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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1903-04-24 · Heft 17 (24.4.1903) · p. Seite 199

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
67 (1903)
Issue
Heft 17 (24.4.1903)
Date
1903-04-24
Page
Seite 199 (sequence 9)
Language
German
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199 Buch der Siege Gottes" oder alte Lieder oder auf die Amtlichen Aufzeichnungen über die Regierung der israelitischen Könige, sowie im Neuen Testament der Evangelist Lucas seine Erzählung von dem Leben Jesu nicht als ein Diktat des heiligen Geistes, sondern als seine persönliche schriftstellerische Leistung hinstellt, die er sich Mühe geben wolle, so zuverlässig wie möglich zu machen. Streng genommen hat auch das Judentum nur Ein Werk in aller Form für kanonisch und verbindlich erklärt: die Thora. Die Propheten und Hagiographen sollen nicht mehr sein als ehrwürdige Nationalliteratur, ohne daß man sich mit allen Einzelheiten solidarisch erklären oder sie gar für buchstäbliche Offenbarung Gottes halten sollte. Aber auch wenn dies die Absicht der Sammler gewesen wäre, oder von späteren Dogmatikern, sie mögen heißen wie sie wollen, verlangt würde, so hätten wir das Recht, eine solche Forderung abzulehnen, wenn sie mit unserer besseren Einsicht streitet. Das Judentum kann in seinem eigenen Interesse nicht dringend genug daran gemahnt werden, sich die unjüdische, unbiblische und eigentlich christliche Theorie von der buchstäblichen Inspiration aller biblischen Bücher vom Halse zu halten, denn wir würden uns damit in eine Position begeben, die vor den Waffen der Geschichte und des gesunden Menschenverstandes unrettbar verloren ist. Ist es doch auf keine Weise zu bemänteln, daß sich in manchen Büchern positive Jrrtümer, zum Beispiel in Zahlenangaben finden. Damit, daß mau etwa solche Jrrtümer den Abschreibern zur Last legt, hat man nicht viel gewonnen, da man hierdurch den Verfasser zu einem Unbekannten macht, den man nicht tadeln aber auch nicht preisen kann. Es ist also abgeschmackt, wenn man uns Juden jede in der Bibel erzählte Handlung fast in einem Tone vorwirft, als hätten wir sie selbst verübt oder mit der selbstverständlichen Voraussetzung, daß wir sie nicht bloß billigen, sondern weil sie ja in der Bibel stehe, billigen müßten. Die Bibel schildert die Menschen wie sie sind und waren, nicht wie sie sein sollten; sie ist ein getreuer unerbittlich wahrer Spiegel des Lebens, des vielgestalteten Lebens einer ganzen Nation und der verschiedensten Individualitäten. Vergessen wir nie, daß unsere Religion nicht auf das Vorbild eines Menschen gegründet ist, daß daher unsere heilige Schrift gar nicht nötig hatte, ihre Gestalten in unwahrer Weise zu idealisieren. Dennoch sind uns die vierundzwanzig von unseren Weisen für kanonisch erklärten Bücher der Bibel eine heilige Schrift und, recht verstanden, göttliche Offenbarung, d. h. wir sind überzeugt und können uns immer von neuem überzeuge», daß sie von einem unverrückt auf das Ewige und den Ewigen gerichteten Geiste durchdrungen sind und nur von Menschen versaßt werden konnten, welche von diesem heiligen göttlichen Geiste erfüllt, getragen oder unterstützt waren, wenn dies auch nach Maßgabe ihrer verschiedenen menschlichen Eigenart, die anszulöschen Gott nickt willens war, in verschiedener Weise und Stärke zum Ausdruck kommt. Wir sind überzeugt und können uns immer von neuem überzeugen, daß wir in diesen Schriften alles finden, was uns für das Heil unserer Seele zu wissen not tut, ohne daß wir für die Menschlichkeiten ihrer vielen Verfasser blind zu sein brauchen. Dies ist unsere Ansicht von der Inspiration der Bibel