Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 67 (1903)
- Issue
- Heft 17 (24.4.1903)
- Date
- 1903-04-24
- Page
- Seite 198 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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198 auch schlechterdings keine einzige, wenn auch noch so geringfügige originale Idee enthält. Man greife heraus, was man will, aus der Gotteslehre, der.Christologie, der Sittenlehre, der Eschatologie, dem Ritus und der kirchlichen Verfassung, immer wird es sich selbst bis in die kleinsten Züge und den sprachlichen Ausdruck entweder auf das biblische, pharisäische oder hellenistische Judentum oder auf zeitgenössische, nichtjüdische Philosophie, Mystik, Symbolik und Ethik, auf Kultus, Ritus, Recht, Sitte, Brauch und Aberglaube der Umgebung zurückführen lassen. Die Schwierigkeit der Forschung besteht vornehmlich in der Aufgabe, jedem der vielen zusammenwirkenden Faktoren seinen Anteil zurückzugeben und den verzweifelten Knäuel sauber zu entwirren, bis alle Fäden bloßgelegt sind. Nichtsdestoweniger würden die christlichen Theologen sehr entrüstet sein, wenn jemand behaupten wollte, da das Christentum keine einzige neue Wahrheit in die Welt gebracht hat, so habe die Menschheit ihm nichts zu verdanken. Natürlich sind ihnen die Ergebnisse der Religionsgeschichte wohlbekannt, aber in diesem Falle hütet man sich wohl, sie unter das Volk zu tragen und dem Mißverstände preiszugeben. Es ist charakteristisch, daß während man beim Alten Testament jede angebliche Entlehnung mit lauten Posaunenstößen verkündet, man beim Neuen nicht einmal die bewiesenen über den Kreis der Studierenden bekannt werden läßt und das große Publikum hartnäckig in der hergebrachten Meinung zu erhalten beflissen ist, daß z. B. der universale Gottesbegriff oder die Bezeichnung Gottes als unseres Vaters oder die Gotteskindschast oder der Individualismus in der Religion oder die Wertschätzung der Gesinnung oder das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe, lauter originale, vom Neuen Testament zum erstenmale ausgesprochene Gedanken sind. Hält man ihnen aber vor, daß sich dies alles schon früher finde, darin haben sie gewöhnlich als Antwort zur Hand, allerdings steht das auch schon in der hebräischen Bibel und im Talmud, aber dort steht auch noch vieles andere, Unwesentliche, wodurch das Wesentliche erdrückt und überwuchert erscheint — da kam Jesus und hat wieder das Wesentliche betont; allerdings sind diese Wahrheiten schon längst von den Propheten Israels ausgesprochen worden, aber sie waren in Bergesseuheit geraten — da kam Jesus und hat sie durch seine Predigt in Erinnerung gebracht. Nun wohl, so gestehe inan wenigstens dasselbe dem Alten Testament zu. Man sage für phärisäisches Judentum Babel und für Jesus Moses und man hat dasselbe Verhältnis. Vielleicht findet sich wirklich schon in der babylonischen Religion die Idee von dem einen Gott, aber es findet sich in ihr auch noch vieles andere, z. B. der ausschweifendste Polytheismus und blödeste Aberglaube, das Wesentliche ist unter Bergen von wüstem Schutt begraben und man muß es erst mit vieler Mühe buchstäblich aus graben. Es mag möglich sein, daß manche Wahrheiten der Bibel schon von den Weisen Babylons ausgesprochen worden sind, aber sie müssen arg in Vergessenheit geraten sein, da man Jahrtausende nichts davon gewußt hat. So wenig die religionsgeschichtliche Erforschung der vorchristlichen Jahrhunderte und der Nachweis der durchgängigen Abhängigkeit des Neuen Testaments etwas von der unbestreitbaren Tatsache abbricht, daß mit dem Christentum eine neue Macht in das Leben der Menschheit eingetreten ist, so wenig wird die Erforschung der vormosaischen Jahrhunderte, was immer sie zu Tage fördere, die Tatsache ungeschehen machen daß der Welt die erhabensten Wahrheiten von Israel gebrach, worden sind und daß das Buch, welches sie