Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- Seite 203 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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203 „Du lachst, meine gute Lysippe, und doch ist sie es allein, die mich in Schatten stellt sie ..." „Das Milchgesicht der Königin meinst Du und das ist Dein Ernst Salome, und Du kannst auch nur eine Minute den Gedanken fasseil, es könnte jemand am Hofe sein, der das Milchgesicht Deiner Schwägerin Deinem Antlitze vorzöge? Nein, sieh Dich nur an, Salome, prüfe Deinen Reiz, Deine hohe üppige Gestalt, Dein wie Feuer versengendes Augenpaar, Deine wie Ebenholz glänzenden Locken, vergleiche Dich mit dem schwachen, gebrechlichen Kinde, das Marianne heißt." „Ach und doch, Lyfippe," sagte tiefaufseufzend die junge Fürstin, „und doch wird weit und breit die Kunde ihrer Schönheit vernommen, alle Vornehmen huldigen ihr und ich, ach. . „Und Du, die sie tausendfach überstrahlt, Du, die erste und herrlichste vor allen, der die Herzen der Jünglinge zufliegen. die sich den Gatten wählen kann aus den vornehmsten Geschlechtern, deren Ehegemahl zu werden sich die Mächtigsten bemühen . . ." „Ja, um dadurch des großen Herodes Bundesgenosse zu werden," kam es bitter aus Salomes Mund. „Nein, Lysippe, von all denen, die nach mir verlangen, weil ich die Schwester des Königs bin, von all denen weiß mein Herz nichts, ich will nicht, daß man Salome freit um des Bruders willen, ich will, daß man mein verlangt, mein und nicht der Schwester des mächtigen Königs!" „Und wahrlich, der Preis Deines Besitzes allein ist des Kampfes ivert, o Salome, und wäre meine süße Taube auch nur ein niedriges Mädchen aus dem verachtetsten Stamme der Hebräer und nicht die große erhabene Fürstin, selbst dann iväre der Reiz Deines Leibes würdig, daß sich die Edelsten um Deinen Besitz streiten und daß alle, alle anbetend den Staub küssen, den Dein Fuß betritt." „Nicht, so lange sie lebt, deren Namen Du genannt, die Verhaßte . . ." „Deren Namen ich genannt, o Salome, der aber auch ansgerottet werden möge und deren Anblick vernichtet!" „O, wer bas vollbrächte, o Lysippe, wer mich von der verhaßten, hochmütigen Königin befreite! Wie würde ich diese Tat belohnen! Wie würde ich frohlocken!" „Doch es ist töricht," fuhr sie nach einer Weile aus sinnender Betrachtung auffahrend, fort. „Es ist hirnverbrannt, daran zu denken: Ihre Macht ist fest, sie beherrscht den Hof und das Reich, und alle, alle blicken zu ihr auf, als zur rechtmäßigen Herrscherin, während sie uns noch stets als Fremdlinge betrachten, die sich die Macht nnd den Thron erschlichen .... Und der König, der verblendete, liebegirrende Tor, eher opferte er seine ganze Familie, ehe er zugübe, daß ein Haar auf dem Haupte seines geliebten Püppchens gekrümmt werde." „Für so gewaltig hält meine Salome die Liebe des Königs?" „Du fragst? und doch weißt Du es, wie der ganze Hof weiß und ganz Zion, daß der König ihr Sklave ist, und daß er es nicht ertragen würde, sollte sie ihm entrissen werden." „O, wär ich daheim in Hellas und nicht hier in Euerem finsteren Hebräerlande, nnd hätte ich sie zur Stelle, die verruchte Königin, wie wollte ich sie den Göttern im Olympe beigesellen und Dich, mein geliebtes Kind, von dem verhaßten Anblicke befreien!" „Nun sind wir aber in Judäa, gute Lysippe. und bei uns gibt es leider keine Götter, die sie zu sich emporheben wollten." „Aber einen Gott," rief leidenschaftlich erregt Lysippe dazwischen, „der sie vernichten möge, sie und ihre ganze hasmonäische Sippe!" „Vernichten! Wer würde es wagen? Sie ist die Königin, und Herodes, ihr liebestoller Gemahl, würde jeden Sterblichen aus der Stelle tödten, der ihr nahe zu treten wagte." „Auch den, der ihr nicht zum Verderben, .... der ihr anders .... ganz anders nahe träte?" kann es langsam aus Lysippens Munde. „Das, Lysippe, wird niemals ein Sterblicher wagen! Du und wir alle kennen des Herodes wahnwitzige Eifersucht, mit der er sie umgibt, mit der er jeden ihrer Schritte verfolgt . . . . Sie aber, sie ist klug, wie die Schlange im Garten der Eva — nichts, auch der größte Argwohn nicht, vermag ihr die heuchlerische Maske vom Antlitz zu reißen, hinter der sich sicher das Laster verbirgt . . . ." „Nun, Salome, so werden denn wir ihr die Maske der Tugend vom Antlitz reißen!" Und mit wilderregter Geberde war sie von ihrem Lager emporgeschnellt und auf die Fürstin hinzutretend, hatte sie ihren Kopf erfaßt und ihn au ihre Brust legend, flüsterte sie mit schmeichelnder Stimme: „Ja, mein Liebling, nicht lange mehr soll ihr Anblick Dein reines Auge trüben, ich, Deine Lysippe, werde Dich befreien!" „O Lysippe! Wenn Dir solches gelänge! Wenn Du die verruchte Hasmonäerin vernichten könntest und ihr Andenken auslöschen aus dem Buche des Lebens, o dann wollt' ich Dich belohnen mit allen Schätzen der Erde, alles . . . ." „Mich verlangt es nicht nach den Schätzen dieser Erde! Seit ich mein schönes, Helles Vaterland verlassen, hat die Erde ihren Nerz verloren, — ich kann nicht mehr froh werden hierin fremdem Lande und nur Deine Liebe ist es und Dein Anblick, Sonne meines Lebens, was mich noch beglückt und darum betrübt es mich, wenn das Lächeln Deinen Mund flieht und Deine Augen tränenfeucht sind. Geduld, meine geliebte Blume, nicht lange mehr soll Dein Kummer währen und bald, bald wird sich Dein Antlitz wieder erhellen und Dein Auge wieder freudig strahlen!" „Lysippe, Du faselst! Wie iväre es möglich? Der Königin nahen ist unmöglich! Sie verderben, die Ausgeburt eines fieberkranken Hirns!" „Ich bin nicht krank, meine Salome, meine Gedanken sind klar wie die Sonne und was ich vorhabe, das gedenke ich auch zu Ende zu führen!" „Und der König? Du weißt, mit welchem Argwohne Herodes jede Mitteilung über seine Gemahlin entgegen nimmt. Nnd wer würde es auch wagen, schlechtes über sie zu hinterbringen — es wäre ja der sichere Tod!" „Solches liegt mir ferne, meine erhabene Salome; anderes habe ich ersonnen und werde es mit Hilfe meiner Götter auch zu Ende führen!" „Künde mir Deine Pläne, Lysippe, vielleicht trügt Dich eitle Hoffnung." „Vergib, Fürstin, wenn ich Dir verschweige, was ich zu tun gedenke. Die Zeit ist noch nicht reis zur Ausführung meines Planes." „Und weshalb verbirgst Du mir Deine Hoffnungen? Du weißt ja, daß es auch die meinen sind und daß ich die Erfüllung derselben herbeisehne mit aller Macht."