im allgemeinen, d. h. von ihrer Durchhauchung mit heiligem göttlichen Geiste. Der mittelalterliche dogmatische Begriff hat für uns nur gelehrtes historisches Interesse, aber keine Verbindlichkeit. Ernster scheint die Frage zu werden, wenn in der Bibel jemand selbst behauptet, sein Wissen aus göttlicher Offenbarung empfangen zu haben und wörtlich wiederzngeben, was Gott zu ihm gesprochen habe, wie es Mose und die Propheten tun. Wie steht es nun aber, wenn, wie Delitzsch triumphierend verkündet, Hammurabi, der König der Babylonier, seine Gesetze gleichfalls unmittelbar von seinem Gotte, von Shamasch, erhalten zu haben behauptet? Zunächst ist dies nichts weniger als eine Neuigkeit. Es ist eine allbekannte Gewohnheit des ganzen Altertums, insbesondere des orientalischen, daß Neligionsgründer und Gesetzgeber die Lehren, die sie verkünden, als unmittelbare Offenbarungen ihrer Götter bezeichnen. So finden wir es bei den Aegyptern und Phöniziern, Persern und Indern, Griechen und Römern und Hammurabi ist nur ein neues Beispiel dafür. Auch haben sie alle recht. Aller Geist kommt von Gott. Wenn die Gesetze und die Religion, die jemand verkündet, der Höhepunkt seiner Einsicht und seines sittlichen Empfindens sind, dann ist es eben das Göttliche, das aus ihm spricht, so weit es in ihm wirkt und von ihm erfaßt ist. Sein Gott hat es ihm offenbart. Formell macht auch die biblische Offenbarung keine Ausnahme davon. Wir sind doch wohl alle darin einig, daß Gott reiner Geist ist und alles Menschliche nur i» nneigentlichem Sinne von ihm ansgesagt werden kann. Daher kann ein Satz wie „und Gott sprach" buchstäbliche Wahrheit nicht sein. Für uns gehören zum Sprechen körperliche Organe, ein Kehlkopf, ein Gaumen, eine Zunge, Zähne und Lippen. Die mittelalterlichen Religionsphilosvphen, die gerade die llnkörperlichkeit Gottes mit der größten Strenge durchgeführt haben, suchten sich dahermitder Theorie von einer „eigens geschaffenen Stimme," welche nur die Propheten hörten, zu helfen. Ir» dieser Formulierung ist sie für uns nicht brauchbar. Wir können uns das Sprechen Gottes zum Propheten nicht anders als einen rein geistigen Vorgang in der Seele des Propheten denken. Wir verlegen ins Innere, ivas für den antiken Menschen außen vor sich ging oder was er wenigstens so ausdrückte und im Grunde genommen gar nicht anders ausdrücken konnte. Wir können von Gott nicht anders als menschlich reden und alle philosophische Umschreibung rettet nicht vor dieser Schranke der menschlichen Sprache. Dennoch ist es über allen Zweifel erhaben und läßt sich auf das Strikteste beweisen, daß die biblischen Schriftsteller ihre menschliche Rede von Gott niemals buchstäblich verstanden wissen wollten. Wie kann man es nun noch als ehrlich bezeichnen, wenn Delitzsch, der das wissen muß, als Antwort an seine Gegnerin der Vorrede zur zweiten Auflage das dreiundsechzigste Kapitel des Propheten Jesaia vorlegt: „Wer kommt da von Edom, rot das Gewand von Bozra, prächtig in seinem Kleide . . . warum ist rot dein Gewand und deine Kleider wie eines, der die Kelter trat? Die Kelter trat ich allein und von den Völkern war keines bei mir, und ich zertrat sie in meinem Zorne und zerstampfte sie in meinem Grimm und es spritzte ihr Lebenssaft auf meine Kleider und meine Gewänder wurden alle besudelt, denn ein Tag der Rache ist in meinem Herzen u. s. w." Diese prophetische Rede legt Delitzsch vor, um aller Welt vor Augen zu führen, welche Sprache die Propheten Israels von Gott führen, daß man ihre Reden daher nicht als Offenbarungen Gottes ansehen dürfe und das; der Deutsche sich lieber an den Gott halten solle, der sich in

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