verkündet, niemals verschüttet gewesen ist und nicht erst ausgegraben zu werden brauchte. Große Erregung haben ferner Delitzsch'Aeußerungen übe die Offenbarung hervorgerufen. „Es läßt sich kaum eingrößere Verirrung des Menschengeistes denken als die, das, man die im Alten Testament gesammelten unschätzbaren lieber reste des althebräischen Schrifttums in ihrer Gesamtheit jahr hundertelang für einen religiösen Kanon, für ein offenbarte: Religionsbuch hielt." (S. 19). Zunächst vermisse ich hie wieder die Einbeziehung des Neiten Testaments. Hat man dieses nicht jahrhundertelang sür einen religiösen Kanon, sü ein offenbartes Religionsbuch gehalten? Und ist das keine Ver irrung des Menschengeistes gewesen? Sodann kann ich, wem: ich das Gewicht auf die Worte in ihrer Gesamtheit lege nicht einsehen, ivas hieran Entsetzliches sein soll. Es ivird doch wohl niemand im Ernste behaupten wollen, daß sämtlich' Bücher des Alten (und Neuen) Testaments vom ersten bi zum letzten Worte buchstäblich das Wort Gottes und in allen Einzelheiten absolute Wahrheit und religiös maßgebend seien Um solche Ungeheuerlichkeit abzulehnen, braucht man noch nicht auf den Inhalt einzugehen, sondern sich nur die Frage vorzu legen, wie die Vereinigung dieser Bücher zu einer kanonischen Sammlung zu stände gekommen ist. Daß die vierundzwanzig Bücher, welche die hebräische Bibel ausmachen und in einem kleinen Bande bequem in der Tasche getragen werden können nicht die gesamte religiöse Literatur, welche das israelitisch- Volk währeird eines vollen Jahrtausends und darüber hervor gebracht hat, enthalten können, leuchtet von selber ein. Si können nur eine Auswahl aus einem einst viel reicheren Schrifttum darstellen. Wenn, voll wem und nach welchen Grundsätzen die Auswahl erfolgte, darüber sind wir freilich nur sehr unvollkommen unterrichtet. Indessen wissen wir audem Talmud, daß noch im zweiten nachchristlichen Jahrhundert von manchen jüdischen Gesetzeslehrern ernstlich Bedenken gegen die Aufnahme mehrerer Bücher in den Kanon erhoben und nur mit Mühe beschwichtigt worden sind. So wollten si zum Beispiel den Propheten Ezechiel, ferner das Buch Kohele, und das Hohe Lied ausschließen, weil sie teils mit der israeli tischen Lebensauffassung, teils mit einzelnen pentateuchischen Gesetze» in Widerspruch zu stehen schienen. Wenn sie nun schließlich dennoch ausgenommen wurden, so beweist diese: Vorgang zur Genüge, daß die Kanonizität wenigstens einige Bücher nicht auf einer unbezweifelbaren göttlichen Willens- Meinung, sondern auf gelehrten Erwägungen beruht, denen man zustimmen aber auch widersprechen darf. Wäre damal die Minorität durchgedrmigen, dann gäbe es heute zum Beispiel kein „geoffenbartes" Buch des Propheten Ezechiel. Liest man nun die Bücher selbst niit unbefangenem Blick, dann findet man, daß sie meist gar nicht daran denken, solche Ansprüche z» erheben. Zum Beispiel die geschichtlichen Bücher Josua, Richte» Samuel, Könige und überhaupt die Erzählungen des Pentateuchs oder gar Esra, Nehemia und die Chronik, aber auch schon die Genesis wollen einfach auf Grund ihrer Ueberlieferungeu oder Forschungen die Geschichte oder Vorgeschichte des Volkes Israel erzählen. Hierzu berufen sie sich nicht auf göttliche Eingebungen, sondern oft genug ganz nüchtern auf ältere Quellenwerke, zum Beispiel auf das „Buch des Frommen" oder „daS Buch der tichen A Könige, Erzählun heiligen Leistung wie mög Stre in aller Thora, sein als allen Eir stäbliche Aber wäre, osie wolle Förderin streitet, dringend unbiblisc stäbliche, halten, d die vor verstand, zu bemä zum Bei solche Ir viel gew bekannte preisen k Es i der Bibe hätten n Vorauss ja in de Mensche: ist ein g vielgesta fchiedens Religion ist, daß Gestalte, Den für kan, und, rec überzeur sie von richteten faßt >ve, Geiste e: nach M> anszulck und Sti können Schriste: wissen r vielen 8 Die allgeme tichen E