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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · p. Seite 201

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 201 (sequence 11)
Language
German
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201 mir auch die Selbstaussagen der Propheten über einen periönlich erlebten Verkehr mit dem in ihre Seele hineiuragenden Göttlichen, die sie mit einer den Zweifel an ihrer Wahrheit ausschließenden Bestimmtheit machen, nicht deswegen verwerfen, weil wir selbst etwa von einem solchen Verkehr nichts wissen oder gar wissen wollen. Aber selbst wer sich gegen den Persönlichen auster-weltlichen Gott sträubt und ihn auf einen Exponenten der menschlichen Einsicht reduzieren will, wird doch zugestehen müssen, daß kein tzolk der Welt sein Innerstes mit solcher Energie auf den -ittlichen Grund der Welt gerichtet hat wie Israel, daß keines olche Offenbarungen des Göttlichen, wie man es auch auffasse, gehabt hat, und darum mit Recht seine heilige Schrift als Offenbarung Gottes und sich selbst als das auserwählte Volk bezeichnen darf, ein „Nimbus", den ihm alle Professoren der Welt nicht rauben werden. Nach diesen notwendigen Auseinandersetzungen über die ürsprünglichkeit und den Offenbarungscharakter des Alten Testaments wenden wir uns dem Hauptthema Delitzsch' zu, ewm Verhältnis von Babel zur Bibel. Me Zensur. Eine Studie zu der Theaterwirkung. Von A. Halberthal-Berlin. ^ie Maßnahmen der Zensur, wie wir sie in letzter Zeit erlebten und von ästhetischem Gesichtspunkte vielleicht auch mit beklagten, haben für uns als Juden kein gntereffe. So scheints auf den ersten Blick: Die Werke, um die es ich handelt, haben als Helden und als Leidende spezifisch christliche Gestalten. Und wenn auch in Heyses „Maria von Nagdala" einige jüdische Gestalten der damaligen gährenden ipoche handelnd austreten, so sind und bleiben sie doch Nebengestalten, Mitbeweger der Haupthandlung. So auch in Oscar Wildes „Salome." Hier, wo Herodes ine lächerlich-naive und brutal-begehrende Rolle zuerteilt ist, nteressieren uns nur die einigen „Juden", die sich am Gepräche mit einigen Worten beteiligen. Es sollen wohl Typen sein, charakteristisch genug für die Zeitströinnng der Tadduzäer u. s. w. „Ob man Gott sehen könne . . darum geht der Streit. Man sieht wenig Typisches — also auch wenig Interessantes nr uns. Was hier erörtert werden soll, ist die Wirkung, oder besser, ie von der Zensur befürchtete Wirkung, die ein solches Drama ei einer öffentlichen Aufführung erzielt, erzielen kann. Die Zuhörer kommen ins Theater — von ihren Geschäften ihren Schreibtischen - kurz: vom Leben ... Sie folgen --er Handlung, wir wollen annehmen, mit Spannung; mit lesthetischer Freude, meinetwegen. Der Vorhang fällt .... Wer nicht gerade hinausläuft um Händedrücke auszutauschen, wird ruhig sitzen bleiben und sich fragen: Was habe ich geehen? Gestalteil! - Wahre? Und nun beginnt der ästhetische Lerdauungsprozeß . . . Handlungen werden erwogen: Nur so lonnte es geschehen. Geschehnisse auf die Wagschale der Vernunft gelegt: Nur so konnte ihre Entwickelung von statten zehen-allerdings aus diesen Gestalten heraus begriffen. Und so verquicken sich Gestalt und Geschehnis, Tat und Tragik zu einem Ganzen, zu einem Eindruck, zu einem Einfluß, zu einem Kunstwerk. Die Gestalten handeln nach ihrem Charakter; der Charakter entwickelt, stärkt sich oder wird geschwächt durch das äußei? Geschehen. Nun aber übergehen wir vom Allgemeinen zum Einzelnen, zum Typischen und somit auch zum Jüdischen. 4S Tritt eine jüdische Figur auf..die.Bühne — ich betone: weder „Shylock" noch ein „Nathan" — zusammen:T keine Extremgestalt — tritt also, sage ich, eine solche Figur auf die Bühne, menschlich handelnd, nur rein gefühlsmäßig und charakteristisch in die Handlung eingreifend, spricht sie nur ein jüdisches Wort oder „mauschelt" sie gar, so geschieht etwas ganz Eingenartiges — Merkwürdiges: aus dem Charakter wird ein — „Jude" — aus der Figur oder Gestalt — ein Typus. Wie das zugehen mag, ist psychologisch recht interessant. Im ganzen und im großen spielt hier das Vorurteil eine große, einflußreiche Rolle. „Der" Jude ist auch — „die" Juden . . . Immer . . . von jeher .... Und wenn ChaipaS, der Hohepriester in „Maria von Magdala", um den-j Christentumsstifter zu Fall zu bringen, den unwürdigen Versuch macht, Maria zu überreden, ihn in ihr Garn zu.verstricken, so — ich spreche aus Erfahrung, bei der Lektüre gemacht — so wird ein Kopfschütteln entstehen . . . Manche Fäuste werden sich ballen —: der Jude . . .! Sogar ein Hoherpriester! wird man betonen. Daß gerade diese letzte Tatsache der Schlüssel zum Verständnis, zur historischen Würdigung des Kulturkampfes, der sich damals abspielte, ist, wird nur Wenigen einfallen. In dem Falle, von dem ich sprach, ging die Dame, mit der ich zusammen las, soweit, auszurnfen: Unsittlicher Schacherjude!. .. Doch: Wir wollen noch weiter gehen — zu nicht historischen Gestalten, deren Empfinduugswelt und Gefühlsleben uns näher stehen,.deren Denken uns adäquat ist. Hier in Berlin — im Herrnfeld-Theater — kann man nacht-nächtlich.die^Knnst zweier Brüder bewundern. Judengestalten! Galizisch-nngarische Juden treten'auf. Und diese Juden verstehen sich aufs Späßemachen. .. Man sollte es garnicht glauben, daß bei so vieler Unterdrückung und Niedrigkeit — — doch das gehört nicht hierher. Es ist ein anderes, trauriges Kapitel. Also die Juden machen Späße — zum „Brüllen" .:. Die Menge johlt. . . Doch ist es nicht Persönliche Komik, die wirkt, sondern Situationskomik, wenigstens in den meisten Fällen. Der Jude mauschelt in erster Reihe — nicht nur mit de»: Mundwerk, auch mit Füßen und Händen. . . Dann wütet er. . . Kurzum, was er tut, ist „komisch". .. Stellt man nnn so einen „Juden" ii: eine Situation, wie etwa im „Fall Blumentopf", so ist er eine vollendetejKarikatur. Doch — das wäre gut. Uebertriebenheiten sind nicht ge° führlich; Karikaturen setzen Kenntnis der behandelten Persönlichkeit voraus... Ja — da ist eben der Augenpunkt: Der Jude ist immer „getroffen", „vorzüglich", „echt" . . . Absichtlich gebrauche ich hier Ausdrücke aus meinem Notizbuche, die im Herrnfeld- Theater gefallen sind...

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