Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 18 (1.5.1903)
- Date
- 1903-05-01
- Page
- Seite 207 (sequence 5)
- Language
- German
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207 Berlin, 2S. April. L^^'eml es noch Leute geben würde, die darüber im Zweifel sein sollten, wie die konservative Partei über die 0 Inden denkt, so hat diese mit dankenswerter Offenherzigkeit solchen Zweiflern vor den Wahlen die Augen geöffnet. Allerdings noch immer nicht mit der Bestimmtheit und Klarheit, die die Antisemiten wünschen möchten. Im engeren Kreise sind die Konservativen gewiß „reine" Antisemiten; vor der breiten Oeffentlichkeit zieren sie sich noch ein wenig und haben gewisse Borbehalte. So z. B. veröffentlicht ein hiesiges Blatt den Wortlaut eines vertraulichen Bettelbriefes der Konservativen, der nun ganz den „Geist" der ehemaligen Stöcker'scheu Bewegung atmet. Die Konservativen wollen zeigen, „daß in der Hohenzollernstadt an der Spree nicht nur Hude», Demokraten und Sozialdemokraten Anhängerschaft besitzen", und erachten es für ihre „heiligste Pflicht", alle Freunde mfzurusen, ihnen darin beiznstehen, „daß dein zügellosen Treiben einer vaterlandslosen, vom Judengeist verführten, durch Hudengeld unterstützten Demokratie Widerstand bis zum letzten Atemzuge geleistet wird." In demselben Sinne spricht der Kandidat der Konservativen für den zweiten Berliner Wahlkreis, Privatdozent Dr. v.Wenckstern in den Wahlversammlungen. „Bei dem Freisinn", so sagte dieser Herr, „kommt alles, was er unternimmt, auf das Eeldbeutelinteresse — und zwar in erster Linie des jüdischen — hinaus. Das Judentum benutzte den Freisinn, nm ihn aus dem Hintergründe seinen Zwecken dienstbar zu »rachen." Ans die Frage eines Wählers, wie der konservative Kandidat zur „Judensrage" stehe, erklärte dieser klipp und klar, „daß er in allen wesentlichen Fragen die Forderungen der Antisemiten unterschreibe." Nicht so ganz klar und entschieden spricht sich die konservative Partei in hrem eben erschienenen Wahlbuchlein über ihre Stellung zu den Antisemiten aus. Es heißt dort: „Die Antisemiten als Partei zu behandeln, ist ein schwieriges Problem. Unter de» im Reichstage befindlichen Antisemiten bestehen zahlreiche — mindestens vier Richtungen, die der konservativen Partei »lehr oder weniger nahestehen, aber sämtlich entschiedene Feinde der Sozialdemokratie sind. In den verschiedenen Gauen Deutschlands pflegen auch die Antisemiten verschieden aufzutreten. Im allgemeinen scheint aber bei dem bevorstehenden Wahlkampfe von antisemitischer Seite ein Einsall in konservative Wahlkreise, wie er früher bedauerlicherweise organisiert war, nicht beabsichtigt zu sein. Bon der Person Ahlwardts, der seine eigenen Wege geht und nur bei den Wahlen sich daran erinnert, daß er dem Reichstage angehört, sehen wir ab. Er >st als grundsätzlicher Gegner grundsätzlich zu bekämpfen. Was die übrigen antisemitischen Richtungen anbelangt, so wird über ein Zusammengehen mit ihnen, wie es im Königreich Sachse» allgemein beschlossen worden ist, in den übrigen Wahlkreisen von Fall zu Fall verhandelt werden müssen. Es ist aber zu hoffen, daß sich meist ein Hand in Handgehe» der Konservativen und Antisemiten in der bevorstehenden Wahl wird ermöglichen lassen." Mit Recht erklären die antisemitischen Organe, daß sie eine entschiedenere Sprache gewünscht hätten. Von den übrigen Wahlaufrufen steht in erster Reihe der >er Freisinnigen Vereinigung. Dort ist die von den Antisemiten gewünschte Klarheit und Entschiedenheit zu finden, schon in