. Ferner haben dem Gottesdienste im israelitischen