der Einleitung heißt es: „Das Deutsche Reich kann eine geistige und wirtschaftliche Grobmacht nicht bleiben, wenn es Wissenschaft und Kunst, wenn es seine schulen der konfessionellen Herrschaft, seine Volkswirtschaft einer einseitigen Interessenpolitik unterwirft." Und dann weiter unter den Forderungen, die die Partei ausstellt: „Bolle Gleichberechtigung aller Staatsbürger, einerlei welcher Kon, session, welcher Volksschicht, welcher Partei sie angehören, nicht bloß auf dem Papier, sondern auch in der Praxis." Für uns als Juden kann deshalb kein Zweifel obwalten, welcher Partei wir uns unter den obwaltenden Umständen auzuschließen haben. Ans der Schule soll also nach antisemitischer Erklärung die „Allgsm. Zeitung des Judentums" geplaudert haben, dadurch, daß sie an die Mitteilung, das Pariser HausRothschild beabsichtige eine neue russische Anleihe zu übernehmen, die Frage geknüpft hat, ob man dabei der Juden gedenken werde? Gegenüber dieser aus der Schule plaudernden Torheit nimmt sich die insinuierende antisemitische Weisheit doppelt großartig aus. Nach dieser Weisheit wird mit jener Frage „der Schleier von so manchen dem Nichteiugeweihten rätselhaften Vorgängen enthüllt", und so mahnt ein Antisemitenblatt mit diplomatischer Schläue — „man wird die Sache im Ange behalten müssen." Die braven Leser müssen nach solchen mysteriösen Redensarten glauben, ihre Führer seien einem tief angelegten Weltstaatsstreich der Judenheit auf die Spur gekommen und werden durch ihren Weckruf, „die Sache im Auge zu behalten", die ganze Welt, mindestens aber Rußland vom Untergänge retten. Die heilige Einfalt, daß man heute einreden darf, der dümmste Jude betrüge, beherrsche und unterjoche durch seine satanische Pfiffigkeit die halbe Christenheit, morgen wieder, daß ein jüdisches Blatt, wo es sich um „dem Nichteingeweihten rätselhafter Vorgänge", um eine „Sache, die man im Auge behalten mnß" handelt, den „Schleier enthüllen", „ans der Schule plaudern" wird! Zwar hat das Haus Rothschild noch nicht die Anleihe übernommen, hat vielleicht nicht einmal die Absicht, es zu tun, hat gewiß noch nicht „die Hergabe eines Darlehens an Rußland abhängig gemacht von der Gewährung besonderer Vorteile an die russischen Juden", aber nehmen wir an, es wäre alles so weit, und das Haus Rothschild dächte vor Abschluß einer Anleihe wirklich der russischen Inden. Dann, dann — selbst auf die Gefahr hin, von den Antisemiten für dumme aus - der - Schule - Plauderer gehalten zu werden — behaupten wir, wäre Rothschild in seinem vollständigen Rechte, handelte er nur mit der berechtigten Vorsicht eines klugen Finanzmannes. Er Hütte jedenfalls mehr Recht, beim Abschluß einer Anleihe mit Rußland der russischen wie England das Recht hatte, bei Abschluß des Berliner Vertrages der rumänischen Juden zu gedenken. Dennoch tat England das damals unter der feierlichen Zustimmung der ganzen europäischen Diplomatie. Ja wir gehen noch weiter. Nicht nnr das jüdische Haus Rothschild, sondern auch ein christliches Bankhaus handelte uur recht, wenn es bei Hergabe zahlreicher Millionen an Rußland der russischen Juden gedächte, nicht zwar aus Humanitären, aber aus wirtschaftlichen Gründen. Die besonderen Vorteile, von denen selbst Rothschild die Hergabe eines Darlehens an Rußland abhängig machen würde, wären ja doch nur Beseitigung himmelschreiender Nachteile, Aufhebung erdrosselnder Beschränkungen. Diese Maßregeln aber würden wirtschaftlich dem russischen Reiche mehr als den Juden nutzen, und den Borger kreditwürdiger, zahlungsfähiger